Verwüstungen – Mutter Courage und ihre Kinder

Wer gekommen war, war aus Ruinen gekommen
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 11. Januar 2019
Proben zu Mutter Courage mit Gisela May und Manfred Wekwerth im Berliner Ensemble, 1978 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T0927-019 / Katja Rehfeld)
Proben zu Mutter Courage mit Gisela May und Manfred Wekwerth im Berliner Ensemble, 1978 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-T0927-019 / Katja Rehfeld / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Brecht begann im September 1939 im skandinavischen Exil mit der Niederschrift des Theaterstücks „Mutter Courage“. Er wählte die Figur als Beispiel, um vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges vor dem Krieg im Allgemeinen zu warnen und dessen Ursachen aufzudecken. Brecht meinte: „Die Schriftsteller können nicht so schnell schreiben, wie die Regierungen Kriege machen können: denn das Schreiben erfordert Denkarbeit. Die Bühnen waren viel zu früh in den Händen des großen Räubers“. Die Uraufführung konnte erst am 19. April 1941 am Schauspielhaus Zürich mit Therese Giehse stattfinden. Am 11. Januar 1949 fand dann die deutsche Erstaufführung in Berlin im Deutschen Theater statt. 1946 hatte Paul Dessau eine Musik zu „Mutter Courage“ komponiert. Bis dahin war das Interesse an Brecht in der Berliner Theaterszene eher verhalten, der grandiose Erfolg änderte dies schlagartig.

Therese Giese um 1919

Therese Giese um 1919

( Gemeinfrei)

Helene Weigel und Brecht erarbeiteten eine Modellaufführung, die bis in den April 1961 auf dem Spielplan des „Berliner Ensembles“ über 400 Aufführungen erlebte. In all diesen Jahren zog Helene Weigel in ihrer Paraderolle als „Courage“ ihren Planwagen über die Bühne, das legendäre Theaterrequisit ist im Brecht-Weigel-Haus in Buckow vor den Toren Berlins ausgestellt. Seither hat das Stück seinen festen Platz in den Spielplänen der deutschen Theater. Seit der Uraufführung am 19. April 1941 gab es nach Zahlen des Brecht-Archivs und des Suhrkamp Theater Verlags rund 300 Premieren im deutschsprachigen Raum. Seit der Wende steht das Werk nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins in jeder Spielzeit bei mindestens vier deutschen Theatern auf dem Spielplan. „Mutter Courage“ ist kein Stück über Rockefeller, der am Krieg verdienen will und auch verdient, sondern über den kleinen Händler, der verdienen will und nicht verdient“, merkte Brecht zu seinem im Exil geschriebenen Stück an. Nach der Uraufführung in Zürich sprach die Kritik von einer Tragödie im Stil der großen griechischen Stücke wie „Antigone“ oder „Medea“. Diese falsche Interpretation veranlasste Brecht, noch einmal am Text zu feilen, denn: „Die Courage verflucht zwar den Krieg, aber sie glaubt an ihn bis zuletzt.Es geht ihr nicht einmal auf, dass man eine große Schere haben muss, um am Krieg seinen Schnitt zu machen.“ Dass seine Courage nicht sehend wird, warf man ihm vor. Und er antwortete, ihm komme es darauf an, „dass der Zuschauer sieht“.
Was lehrt uns nun bis heute die Mutter Courage? Die Antwort lautet kurz und bündig: nichts. Denn Lernen bedeutet, dass man sein Verhalten ändert – und gerade das tut die Courage nicht. Sie glaubt zu Beginn des Stücks, dass ihr der Krieg Profit bringen wird, und sie glaubt es auch am Ende des Stücks, als ihre drei Kinder bereits tot sind. Dass sie daran Mitschuld hat, kommt ihr nicht einmal ansatzweise ins Bewusstsein; ja, sie kennt nicht einmal das wahre Ausmaß der Katastrophe, da sie am Schluss noch immer auf ein Wiedersehen mit ihrem älteren Sohn hofft, über dessen Tod sie nicht unterrichtet wird. Sie ist und bleibt eine Mitläuferin; ein Umstand, der dem Stück anfangs auch einige Kritik einbrachte: Viele hätten ein Ende mit einer positiven Lösung bevorzugt. Brecht schrieb dazu im Jahr 1949: „Die Courage […] erkennt zusammen mit ihren Freunden und Gästen und nahezu jedermann das rein merkantile Wesen des Kriegs: das ist gerade, was sie anzieht. Sie lernt so wenig aus der Katastrophe wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt. Dem Stückschreiber obliegt es nicht, die Courage am Ende sehend zu machen“. Oder mit anderen Worten: Das Publikum soll aus der Tatsache lernen, dass die Courage aus dem Krieg nichts lernt.

Helene Weigel

Helene Weigel

( Fotothek / Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)

Die Tochter Kattrin ist die unschuldige stumme, gequälte Kreatur, die, obwohl verunstaltet, nicht zögert, mit den geringen Mitteln, die ihr noch zur Verfügung stehen, Widerstand zu leisten, indem sie sich dem Gesetz der Anpassung verweigert. Sie greift aktiv in das Geschehen des Krieges ein, indem sie uneigennützig ihr Leben dafür opfert, um das Leben vieler zu retten. Ihr Handeln wirkt revolutionär und als Signal für den Bauernburschen, der ihr Unternehmen unterstützt. So ist die Figur der Kattrin als „Anti-Courage“ zu verstehen, als die andere Möglichkeit: Sie akzeptiert den Krieg nicht als schicksalhaft gegeben, sie liefert sich der gesellschaftlichen Ordnung nicht aus, sondern zeigt die Möglichkeit einer opferbereiten, aktiven, kritischen Haltung auf. Mit der Figur Kattrins verkündet Brecht seine These: „Das Proletariat kann den Krieg abschaffen, indem es den Kapitalismus abschafft.“ Über die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse könnte es zur Aufhebung des Krieges kommen.
Brechts Drama traf das Zeitgefühl der kleinen Leute, die in der Ruinenstadt Berlin gelernt hatten, dass ihnen der Krieg nichts bringt. Im „Neuen Deutschland“ hieß es nach der Aufführung: „Als der Wagen der Courage auf die deutsche Bühne rollte, erklärte das Stück die immensen Verwüstungen, die der Hitlerkrieg angerichtet hatte. Die zerlumpten Kleider auf der Bühne glichen den zerlumpten Kleidern im Zuschauerraum.“ Mit der sozialen Position und der Kriegserfahrung der Mutter Courage konnten sich die Zuschauer identifizieren, ihr Handeln und Scheitern ließen keine Identifikation zu. Insofern stellte das Stück ganz neue Anforderungen an das Publikum. Auch das Bühnenbild polemisierte gegen Sehgewohnheiten, die das Theater im Faschismus kultiviert hatte. Der Wagen der Courage rollte vor dem weißgetünchten Rundhorizont über die fast leere Bühne. Statt des großen Vorhangs die flatternde Halbgardine. Ein vom Schnürboden herabgelassenes Emblem kündigte die Unterbrechung der Handlung durch Lieder an. Doch das Publikum fühlte sich durch die neue Darstellungsart nicht schockiert, sondern angesprochen, ging es doch auf der Bühne um sehr elementare Fragen, um die menschlichen Anstrengungen, die aufgebracht werden müssen, um zu überleben.

Gisela May

Gisela May

( Hans van Dijk / Anefo - Nationaal Archief / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Vor der öffentlichen Premiere stellte Brecht das Stück in einer geschlossenen Vorstellung für Gewerkschaften vor. Manfred Wekwerth, damals noch ein Neuling im Umfeld Brechts, kommentiert Brechts Bemühungen um das proletarische Publikum so: Noch vor der Premiere „bestand er darauf, eine Vor-Aufführung vor Fabrikarbeitern zu machen. Die fand, was die wenigsten wissen, tatsächlich statt. Brecht lag an der Meinung dieser Leute. Er sprach nach der Aufführung mit ihnen. Die Arbeiter hatten bei der für sie ungewohnten Aufführung viele Fragen, Kritiken, es gab auch schroffe Ablehnung und Unverständnis. Brecht beantwortete alles mit großer Geduld.“

Brecht in seinen Anmerkungen zum Couragemodell 1949:
„Es ist notwendig, die stumme Kattrin von Anfang an als intelligent zu zeigen. (Ihr Gebrechen verführt Schauspieler dazu, sie als dumpf zu zeigen.) Sie ist am Anfang frisch und heiter, von ausgeglichener Gemütslage […]. Die sprachliche Unbeholfenheit teilt sich wohl ihrem Körper mit, jedoch ist es der Krieg, der sie bricht, nicht ihr Gebrechen; technisch gesprochen: Der Krieg muss etwas zum Brechen vorfinden.“


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Leserbrief zu Artikel »Verwüstungen – Mutter Courage und ihre Kinder«, UZ vom 11. Januar 2019





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