Marijke liest Krimis

„Bis die Tage mit Finsternis beginnen und in Finsternis enden“

Friedrich Ani beschreibt in „Der Narr und seine Maschine“ ein Leben ohne Plan B
Von Bee
|    Ausgabe vom 4. Januar 2019

Friedrich Ani
Der Narr und seine Maschine
Ein Fall für Tabor Süden
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
143 Seiten, 18,- Euro

Ein Mann will verschwinden. Ein anderer Mann ist schon verschwunden. Tabor Süden, ehemaliger Polizist, Spezialist für Vermisstenfälle und eigentlich auch ehemaliger Privatdetektiv, war „ein Fahnder auf der Suche nach den Schattenlosen. So lange bis die Tage mit Finsternis begannen und in Finsternis endeten.“ Dabei wurde er selbst zu einem Schattenlosen. Seine ehemalige Chefin kann ihn noch einmal mit einem Auftrag zurückholen.
Cornelius (Linus) Hallig ist ein erfolgreicher Kriminalschriftsteller, der sich der Öffentlichkeit immer entzog. Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben war seine Mutter. Zwanzig Jahre lang lebte er mit ihr in einem Hotel, sie war seine Vertraute, Trösterin, Beschützerin. Seit sie sich vor zehn Jahren das Leben nahm, will Linus immer weniger mit seinem Leben zu tun haben. Jetzt steht er reglos an einer Ampel, dürr, ausgezehrt von Alkohol, Nikotin und einer nicht behandelten offenen Wunde am Bein. Er wird sein Leben verlassen. Alles ist steingrau, die Häuser, die Gärten, er selbst. „Die Nacht dauerte an und nannte sich Tag.“ Noch einmal kehrt er zurück an den Ort seiner Kindheit. Als Fünfjähriger hatte er seine Mutter gefragt, ob er jetzt auch alt werden müsse. Danach war alles anders und entschieden.
Friedrich Ani hat mit Tabor Süden einen Ermittler etabliert, der mal nicht Mord und Totschlag aufklärt, sondern Vermisste aufspürt und dabei in die Abgründe der menschlichen Seele und der gesellschaftliche Verhältnisse blickt. Eine bodenlose Traurigkeit durchzieht die Süden-Romane, keine Ironie, keine coolen Sprüche mildern das Entsetzen. Ani zeigt das menschliche Dasein als eine einzige Anstrengung, „eine Erklärung zu finden für die sich unendlich wiederholenden, unbegreiflichen Demütigungen des Lebens“. In dieser Geschichte wird die Melancholie zu einer fast vollkommenen Hoffnungslosigkeit.
Während wir Linus durch den Tag und durch seine Kindheit und Jugend begleiten, kommt Süden ihm durch seine Fragetechnik, die hauptsächlich aus Zuhören besteht, näher. Im Laufe der Jahre hat er ein untrügliches Gespür für Zwischentöne, Stimmnuancen, das Ungesagte entwickelt. Nach einigen Befragungen, der Lektüre einer noch unveröffentlichten Biographie über den Schriftsteller weiß Süden, wo er Linus finden wird.
Den Titel hat Ani dem vorangestellten Motto des Romans entnommen. Es stammt von Cornell Woolrich, einem hierzulande kaum bekannten amerikanischen Krimiautor. Die Figur von Cornelius Hallig hat viel von Woolrich, nicht nur ihr Pseudonym. Bei „crimemag.de“ setzt Ani dem verehrten Kollegen ein Denkmal. Und erklärt: „Als ich darüber nachdachte, aus Anlass des Todestages über diesen Kriminalschriftsteller zu schreiben, trat wie selbstverständlich mein alter Wegebegleiter Süden aus dem Dunkel, verwandelte sich in die Silhouette eines Vergessenen und machte sich auf die Suche nach ihm. Also tat ich, was ich in Südens Gegenwart immer getan habe – ich folgte ihm und verspürte ein seltsames Glück, ihn so unverhofft wiedergetroffen zu haben.“
Linus besucht seine Stammkneipe, um ein letztes Mal unter „den Gesegneten“ zu trinken. Vor langer Zeit war sie auch Südens Zuflucht vor den Zumutungen der Welt. Hier erscheint „die Gegenwart als Abwesenheit von Zukunft und Vergangenheit“. Hier treffen die beiden Männer aufeinander, trinken, kommen sich nahe, erkennen sich. Tabor Süden hat den Vermissten gefunden. Aber, wen hat er gesucht?

Friedrich Ani
Der Narr und seine Maschine
Ein Fall für Tabor Süden
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
143 Seiten, 18,- Euro


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »„Bis die Tage mit Finsternis beginnen und in Finsternis enden“«, UZ vom 4. Januar 2019





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.