Ende des Steinkohlebergbaus

Glückauf Ruhr – Glückab für viele

Mythos und Realität gingen schon immer auseinander
Von Rolf Euler
|    Ausgabe vom 21. Dezember 2018

Gelsenkirchen 1968: Der Förderturm der Zeche „Graf Bismarck“ fällt. Der Turm war erst 1960 fertig gestellt worden. Die Schachtanlage, 1966 stillgelegt, war eine der modernsten des Reviers.

Gelsenkirchen 1968: Der Förderturm der Zeche „Graf Bismarck“ fällt. Der Turm war erst 1960 fertig gestellt worden. Die Schachtanlage, 1966 stillgelegt, war eine der modernsten des Reviers.

( Toni Tripp)

Die letzten Zechen haben geschlossen – der Steinkohlebergbau in Deutschland ist seit einigen Wochen „Geschichte“. Anlass nicht nur für Kunst- und Industriemuseen, diesem wichtigen Industriezweig Nachrufe zu widmen. Der Büchermarkt wird überschwemmt.
Das „Glückauf, der Steiger kommt“ wird in Endlosschleife gespielt, wo diese Worte doch schon längst zur Folklore gehören, ihren arbeitsbezogenen Sinn bald nur noch für die wenigen hundert Bergleute, die nach dem 1. Januar 2019 zurückbleiben werden, mühsam erfüllen können. Da soll die Parole „Glückauf Zukunft“ Zuversicht im Revier verbreiten.
Der Strom der Events ergoss sich, unbekümmert um Steinkohleimporte, Energierückwenden und Globalisierungsfolgen über das Ruhrgebiet. Und die ehemaligen Bergleute stehen am Rand und fragen sich, ob soviel der Lorbeeren nicht bitter schmecken müssen und ungerechtfertigt an den oft brutalen Zeitläufen, die sie und ihre Vorfahren erlebt hatten, vorbeigehen.
„Der Bergbau geht, der Kumpel bleibt“: Nach Ende der Bergarbeit bleibt der Mythos von durch harte Arbeit erzwungener Solidarität, sozialer Befriedung und regionaler Betroffenheit noch eine Weile erhalten. Aber Mythos und Realität gingen schon immer auseinander. Viele tausend Bergleute verließen die stillgelegten Bergwerke krank, abgearbeitet oder im Zorn auf den „Pütt“ – sicher ist auch das Gegenteil der Fall, und in Erinnerungen ist alles besser gewesen. Der Bergbau präsentiert die reale Arbeitswirklichkeit nur noch in Museen, in einzelnen Ausstellungsstücken.
Die soziale Lage hat sich aber fast genauso schnell geändert wie der Pütt zugemacht hat. Das merken die Menschen in den emschernahen Stadtvierteln etwa von Gelsenkirchen, Duisburg, Recklinghausen oder Herne. Manchmal ist die Bergarbeitersiedlungsgeschichte noch zu erkennen an der Siedlungsstruktur in erhaltenen Gartenstädten, etwa Teutoburgia in Herne. Kämpfe der Bewohner gegen Abriss oder Privatisierung wurden noch in der Ausstellung auf Zollern erwähnt. Aber Privatisierung und oft auch Verdrängung der alten Mietergruppen, Umwandlung von Siedlungen auf die Private-Equity-Wohnungsgesellschaften wie Vonovia waren die städtebauliche Begleitmusik zum sterbenden Pütt, zur Verrentung der Bergleute, zum Abwandern ihrer Kinder.

Kumpel der Schachtanlage Westerholt in 600 Meter Tiefe

Kumpel der Schachtanlage Westerholt in 600 Meter Tiefe

( Toni Tripp)

Die ehemaligen Bergleute „bleiben“ noch eine Zeit, das Interesse an ihrer Vergangenheit wächst, je weniger es davon gibt. Engagierte halten „ihren“ Pütt bei den Industriemuseen noch ein bisschen lebendig. Aber wer bewahrt, was an Widerständigkeit, Kämpfen und Niederlagen nötig war, um den kapitalistischen Bergbau in vielen Bergleute-Generationen auszuhalten? Die Gewinne sind privatisiert, die Verluste durch Subventionen vergemeinschaftet, seine Folgen in der Stiftung „ewig“ zu finanzieren. Die sozialen, ökologischen und ökonomischen Probleme des Steinkohlebergbaus haben die Energiekonzerne exportiert, sie verbergen sich in der nach wie vor verfeuerten und verkokten Importkohle.
Die meisten Hochglanzbücher dieses Jahres verbergen denn auch einiges aus der Geschichte der Bergarbeiterbewegung. Muss man doch immer noch extra darauf hinweisen, wie die Ruhrbarone und die Politik sowohl im Kaiserreich als auch im „Dritten Reich“ verflochten waren, an den Weltkriegen verdienten, die Arbeiterbewegung bekämpften. Was auch bald verloren geht ist die Erinnerung von Aktiven der politischen Bergarbeiterbewegung, die meist in, aber auch neben der Gewerkschaft kämpften, die Erinnerung zum Beispiel an wilde Streiks 1969, an kämpferische und auch kommunistische Betriebsräte, deren Rolle durch die Sozialpartnerschaft „glattgebügelt“ wurde.
So wird man in den Revieren das „Glückauf“ sicher noch oft hören – es ist für viele Menschen in der Region eher ein „Glückab“.


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