Var oder var nicht

Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 21. Dezember 2018

Sonntag, 14.00. Ich will nur eben in den Garten, welcher direkt hinter dem Westfalenstadion liegt, um mir einen Trichter zur organisieren. Heute soll der aufgesetzte Walnussschnaps in kleine Fläschchen portioniert werden. Eine verwunderte halbe Stunde später im schwarzgelben Stau (War nicht gestern Heimspiel?) klärt mich der türkische Ordner mit erhobenem Zeigefinger auf: „Weihnachtssingen“. Ach so. Heute pilgern 50000 (!) Menschen ins Stadion, um zu singen. Und zahlen Eintritt dafür. Krass. Zurzeit könnte der BVB wahrscheinlich auch Rentierschubsen oder Mettbrötchen-Synchronwerfen anbieten und die Hütte wäre voll.
Das Spiel am Samstag war nicht richtig gut, aber okay. Letztendlich ein verdienter 2:1-Sieg gegen nicht so schlechte Bremer, von denen Kruse noch ein Traumtor schoss. Aber wenn manchmal diese Klasse von Reus, Sancho und Paco aufblitzte, sich auf engstem Raum im höchsten Tempo den Ball zuzuschieben, war es schon zum Raunen und Staunen. Beim zweiten Tor standen sieben (!) Bremer um den einsamen Marco Reus, aber Sancho spielte den Ball millimetergenau in dessen Fuß – Abschluss, Tor. Der Laden brannte, nur ich konnte nicht mit rumhüpfen. Tilda, der Babyhund der schönen M., schlief auf meinem Schoß. Aber das war ja auch ganz schick.
Was einem immer mehr auf die Nerven geht, im wörtlichen Sinne, ist der Videoschiedsrichtermist. Zumindest gefühlt bringt er keinen Zentimeter mehr Gerechtigkeit auf den Platz, tackert dafür aber deine Emotionen an der Bierbank fest. Tor, Nichttor, Tor, ja, nein, vielleicht. Heutzutage kannst du im VAR-Fall pinkeln gehen, drei Bier bestellen, mit dem Wirt quatschen und noch problemlos deiner Oma ausschweifend per WhatsApp zum Namenstag gratulieren, bevor der Herr in Schwarz darüber entscheidet, ob du jetzt jubeln oder grollen darfst. Das ist doch kein Fußball, das ist einfach nur Scheiße! Bei Wikipedia wird Var übrigens auch definiert mit: „Einheit der Blindleistung in der Elektrotechnik.“ Passt!
Und sonst? Der erste Verfolger – nein, nein, nicht die Bayern, sondern Gladbach – patzte ein wenig beim 0:0 in Hoffenheim. Bayern und Leipzig siegten beide souverän mit vier Toren, Frankfurt zog mit einem knappen 2:1 zu Hause gegen Leverkusen nach. Letztere sind so schwankend in ihren Leistungen und so untippbar, das dagegen ein Tausender beim Kuhfladenroulette gut angelegtes Geld wäre. Schalke ist Schalke und spielt nur 1:1 (mein Tipp). Damit sind die Knappen sagenhafte 24 (!) Punkte hinter den Dortmundern. Erstaunlich, wie leise es dort noch ist. Der gute Trainer Tedesco scheint da ganz bei Fabrizio Hayer zu sein, der einst rätselte: „Ich weiß auch nicht, wo bei uns der Wurm hängt.“ Möglicherweise am Weihnachtsbaum.


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