100 Jahre KPD

Wieder unter Marx‘ Banner

Von der Novemberrevolution zum Gründungsparteitag der KPD
Von Kurt Baumann
|    Ausgabe vom 21. Dezember 2018

Die Entstehung der KPD in Dokumenten, Teil IV

Nach den Januarstreiks kommen die Arbeiter nicht zur Ruhe. Regierung und Oberste Heeresleitung wollen den Krieg fortsetzen, trotz immer deutlicher werdender Zeichen, dass die Niederlage unabwendbar ist. Im Oktober 1918 treffen sich die Mitglieder der Spartakusgruppe und erklären programmatisch, wie die Revolution gegen den Krieg zu organisieren sei. Das Programm der „Volksrevolution“ sieht als Schritte der demokratischen Phase die Beendigung des Krieges und die revolutionäre Erkämpfung demokratischer Rechte und Freiheiten an, dann soll der Übergang zur sozialistischen Republik geschaffen werden. Mit dieser Strategie findet ein weiterer Schritt hin zur Aneignung des Leninismus statt. Die Revolutionäre in der deutschen Sozialdemokratie sind bereits den Schritt vom abstrakten Bekenntnis zum Klassenkampf zu dessen konkreter Organisierung gegangen (siehe Teil II dieser Reihe) – mit dem Oktoberprogramm arbeitet sie sich von der abstrakten Gegenüberstellung „Sozialismus oder Barbarei“ zum konkreten revolutionären Übergangsprogramm vor. Die Spartakusgruppe beschließt, nach russischem Vorbild die Rätebewegung als Grundlage ihrer Revolutionsstrategie zu organisieren. An dieser Tagung nehmen wieder Delegierte der Linksradikalen teil, da sich aufgrund der beiderseitigen praktischen Tätigkeiten die Differenzen abgeschwächt haben.

Reform und Konterrevolution
Der imperialistischen Bourgeoisie beginnt zu dämmern, dass sie sich nicht mehr wird halten können. Die schwerindustriellen Kapitalisten und ihre im Alldeutschen Verband organisierten Vertreter ziehen sich zurück und übergeben das Ruder den neuindustriellen Ministern wie Walther Rathenau, dem „reformorientierten“ Prinz Max von Baden und den Vertretern der opportunistischen Sozialdemokratie. Die schwerindustriellen Reaktionäre schaffen sich so die Grundlage der „Dolchstoßlegende“. Die rechten sozialdemokratischen Führer zeigen mit ihrem Eintritt in die Regierung, dass sie den Imperialismus verwalten statt stürzen wollen.
Die Oktoberrevolution in Russland eröffnet ein neues Kapitel. Überall dort, wo sich aufgrund der konkreten Herausforderungen Revolutionäre praktisch an die Notwendigkeit der Erarbeitung einer revolutionären Strategie und der proletarischen Partei neuen Typs gegenüber den alten sozialdemokratischen Parteien herangearbeitet haben, wird nun beobachtet, wie die imperialistische Kette an ihrem schwächsten Glied reißt. Die „Russen“ machen die Revolution und der, der der Strategie und der Parteitheorie später den Namen geben wird, steht an der Spitze dieser Revolution: Lenin. Die hier abgebildeten Dokumente zeigen, wie Recht Lenins und Luxemburgs Nachfolger in den kommenden Jahren haben werden, wenn sie die Begriffe Leninismus und Bolschewisierung als Lehre dieser Revolutionen benennen.
Die einzelnen Ereignisse der Novemberrevolution wurden – aus Anlass des 100. Jahrestages – ausführlich dargestellt. Die rechten Sozialdemokraten, die auch viele Räte unter ihre Kontrolle bringen konnten, unterstützten die Konterrevolution. Ein Beispiel zeigt eines der hier abgebildeten Dokumente: Als das kaiserliche „Große Hauptquartier“ nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 in das Kasseler Schloss Wilhelmshöhe umzog, sicherte der Arbeiter- und Soldatenrat diesem Machtzentrum des alten Regimes „Hochachtung“ und Sicherheit vor „Belästigungen“ zu.

Endgültig eigenständig
Am 29. Dezember 1918 findet im Preußischen Abgeordnetenhaus zu Berlin, geschützt von der Volksmarinedivision, die letzte Reichskonferenz der Spartakusgruppe statt. Sie beschließt die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands. Der Gründungsparteitag beginnt am folgenden Tag am gleichen Ort. An ihm nehmen auch die in Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD) umbenannten Linksradikalen teil. Sie erklären ihre eigene Organisation im Laufe des Parteitages für aufgelöst. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen und der Spartakusgruppe seien taktischer Art gewesen und spielten keine Rolle mehr, nachdem die Spartakisten sich von der USPD gelöst hatten. Ebenfalls an der Tagung teil nahm der Bolschewik Karl Radek als Vertreter der Sowjetrepublik.
Der erste Tagesordnungspunkt war die Begründung der Gründung der KPD unter dem Titel „Die Krisis in der USP“, der Referent war Karl Liebknecht. Die Schlussfolgerung war die Gründung der eigenständigen Partei der Kommunisten. Es folgte eine Grußansprache der Sowjetrepublik von Karl Radek und die Verabschiedung von Grußtelegrammen an streikende Bergarbeiter in Schlesien und an die Sowjetrepublik.

Die Wahl boykottieren?
Eine lange und scharfe Diskussion entfachte sich um die Frage der Nationalversammlung. Diese hatte der Reichsrätekongress am 16. Dezember 1918 einberufen und sich dadurch als Instrument der Revolution, die eine sozialistische werden sollte, durch das Wirken rechtssozialdemokratischer Delegierter selbst abgeschafft. Gerade linksradikale Delegierte schlossen aus der objektiv konterrevolutionären Wirkung der einberufenen Nationalversammlung, dass man diese auseinanderjagen müsse. Sie wollten ihre basisdemokratischen Positionierungen sogar noch weiter treiben und anstelle der kommunistischen Partei gleich eine „Einheitsorganisation“ ideologisch anarcho-syndikalistischer Herkunft schaffen. Ihnen hielten Vertreter des Spartakusbundes, aber auch ideologisch reifere ehemalige Linksradikale (unter ihnen Jakob Walcher) vor, sie hätten die basisdemokratische Kraft der Räte überschätzt, man müsse die Arbeitermassen auch leiten, führen. Dazu bedarf es der kommunistischen Partei. Die Idee der Einheitsorganisation wird zwar abgewehrt, aber der Parteitag beschließt die Nicht-Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung.
Unter dem Tagesordnungspunkt „wirtschaftliche Kämpfe“ diskutieren die Delegierten, wie die Sozialisierung, von den Sozialdemokraten in der Regierung versprochen, gegen deren aktiven Widerstand weitergetrieben werden kann. Richtig wird analysiert, dass in den Rätevorstellungen der bisherigen „Sozialisierungskommission“ der Zwang der Arbeiter zur Zusammenarbeit mit dem Kapital im Vordergrund stehen würde. Maßnahmen zur Übernahme der Produktion und damit zur praktischen Verwirklichung weitergehender Forderungen werden diskutiert. Eine Vereinigung mit den Berliner revolutionären Obleuten findet sowohl aufgrund der Wühltätigkeit von USPD-Mitgliedern als auch aufgrund der Weigerung zur Teilnahme an der Wahl zur Nationalversammlung nicht statt.
Ein wichtiger weiterer Punkt ist das folgende Referat Rosa Luxemburgs. Es schließt an beinahe alle der in dieser Reihe vorgestellten Positionierungen an und erklärt den Teilnehmern, sie seien „wieder bei Marx, unter seinem Banner“. Diese Aussagen, die die Weiterentwicklung des Marxismus als Notwendigkeit erkennen, soll er nicht zum Dogma werden, und die die Prinzipien benennen, an denen sich diese Weiterentwicklung zu orientieren hat, bilden den Abschluss unserer Reihe.
Hannes Fellner hat in der Zeitschrift „Theorie und Praxis“ geschrieben: Der Marxismus „ist aber System und Methode für MarxistInnen, als Werkzeug der Analyse, aber auch der Anleitung für die politische Praxis, und diese ist für Marxisten nun einmal die Revolution, nicht mehr, aber keinesfalls weniger, und deswegen ist er auch Leninismus geworden“. Die in dieser Reihe vorgestellten Dokumente zeigen diesen Prozess am historisch-konkreten Weg zur Gründung der KPD.


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