Spannend wie ein Krimi

Ein Buch über den Aufstieg der neuen Finanzakteure
Von Stefan Kühner
|    Ausgabe vom 7. Dezember 2018

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, Papyrossa Verlag, Köln 2018, 19,99 Euro, ISBN 978–3-89438–675-7

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, Papyrossa Verlag, Köln 2018, 19,99 Euro, ISBN 978–3-89438–675-7

Werner Rügemer, schreibt in seinem neuesten Buch „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“ einen gemeinverständlichen Abriss über den Aufstieg der neuen Finanzakteure. Es ist ein Fachbuch über Manager wie Friedrich Merz und die Wirtschaft – spannend wie ein Krimi. Das gilt für den Inhalt ebenso wie für die Schreibweise.
Bleiben wir beim Bild des Krimis. Der erste Fall geht der Frage nach‚ wie kann eine Fondsgesellschaft mit einem Anteil von 3 Prozent bis 10 Prozent die Geltungsmacht in einem Großkonzern erringen oder Regierungen unter Druck setzen? Vier der größten Geldeinsammel- und Vermehrungsgesellschaften für reiche Anleger sind die Private Equity Fonds BlackRock, Vanguard, Norges und State Street. „Sie haben ihr Kapital in hunderttausenden Unternehmen und damit diese Unternehmen der Realwirtschaft im Griff. Sie entscheiden über Arbeitsplätze, Arbeits-, Wohn-, Ernährungs-, und Umweltverhältnisse, über Produkte, Gewinnverteilung, Armut, Reichtum und Staatsverschuldung“ (Seite 8). Werner Rügemer zeigt an konkreten Beispielen auf, wie diese Fondsgesellschaften ihr Geschäft betreiben und die fast unvorstellbar großen Summen anonym „verwalten“. Da ist das Beispiel Vonovia SE. Dieser Firma gehören in Deutschland fast 500 000 Wohnungen und einer der Anteilseigner ist BlackRock, die auch Anteile an weiteren der größten Vermieterfirmen, wie Deutsche Wohnen und LEG Immobilien hat. Dass just der Aufsichtsratsvorsitzende von BlackRock Friedrich Merz jetzt Bundeskanzler werden will, bestätigt die Thesen von Werner Rügemer, auch wenn er dies in seinem Buch noch nicht vermerken konnte.
Der zweiter Fall in Rügemers Krimi sind die Betreiber der sogenannten Plattformökonomie. Das ist der Teil der Ökonomie, der vor allem über das Internet agiert. Er schiebt sich, ähnlich wie ein Makler, zwischen Kunde und Verkäufer und schickt sich an mit neuen disruptiven Geschäftsmodellen Millionen über Millionen zu verdienen. Gemeint sind Firmen wie Google, Facebook, Amazon, Zalando, Airbnb, Uber oder der Essenbring-Dienst Deliveroo. Die Verbrechen der Wildwest-Kapitalisten (S. 197) sind: die Ausbeutung von Fahrern (Uber, Deliveroo), die Knechtung und arbeitsrechtliche Entrechtung von Angestellten (Zalando, Amazon), Datenraub (Google, Facebook). Außerdem ist ihre Geschäftsgrundlage systematische Steuerflucht beziehungsweise Beihilfe zur Steuerflucht. Darüber hinaus mischen sie ganze Branchen auf und bringen die dort Beschäftigten ans Existenzminimum. Rügemer zeigt aber auch, dass die Täter nicht alles erreichen, was sie wollen. Sowohl ein Gericht in Frankfurt als auch der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Uber-Fahrer angestellte Fahrer und keine Selbstständigen sind. Aber die Taxifahrer mussten um ihre Rechte kämpfen.
Die Frage im dritten Fall lautet: „Und was ist mit dem Staatskapitalismus in China“? Muss der nicht genauso angeklagt werden wie der alte Kapitalismus? Hier zeigen Rügemers Recherchen ein etwas anderes Bild, als wir es aus den Medien in unserem Land kennen. Die Staatsführung und die KP China haben die bittere Armut für viele Millionen Menschen beseitigt. Am Beispiel Automobil-Industrie führt Rügemer zudem aus, dass zwar auch in China eine enge Verbindung zwischen Staat und Autoindustrie besteht, dass aber ganz andere Wirkungen daraus resultieren – zum Beispiel in der Ablösung von Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe.
Für das Buch griff Rügemer auf mehrere Hundert Quellen zurück, darunter auf neueste Untersuchungen und aktuelle Medienberichte. Als Leser fiel es mir deshalb leicht, seinen Beweisführungen zu folgen, weil ich vieles auch aus den genannten Quellen noch in Erinnerung hatte. Der Reiz liegt in der Aufarbeitung und Strukturierung der Informationen. Wer im Detail wissen will, was die Kapitalisten des 21. Jahrhundert konkret betreiben, muss den Krimi halt lesen.


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Leserbrief zu Artikel »Spannend wie ein Krimi«, UZ vom 7. Dezember 2018





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