Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 7. Dezember 2018

Mit Absicht
Als deutsche Jüdin emigrierte Hannah Ahrendt 1933 nach Frankreich und später nach Amerika, wo sie auch nach dem Ende der NS-Diktatur bleiben sollte. Ein deutsch-amerikanisches Editoren-Team unter der Leitung der Germanistin Barbara Hahn hat nun den ersten Teil einer kritischen Arendt-Gesamtausgabe vorgelegt. Als erster der auf 17 Bände angelegten Reihe kommt eine unvollendete Studie Hannah Arendts über Karl Marx heraus. Der Band erscheint parallel im Göttinger Wallstein Verlag und als digitale Edition auf einem Internet-Portal der Freien Universität Berlin. In diesem Fragment gebliebenen Werk geht Hannah Arendt der Frage nach, ob es philosophische Traditionen gebe, auf die politisches Denken im Abendland noch Bezug nehmen könne. Bei ihr heißt es, „Haben wir diese Traditionen noch, kann man sich darauf noch beziehen? Oder sind sie durch den Totalitarismus so zerstört, dass davon gar nichts übrig geblieben ist?“ Die leidige und immer wieder gerne aufgewärmte Doktrin vom Totalitarismus, dass in Ost und West Diktaturen der gleichen Art geherrscht haben, bekommt neue Nahrung durch diese „Werkausgabe“, die gleich mal beginnt mit einem Text, den Hannah Ahrendt in dieser Form überhaupt nicht zur Veröffentlichung freigegeben hatte.
Hörenswert
Vor 50 Jahren, im November 1968, kam die deutsche Synchronfassung des Films „2001 – Odysee im Weltraum“ von Stanley Kubrick in die westdeutschen Kinos. Neben allen Spezialeffekten, dem Filmdesign und der rätselhaften Handlung fasziniert noch heute die verwendete Filmmusik. Warum sollte er weniger gute, neu geschriebene Musik benutzen, wenn es schon eine Auswahl an großartiger Orchestermusik gebe, kommentierte Stanley Kubrick in einem Interview. So verbindet fast jeder, der die Musik aus der sinfonischen Dichtung „Zarathustra“ von Richard Strauss hört, sie mit der Eingangsmusik des Films. Die wenigsten hätten Musik von György Ligeti bewusst wahrgenommen, wenn sie sie nicht in diesem Film gehört hätten, und die Walzermusik von Johann Strauß mag vielen ein Graus sein, aber wenn ein Raumschiff dabei „tanzt“, ist man ein wenig versöhnt mit der „Schönen blauen Donau“. Dass Kubrick wie im Fall von György Ligeti nicht einmal um Erlaubnis fragte, ihn und andere vor den Kopf stieß, das nahm er in Kauf. Stanley Kubrick ging nicht als besonders guter Teamspieler in die Annalen ein – wohl aber als kreativer Kopf eines der bemerkenswertesten Gesamtkunstwerke der Filmgeschichte. Die CD mit der Filmmusik lohnt sich.
Immer schön kreativ
Seit fast 40 Jahren schreibt T. C. Boyle, und er nutzt seinen Job als Dozent für englische Literatur, um die verschiedenen Genres des literarischen Schreibens umzusetzen. Er hat dabei ein exzellentes Gespür für die Themen der Zeit: Drogen, Einwanderung, Umweltverschmutzung. Am 2. Dezember wurde der US-Autor 70 Jahre alt. Schon sein erster Roman „Wassermusik“ (1982) wurde ein Erfolg, er spielte hier mit den Abenteuergeschichten von Entdeckern und Kolonisatoren. Der zweite Roman erschien 1984 mit dem schönen Titel „Grün ist die Hoffnung“, eine sarkastische Story über den Traum vom Reichwerden dank Marihuana-Plantage. Die Mutter von „Frau Boyle“, wie er seine Ehefrau Karen Kvashay gerne benennt, kam aus dem Schwarzwald, vielleicht rührt von daher seine Aufmerksamkeit gegenüber Deutschland. „Guten Abend“ – ein Autor begrüßt sein Publikum zur Lesung. Das ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich aber ist, dass ein US-amerikanischer Schriftsteller in Deutschland so beliebt ist, dass nun schon wieder ein Buch von ihm zuerst auf Deutsch erscheint, dann auf Englisch. „Das Licht“ wird es heißen und im Januar veröffentlicht, bevölkert ist es von Hippies und Drogen. Welt-Lesungspremiere wird im Februar sein, in Berlin, erübrigt sich fast zu sagen. Wer kann, sollte versuchen, am 4. Februar 2019 dabei zu sein.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 7. Dezember 2018





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