Sprache und Politik

Noam Chomsky, ein engagierter US-Wissenschaftler und politischer Kämpfer
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 7. Dezember 2018
Noam Chomsky 2011 bei einer Demonstration in New York (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/andrewrusk/5598993589/in/faves-44124300615@N01/] Andrew Rusk/flickr.com[/url])
Noam Chomsky 2011 bei einer Demonstration in New York (Foto: Andrew Rusk/flickr.com / Lizenz: CC BY 2.0)

Am 7. Dezember dieses Jahres feiert Professor Noam Chomsky seinen 90. Geburtstag. Aufgewachsen in Philadelphia in einer jüdisch-amerikanischen Akademikerfamilie, studierte er hauptsächlich Linguistik, in dieser Wissenschaftsdisziplin promovierte er 1955. Seine wissenschaftliche Karriere führte ihn schließlich an das berühmte Massachusetts Institute of Technology (MIT) an der Universität von Cambridge. Noam Chomsky ist nicht nur einer der prominentesten Kritiker der US-amerikanischen Politik, und das seit Jahrzehnten, sondern auch einer der bekanntesten Sprachwissenschaftler (Linguisten) der Gegenwart. Vor allem durch seine außerordentliche Leistung, die Wissenschaftsdisziplinen Linguistik, Kognitionswissenschaften und Informatik zu einem „generativen Modell der Transformationsgrammatik“ zu verweben, wurde er weit über die Fachöffentlichkeit hinaus wirksam.
Zu den bedeutendsten Arbeiten Chomskys gehört die Entwicklung der „Theorie des Propagandamodells“, eines medienwissenschaftlichen Modells, das den manipulierenden Einfluss der politischen und ökonomischen Herrschaftsklasse auf die Berichterstattung der Massenmedien in Demokratien beschreibt. Oder in einfachen Worten: Die Manipulation durch die Medien und ihre Strategien als ziel- und zweckdienliches Mittel, um die Interessen der herrschenden Klasse zu wahren, ohne allerdings dabei Gefahr zu laufen, den angeblichen demokratischen Konsens der Klassenherrschaft zu demaskieren. Seine gut erforschten und belegten Theorien zur Massenmanipulation fasst Chomsky in einem Ausspruch zusammen: „Die Propaganda ist für die Demokratie das, was der Knüppel für einen totalitären Staat ist.“
Eine Aufzählung seines politischen Engagements seit den 1960er Jahren ist lang, natürlich begann es bei ihm wie bei fast allen Intellektuellen mit dem Widerstand gegen den US-Imperialismus und dessen Krieg gegen das vietnamesische Volk. Aber schon damals wurde aufmerksamen Lesern seiner Beiträge, seiner Reden klar, dass er auf halbem Weg stehenblieb, was eigentliche Ursache und tatsächliche Beweggründe für diese US-Politik waren. Er machte Halt mit einer Haltung, die unter linken bürgerlichen Intellektuellen in vielen Ländern zu finden ist, Chomsky war „wütend, betroffen und empört“. Er beschrieb leidenschaftlich die Gräuel der Bombardierungen mit Napalm, er benannte die verantwortlichen US-Politiker und ihre Vasallen, aber ein Begriff wie „Militärisch-industrieller Komplex“ wurde von ihm abgelehnt. Später setzte er sich ein für die nationalen Befreiungsbewegungen, geißelte den US-Boykott gegen Kuba, das kubanische Modell des Sozialismus blieb ihm jedoch fremd. Vor zwei Jahren warb er bei den Präsidentschaftswahlen in den USA für Bernie Sanders, schwenkte dann aber ein auf die Linie, besser sei es, Hillary Clinton zu wählen, um Donald Trump zu verhindern. Er zeigt Sympathien für die anarchistischen Strömungen in der Arbeiterbewegung, bleibt jedoch dem bürgerlichen Liberalismus treu.
Keine Randnotiz sollten seine wissenschaftlichen Leistungen sein. Seine Arbeiten über „Spracherwerb“ sind eng verbunden mit den Überlegungen von Melanie Klein und anderen, die Überlegungen zu Sprachlogik knüpfen konstruktiv an Arbeiten von Gottlob Frege und Ludwig Wittgenstein an. Chomskys Ausführungen besagen, dass die „Sprache“ kein wohldefinierter Begriff in der Linguistik sei. Er schlägt vor, dass gewisse sinnvolle Abstraktionen und Idealisierungen vorgenommen werden sollten, so dass das Phänomen Sprache besser untersucht werden könne. Chomsky geht davon aus, dass ein sinnvoller Begriff von Sprache nur entwickelt werden könne, wenn man recht weitgehende Abstraktionen vornehmen würde. Davon ausgehend erläutert er, dass das ideale Sprecher-Hörer-Verhältnis, in dem die Sprachkenntnis innerhalb der Sprachgemeinschaft gleichförmig repräsentiert ist, als „Grammatik der Sprache“ bezeichnet werden könne, wobei er deutlich macht,dass diese Form der Grammatik eher eine mentale Struktur sei.
Laut Chomsky ist „die Sprache … die Menge der Sätze,die von der Grammatik beschrieben“ würden. Die Grammatik habe also eine generierende, soll meinen, eine erzeugende Wirkung. Genau genommen stellt Chomsky fest, dass die Grammatik die Sätze einer Sprache schwach, aber die Struktur dieser Sätze stark generiere. Chomsky ist weiter der Meinung, dass die von der Grammatik generierte Sprache unendlich sei,während zugleich die Grammatik in den Gehirnen endlich sei, woraus er folgert,dass die grammatischen Regeln wiederholt angewendet werden müssen, um eine unendliche Anzahl an Sätzen aus einer endlichen Anzahl an Regeln zu generieren. Er erläutert, dass die Grammatik schlichtweg die Eigenschaften von Sätzen charakterisiere. Laut Chomsky hoffen wir, dass wir auf einer gewissen Abstraktionsebene in der Lage seien, die erklärenden Prinzipien zu finden, die der Erzeugung von Sätzen durch die Grammatik zu Grunde liegen. Zu diesem Zweck führt er eine Unterscheidung in eine „grammatische Kompetenz“ und eine „pragmatische Kompetenz“ ein.
Diese Überlegungen des überaus fleißigen Arbeiters in den „Weinbergen der Wissenschaften“ hatten und haben große Wirkungen und Auswirkungen erzielt. Bei aller Kritik an dem eher idealistischen Modell von „reinen Beziehungen“, der bemühten Abstraktion seiner Theorien, um die historisch-materialistischen „Unreinheiten“ des realen Lebens zu negieren, Chomsky gab eine Menge Anstöße in die verschiedensten Wissensgebiete. Die modernen Ansätze der interdisziplinär agierenden Kognitionswissenschaften, Entwicklungen in den Forschungen zu „Künstlicher Intelligenz“, so bei Programmen zu computergestützten Sprachen und Übersetzungen, basieren auf seinen Überlegungen. Er selbst schießt manches Mal übers Ziel hinaus: Im Zuge seiner Überlegungen distanziert er sich von den Erklärungsansätzen, die der Sprache einen wesentlichen Zweck zuschreiben. Er hält den Ansatz, dass funktionale Erwägungen die sprachlichen Regeln bestimmen würden, für ergiebiger und vertritt die Auffassung, dass die Untersuchungen, die sich mit sprachlichen Universalien als biologische Notwendigkeit befassen, die interessantesten seien. Die schon lange dauernden Anstrengungen für eine „Weltsprache“ scheinen ihn umzutreiben, die sozialen und historischen Bedingungen, die Sprache und Sprechen einem ständigen Prozess der Veränderung unterwerfen, interessieren ihn weniger.
Übers Ziel hinaus schießen manches Mal auch seine politischen Interventionen: Er meint, das „Recht auf freie Meinungsäußerung“ sei so weit zu fassen, dass auch Holocaust-Leugner wie der Franzose Robert Faurisson dieses Recht einzuräumen sei, obwohl er selbst eine völlig andere Überzeugung habe Die Unterstützung für diesen ekelhaften Menschen brachte Chomsky zu Recht jede Menge Kritik ein, er blieb und bleibt seinem intellektuellen Habitus jedoch verhaftet. Aus den mehr als 100 Büchern und Aufsätzen seien wenige, auch für Nicht-Wissenschaftler lesenswerte, hier erwähnt: „Sprache und Geist“ und „Regeln und Repräsentationen“, von seinen politischen Schriften seien hier genannt: „Die Herren der Welt: Essays und Reden aus fünf Jahrzehnten“ und „Requiem für den amerikanischen Traum: Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht“.


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Leserbrief zu Artikel »Sprache und Politik«, UZ vom 7. Dezember 2018





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