Was Redakteure so lesen

UZ-Redakteure empfehlen Bücher
Von UZ
|    Ausgabe vom 7. Dezember 2018
Unübersichtlich: Die UZ-Redakteure geben gerne einige Empfehlungen (Foto: public domain)
Unübersichtlich: Die UZ-Redakteure geben gerne einige Empfehlungen (Foto: public domain)

Werner Sarbok: Es war nicht umsonst
Diese Autobiographie beeindruckt in mehrfacher Hinsicht: Sie zeichnet den Lebensweg eines Revolutionärs nach, die Brecht als „unersetzlich“ bezeichnet hat.
Unersetzlich: Das ist der Kampfeswillen des Kommunisten, der sich in den Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nazis nicht als Opfer, sondern als antifaschistischer Widerstandskämpfer fühlte. Unersetzlich auch, wie sich Willi nach der Befreiung vom Faschismus sofort in der Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus, beim Aufbau der KPD in Bremen und der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes engagierte.
Willis Herangehen an die Entwicklung kommunistischer Politik, eng angebunden an die Diskussion mit den Menschen, ist ein Lehrstück für jeden Kommunisten, der im Wohngebiet oder im Betrieb mit und in der Arbeiterklasse agieren möchte: Auf Augenhöhe und ohne irgendeinen Ansatz von Besserwisserei leistete er in der Bremer Bürgerschaft ein Musterbeispiel kommunistischer Parlamentsarbeit.
18 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus verurteilte das Landgericht Bremen Willi zu acht Monaten Gefängnis mit fünfjähriger „Bewährung“. Das einzige „Vergehen“: Er hatte trotz KPD-Verbot als Einzelbewerber bei der Bundestagswahl 1961 kandidiert. Der Staatsanwalt des Landgerichts hielt dem Antifaschisten vor, „ein unbelehrbarer, fanatischer Anhänger der KPD“ zu sein. 1968 gehörte Willi zu den Gründungsmitgliedern der DKP in Bremen.

Willi Meyer-Buer, Erinnerungen, Der verlorene Kampf, Neue Impulse Verlag Essen Mai 2013, 277 Seiten, 19,80 Euro, antiquarisch noch erhältlich

 

Olaf Matthes: Nicht herumgesprochen
„Wir Marxisten lieben ja Feinheiten“, sagt Hanns Eisler in einem der Interviews, die Hans Bunge zwischen 1958 und 1962 mit ihm führte. „Es hat sich nur bei unsern Marxisten nicht immer herumgesprochen.“ Ein paar dieser Feinheiten stellt Eisler in diesen Gesprächen vor, die zunächst im Radio und dann als Buch veröffentlicht wurden – zum Beispiel über Bertolt Brecht. Eisler war der Komponist, mit dem Bertolt Brecht am engsten zusammengearbeitet hat, das war der Anlass der Gespräche – der Titel: „Fragen Sie mehr über Brecht“. Er erzählt von Brecht, der „so entsetzlich weise“ war. Und er erklärt, was er und Brecht unter „gestischer Musik“ verstehen und bietet so aus der Perspektive des Komponisten Einsichten in Brechts Kunst.
Ganz nebenbei berühren Eislers Feinheiten ungefähr alle großen Kämpfe der Zeit in Kunst, Ideologie und Gesellschaft. Er bekämpft die überkommene „Dummheit in der Musik“, vor der auch manche Kulturfunktionäre der DDR so viel Respekt haben, und die „idiotische Art, Unterhaltungsmusik zu politisieren“ – aber in der Musik für die Arbeiterbewegung die alten, „barbarischen“ Formen zu übernehmen. Dabei geht es eben auch um J. S. Bach, das Verhältnis zum klassischen Erbe von Beethoven bis Goethe („nicht nur Größe, sonder auch ein Fluch“), um den ehemaligen Freund Adorno und seine „Frankfurturisten“ („Vorzugsschüler des Untergangs“) und um den Nachteil des Sozialismus, dass es in der DDR überhaupt nicht mehr langweilig ist („Wir haben so viel zu tun, wir kommen überhaupt nicht mehr zum Arbeiten.“).

Hans Bunge: Fragen Sie mehr über Brecht. Hanns Eisler im Gespräch, versch. Ausgaben.

 

Christoph Hentschel: Eine Welt zu gewinnen
Das Buch zu empfehlen, dass sich die SDAJ sich selbst zum 50sten Bestehen dieses Jahr geschenkt hat, scheint wenig kreativ. Ist man ein allzu treuherziger Parteisoldat, hat man während seiner Zeit bei der SDAJ zu oft die Grundlagenschule „durchgemacht“ oder fällt einem nichts Besseres ein, wenn der Kulturredakteur 1500 Zeichen von einem für eine Buchempfehlung haben möchte? Das alles kann sein, aber es würde doch all zu sehr davon ablenken, dass sich die SDAJ was wirklich Feines beschert hat.
Als ich anfing, mich für den Marxismus zu interessieren, ging man noch ganz oldschool-mäßig in die nächste Stadtbibliothek. Dort angekommen, gab es zwei Bücher zum Thema Marxismus – das dicke „Kapital“ und ein dünnes Büchlein, geschrieben von einem französischen Professor. Zwar interessiert, aber nicht übertrieben von Fleiß angetrieben, lieh ich mir das Dünne aus. Ich verstand zumindest soviel davon, dass es mich nicht abhielt, irgendwann bei der DKP zu landen.
Der SDAJ ist mit ihrem Buch ein guter Mittelweg zwischen dicker Schwarte und dünnem Heftchen gelungen. Aber nicht nur das, sondern auch mit einer interessanten Themenauswahl zu was man wissen muss und das Ganze noch in einer verständlichen, kein Studium des Marxismus-Leninismus voraussetzenden Sprache, geschrieben.
Ich denke, das Buch lohnt sich nicht nur für faule Schüler, sondern auch für jeden, der sich mit dem Gegebenen nicht abfindet. Wer was Feines schenken will, das auch noch nützlich ist, wird vom SDAJ-Buch nicht enttäuscht sein.

Lena Kreymann/Paul Rodermund (Hg,): Eine Welt zu gewinnen – Marx, der Kapitalismus von heute und was wir tun können. Papyrossa Verlag, Neue Kleine Bibliothek Bd. 259, 2018, 231 Seiten, 10 Euro.

 

Melina Deymann: Der Spanische Krieg
Wer Carlos Ruiz Zafóns „Der Schatten des Windes“ gern gelesen hat, sollte auf Jaume Cabrés „Die Stimmen des Flusses“ nicht verzichten.
2001 findet die Lehrerin Tina in der Schule eines kleinen Pyrenäendorf den Brief des 1944 gestorbenen Dorflehrers an seine Tochter. Der Brief lässt Tina nicht mehr los und vor den Leserinnen und Lesern entfaltet sich das Bild eines Dorfes vom Beginn des Spanischen Kriegs bis in die 2000er Jahre und von Machtverhältnissen, die sich zwischen Faschismus und Kapitalismus nicht verändern.
Cabré erzählt die komplexe Handlung nicht linear, sondern wechselt permanent Zeit und Perspektive, oft sogar zwischen zwei Sätzen. Dadurch ermöglicht er sich nicht nur einige literarische Kniffe wie die Darstellung derselben Situation aus unterschiedlichen Perspektiven, das Buch entfaltet dadurch auch eine Sogwirkung, man möchte immer an zwei Stellen wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Mit einer Geschichte voller Liebe, Sex und Hass klagt der katalanische Autor die Mitläufer der Falangisten an, entlarvt die Komplizenschaft der Katholischen Kirche mit dem Faschismus und setzt den Kämpfern für die Spanische Republik ein Denkmal.

Jaume Cabré, Die Stimmen des Flusses, aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt, Suhrkamp 2008, 667 Seiten, 12 Euro

 

Herbert Becker: Kammermusik
Eine fiktive Teegesellschaft, 1804 am erwünschten Ort mit dem schönen Namen Winkel am Rhein. „Einer, Kleist, geschlagen mit diesem überscharfen Gehör“. Er sagt von sich „Wo ich nicht bin, da ist das Glück“. Die Frau, „Günderrode, in den engen Zirkel gebannt, nachdenklich, hellsichtig, unangefochten durch Vergänglichkeit“. Christa Wolf hatte sich Mitte der 1970er Jahre mit der fast unbekannten Karoline von Günderrode beschäftigt, besorgte die erste, schmale Ausgabe ihrer Arbeiten und schrieb einen klugen, empathischen Essay für den Band. Die eigene literarische Frucht dieser Beschäftigung ist die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“, erschienen 1979 gleichzeitig im Aufbau Verlag und im Luchterhand Verlag. Der Band ist schmal, gerade mal 150 Seiten, aber von einer konzentrierten Dichte und völlig durchkomponiert. Anna Seghers war die Günderrode aufgefallen, sie nennt sie unter den Namen anderer deutscher Dichter derselben Generation, die „ihre Stirn an der gesellschaftlichen Mauer der Wirklichkeit wundgerieben und die zu klassischer Vollkommenheit nicht gelangen konnten“. Christa Wolf lässt in ihrer Erzählung Kleist und Günderrode miteinander sprechen, aber eigentlich sind es Monologe. Diese kreisen um Geist und Macht, Denken und Handeln, um die Aufgaben des Künstlers in seiner Zeit. Der Begriff „Empfindsamkeit“ gehört hierhin, eine Wahrnehmung, die in unseren Zeiten von Ellenbogen und Leistungsstärke völlig abhanden gekommen ist.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgens, Bibliothek Suhrkamp, Band 1479,2014, 150 Seiten, 17,95 Euro

 

Tom Brenner: Bilder und Erfahrungen
Der 1928 geborene Elliott Erwitt wurde 1953 von Robert Capa eingeladen, für die von Fotografen selbst verwaltete Agentur Magnum Photos zu arbeiten. Seitdem ist Erwitt Mitglied dieser angesehenen Agentur und war mehrmals ihr Präsident. Erwitts journalistische Essays und Illustrationen werden seit mehr als vierzig Jahren weltweit veröffentlicht.
1964, zu einer Zeit also, als die Beziehungen zwischen Kuba und den USA auf einem Tiefpunkt waren, verbrachte Elliott Erwitt als Gast Fidel Castros eine Woche auf Kuba. Im Auftrag der US-Zeitschrift „Newsweek“ hielt er den beim Volk beliebten kubanischen Präsidenten zusammen mit Che Guevara in Fotografien fest, die zu Ikonen geworden sind. Mehr als 50 Jahre später – als sich die diplomatischen Beziehungen zu den USA ein wenig normalisierten – kehrte er nach Kuba zurück, um sowohl Städte wie Landschaften, aber vor allem die Menschen dieses faszinierenden Landes zu dokumentieren. Diese erstmals in einem Buch zusammengefassten Schwarz-Weiß-Aufnahmen gewähren einen tiefen Einblick in das Leben auf der sozialistischen Karibikinsel. Ungestellte Castro-Porträts, Bilder der atemberaubenden Architektur der Hauptstadt Havanna oder Szenen des ländlichen Lebens machen „Cuba“ zu einer fotografischen Entdeckungsreise. Mit Erwitts eigenen anekdotischen Erinnerungen ist dieser Bildband mehr als eine bloße Momentaufnahme von Menschen und Orten auf Kuba – er ist das Protokoll einer Nation im Wandel und genau passend zum 60. Jahrestag der kubanischen Revolution.

Elliott Erwitt, Cuba, Verlag teNeues, 2017, 224 Seiten, 69,90 Euro

 

Manfred Idler: Gedichte als Luxus?
„Ist unser Volk der Reimerchen/seit Gottfried Benn im Eimerchen?“, fragte der Kabarettist Wolfgang Neuss Mitte der 60er Jahre und konnte noch kaum Peter Rühmkorf und Franz Josef Degenhardt, noch nicht Robert Gernhardt und Peter Maiwald kennen – die Liste ist verlängerbar. Was in der DDR an Gereimtem wuchs, nahm er nicht zur Kenntnis – außer seinem Klamaukbruder Biermann –, dort gab es aber schon einen Stückeschreiber, den Peter Hacks, der als Dichter in den folgenden Jahrzehnten mit der sinnlichen Lust am regelrechten Spiel mit der Sprache dem gedachten Volk aus dem lyrischen Eimerchen half.
Luxus muss man sich leisten können und das Schreiben in Reimen ist Luxus. Es setzt Disziplin voraus, Genauigkeit und Klarheit in Handwerk und Denken. Der präzise Silbenstecher Hacks, der sich als Klassiker verstand, lebte auf großem Versfuß und konnte sich erlauben, aus seinem lyrischen Riesenwerk 100 Gedichte auszuwählen, die er als seine besten betrachtete. Er verstand etwas davon.
Der Eulenspiegel Verlag hat diese „100 Gedichte“ neu herausgegeben und äußerlich zu viel des Guten getan. Gestaltung und Haptik des Bändchens ähneln leider einer billigen Pralinenschachtel und die Schrift ist zu klein gewählt, damit die Langzeilen nicht gebrochen werden müssen. Dafür gäbe es klügere typografische Lösungen. Tut nichts. Diesem Dichter nachzudenken ist Luxus, ist Genuss, den man sich leisten soll.

Peter Hacks: Hundert Gedichte. Eulenspiegel Verlag, 2018, 180 Seiten, 10,- Euro


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Leserbrief zu Artikel »Was Redakteure so lesen«, UZ vom 7. Dezember 2018





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