Die 18er

Günter Pohl über eine grüne Erfolgsgeschichte
|    Ausgabe vom 23. November 2018

68
Sie demonstrierten ohne Angst,
erschossen zu werden.
Sie waren ja keine Arbeiter.

Ab wann hießen die vor fünfzig Jahren aufbegehrenden jungen Menschen eigentlich „68er“? Meist vergehen einige Jahre, bis politisch wesentliche Dinge dergestalt historisch eingeordnet werden, dass sie einen Namen bekommen. So wurde der Erste Weltkrieg nicht vor dem Zweiten „Erster“ genannt. Vielleicht nicht einmal „Weltkrieg“.
Es verhält sich also so, dass es für eine Namensgebung bis zu einer zweiten Auflage des Ereignisses dauert oder aber im Gegenteil bis zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Ereignis überholt hat und nur noch als Episode gilt.
Bei den 68ern war es anders. Sie bekamen ihren Namen irgendwann in den Achtzigern, obwohl da weder eine zweite Auflage in Sicht war noch irgendetwas ihr Aufmucken gegen die bürgerlichen Eltern (offiziell: gegen deren Art von Kapitalismus) überflüssig gemacht hatte. Vielmehr war es so, dass das bürgerliche Establishment der Achtziger von der Gewissheit geplagt war, dass die Werte der 68er schon allein durch die Demographie mehrheitlich würden. Da hieß es, den Stier bei den Hörnern beziehungsweise die Revoluzzer bei der Ehre zu packen. Man machte sich zunutze, dass – wenn sich am Ereignis Beteiligte für höhere Aufgaben empfehlen wollen – natürlich eine gewisse Sympathie bei der offiziellen Geschichtsschreibung dazugehört. Der Aufmupf von 68 verstand’s und brachte sich und viele Gleichgesinnte in den Meinungsbuden unter. Zehntausende junger Leute, die einfach nur Geschichte studiert hatten, nannten sich fortan Historiker. Und verdingten sich in Verlagen, Redaktionen, Medienunternehmen, Bildungsstätten. Oder wurden Lehrkräfte. Nicht wenige landeten auch in Willys SPD. Und blieben natürlich auch noch nach den Berufsverboten, die ja nicht ihnen galten. Schon 1972 hatten sich die Geister geschieden.
Seit 1988 – die „Grünen“ waren unbestrittene Nummer Eins der 68er-Erbfolge, saßen längst in allen Parlamenten und hatten das Talareriechen durch Aktiengeschäfte ersetzt – wurden die 68er fortan alle fünf Jahre abgefeiert, in Radio, Fernsehen und später im Internet. 20 Jahre 68, 25 Jahre 68, 30 Jahre 68. Diese Kaufhauszündler. Diese Weltverbesserer. Die Guten eigentlich. Die ewigen Pazifisten, denen das antikommunistisch-linke Publikum 2003, beim 35. Jubeltage, auch schon den ersten Krieg verziehen hatte, ging es doch um Menschenrechte oder Auschwitz. Ein Coup auch, die Schröder-SPD von der urgrünen Idee der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu überzeugen. Geschadet hat es in der Folge nur der SPD, die für die Grünen nur ein Stein auf dem Weg war.
So wie 68 nicht aus dem Nichts entstanden, sondern ihm eine Entwicklung vorausgegangen war, hat auch 2018 Ereignisse der letzten Jahre inhaliert um dann das eine oder andere aushauchen zu können, das später als „Umbruch“ gefeiert oder bedauert werden wird: Niedergang der Volksparteien; Akzeptanz des Irrationalismus als Möglichkeit der Politikgestaltung; faschistische Obskurantisten in allen Parlamenten statt genügend konsequente Kräfte der Aufklärung; mit dem Verlust des Klassenstandpunktes bei manchen „Linken“ das Abhandenkommen jeder Scham mit der Flüchtlingsfrage über die Bande Querfront mit Rechtsextremen zu betreiben; der Anspruch der Grünen auf die Kanzlerschaft.
Die Erfolgsgeschichte der 68er und ihrer Kinder ist, dass sie den Klassenstandpunkt nie jemals verloren, sondern phasenweise taktisch ausgesetzt haben. Genau deshalb braucht es heute, wie beim Phänomen 68, weder eine Wiederholung noch eine Überholung, um schon hier und jetzt einen Bewegungsbegriff setzen zu können, der unsere Zeit einst scheinbar ausreichend beschreiben wird: Die 18er. Ja, die 18er – Neffen und Nichten der Steine- und Bombenwerfer wie Fischer und der Sozialabbauerinnen wie Roth oder Künast. Die 18er – das sind heute Flüchtlingshetzer wie Palmer oder Kretschmann, Daimlerhelfer wie Hermann. Und doch werden sie medial gern verkauft als die, die „Hambi“ lieben und verteidigen wie konjunkturell der langhaarige Anton, der sich bis dato keinen Deut um diejenigen gekümmert hatte, die im Rheinland oder der Lausitz ihr Dorf verloren haben. Sie sind eben immer alles gleichzeitig – und zwar ohne je ihren Klassenanspruch zu vergessen.
Die 18er – wahrnehmbarer als die 68er, die das „Demokratie wagen“ noch hatten delegieren müssen, werden im Jahr darauf selbst Neuwahlen gewinnen, mit sympathischen Vorsitzenden wie der EU-Verehrerin Annalena und dem Kanzler in spe Robert, zu dessen politischen Vorbildern Noske gehört. Ja, der Noske ist gemeint, der vor hundert Jahren die Revolution im Blut ertränkt und damit der „deutschen Demokratie“ die Türen geöffnet hat.

18
Sie werden ihre Angst demonstrieren.
Sie werden auf Arbeiter schießen.

Dass sich „GRÜNE“ nicht auf „verraten“ reimt, heißt nichts. Weder die 68er noch die 18er hatten je etwas versprochen.


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Leserbrief zu Artikel »Die 18er«, UZ vom 23. November 2018





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