Fest der Extraprofite

Weihnachten bei Amazon: Konsumschlacht, Ausbeutung und der Kampf ums Monopol
Von Lars Mörking
|    Ausgabe vom 16. November 2018
Ist das Weihnachtsgeschäft vorbei, dürfen die Befristeten wieder gehen. (Foto: Amazon.com)
Ist das Weihnachtsgeschäft vorbei, dürfen die Befristeten wieder gehen. (Foto: Amazon.com)

Mit der „Cyber Week“ startet Amazon am Montag die Verkaufsschlacht anlässlich der Geburt Jesu Christi. Zum Lobe des Herrn verschenkt die Christenheit Milchschaumschläger oder Akku-Schlagbohrschrauber und schickt sie anschließend zurück. Alles kein Problem bei Amazon, auch deshalb ist der US-amerikanische Online-Händler wieder ganz vorne mit dabei.
Im vergangenen Jahr stellte Amazon für das Weihnachtsgeschäft in Deutschland 13000 Saisonarbeiterinnen und -arbeiter befristet ein, ebenso viele wie der Konzern Festangestellte beschäftigt. Die braucht der Konzern. Laut einer Studie der Universität Sankt Gallen, die das „Handelsblatt“ letzte Woche vorstellte, macht Amazon in Deutschland aktuell viermal so viel Umsatz wie Karstadt und Kaufhof zusammen – 17 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Weltweit sind es 180 Milliarden. Jedes fünfte Buch und 16 Prozent der Elektroartikel werden bei Amazon bestellt – das bezieht sich auf alle Umsätze, nicht nur online. Um diese Position auszubauen und zu stärken, ist mit „Amazon Prime“ ein perfides System der Kundenbindung geschaffen worden, Geräte wie die Abhöreinrichtung „Alexa“ werden billig verkauft und landen in den Wohnzimmern, um Kunden gar nicht mehr auf den Gedanken kommen zu lassen, man könnte woanders einkaufen.
Und Amazon expandiert weiter: Der Lieferdienst „Amazon Fresh“ bringt in Berlin, Hamburg und München Lebensmittel direkt an die Tür, „Amazon Lending“ soll Mittelständische von Amazon-Krediten abhängig machen und mit einem „Pop-Up-Store“, der nur für wenige Tage in Berlin am Ku‘damm geöffnet sein wird, will Amazon seinen Kunden ermöglichen, den Haarentferner erst einmal anfassen zu können, bevor er dem Gatten erst unter den Weihnachtsbaum und dann ins Nasenloch geschoben wird.
Mit dem Expansionskurs verdrängt Amazon auch jene, die bisher am Erfolg teilhaben durften und dazu wesentlich beigetragen haben. Der Online-Händler ist selbst Anbieter und gleichzeitig Plattform für unzählige Händler, die ihre Waren über Amazon verkaufen. Da der US-Riese Zugriff auf die Händler-Daten hat, kann er sich in profitable Geschäftszweigen problemlos einklinken, um die Kunden selbst zu bedienen. Je mehr Marktmacht der US-Online-Händler an einem Standort hat, desto stärker drängt er seine eigenen Plattformhändler aus dem Markt - wie die Studie aus Sankt Gallen feststellt.
Aber nicht nur die unabhängigen Händler drängt Amazon vom Markt. Mit „Shipping with Amazon“ sollen auch Lieferdienste Konkurrenz aus dem eigenen Haus bekommen. In den USA macht Amazon „Existenzgründern“ ein verlockendes Angebot: Mit nur 10000 US-Dollar Startkapital können sie sich „selbstständig“ machen und Paketauslieferungen unter dem Namen „Amazon“ vornehmen. Die US-Nachrichten-Website „GeekWire“ rechnet schonmal vor, dass die Lieferkosten und damit die Gewinnmargen niedriger angesetzt seien als die bei den derzeitigen Amazon-Auslieferern und sagt voraus, dass der Konzern sich die attraktiven Standorte sichere, während er die ländlichen Regionen UPS, FedEx oder U.S. Postal Service überlasse.
In Deutschland ist ein ähnlicher Schritt gegangen worden. In den deutschen Metropolen fängt Amazon bereits an, Pakete selbst auszutragen, wenn DHL oder Hermes nicht sicherstellen können, dass Lieferungen am selben oder nächsten Tag bei Kunden abgeliefert werden. Das Ziel ist aber – ähnlich wie in den USA – von den Logistikunternehmen unabhängig zu werden und die Kosten weiter zu drücken. Beschäftigte von Hermes, DPD und DHL wissen bereits, was es heißt, am unteren Ende der Hackordnung für die Extra-Profite des Monopolisten schuften zu müssen. Gerade hat der WDR eigene Recherchen überprüft, nach der Zusteller deutlich unter Mindestlohn bezahlt werden. Zudem könnten Subunternehmer Hermes-Depots nicht wirtschaftlich betreiben, würden sie  gesetzliche Bestimmungen wie den Mindestlohn einhalten. Aber das tun sie natürlich nicht, auf eigenes Risiko. Denn Hermes will mit den Konsequenzen seiner Preispolitik nichts zu tun haben. In einer Stellungnahme sagt das Unternehmen: „Wir betonen explizit, dass Hermes es nicht toleriert, wenn Servicepartner gesetzliche Regelungen unterlaufen.“
Die Logistik ist ein weiterer Geschäftsbereich, in dem Amazon angetreten ist, um seine Marktmacht auszuspielen. Wie groß diese bereits ist, wissen die ver.di-Kolleginnen und -Kollegen, die beim Monopolisten beschäftigt sind. Seit 2013 kämpfen sie um einen Tarifvertrag, bisher ohne Erfolg. Sie versuchen sich immer wieder Gehör zu verschaffen, dazu ist das Weihnachtsgeschäft nur eine Gelegenheit, die sie in den letzten Jahren immer wieder genutzt haben.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Fest der Extraprofite«, UZ vom 16. November 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.