Klasse

Aspirin und Balsamico-Eis
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 16. November 2018

Der Laden war pickepacke voll, unter all den Event-Fans tauchte sogar meine Ex-Freundin auf, die ich freundlicherweise seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Ich begreife diese Menschen, die zwei Spiele im Jahr sehen, nämlich nur die gegen die Bayern, ebenso gut wie Cheeseburger-Eiscreme. Doch, doch, die gibt es wirklich. Vorteil war immerhin, dass ich der schönen M. quasi auf dem Schoß saß, oder umgekehrt, so eng war es jedenfalls. Neben mir mein Garten-Bro A. und gegenüber U., der Mann ohne Zähne, was gut war, denn in all dem Lärm brauchte ich so gar nicht erst zu versuchen, sein Gemurmel zu verstehen. Klasse.

( dianjay)

Das Spiel war zum Herzinfarkten. Bayern gut wie lange nicht, mit einem widerlichen Lewandowski, der erst mit Schwalben und Reklamieren auffiel, um dann zwei verdammt gute Tore zu machen. Unsere verschossen die besten Möglichkeiten im gleichen Takt, in dem wir Zigaretten inhalierten, also fast minütlich. Aber mit jeder Minute mehr merkte man, dass die Bayern alt sind und Dortmund jung. Die Dortmunder Bubis um die überragenden Axel Witsel und Marco Reus spielten den hüftsteifen bayrischen Verteidigern die Beine schwindelig und als der eingewechselte Paco Alcacer in der 73. Minute Manuel Neuer mit einem schicken Heber zum 3:2 überlistete, explodierte das Stadion und die komplette Kneipe im Wahnsinn. Wildfremde Menschen herzten und schüttelten sich und da ich mit einer hübschen Erkältung aufgelaufen war, dürfte sich die Zahl der Krankmeldungen in der folgenden Woche ungefähr verdoppeln. Ich hatte es vorher kundgetan, da muss sich hinterher also keine/r beschweren. So wie Mats Hummels, der nach dem Spiel zu Protokoll gab, er sei ja auch erkältet gewesen. Um dann nachzulegen: „Ich lebe normalerweise davon, dass ich schnell denke.“ Peinlicher geht‘s nun selbst bei den Bayern kaum, Fremdschämen de luxe war angesagt. Klasse.
Die schöne M. und ich teilten noch ein Bier in zwei Gläser und entschwanden dann mit A. in die 13 Grad warme Nacht. Ich musste dringend mit meiner Wolldecke und zwei Aspirin aufs heimische Sofa. Was ich da las, war weniger hübsch, zumindest was meine Tipps anging: Hannover, Düsseldorf und Stuttgart hatten alle ihre Spiele gewonnen, das ist ungefähr so skurril wie Erdbeer-Balsamico-Eis. Aber ja, auch das gibt es. Und Frankfurt und Gladbach und leider auch Leipzig – alle gewonnen. Chapeau, schön eng da oben an der Tabellenspitze. Egal, wir sind mit sieben Punkten vor den Bayern und vier Punkten vor Gladbach auf Platz eins. Ob das zur Meisterschaft reicht? Keine Ahnung, oder mit Jens Jeremies gesagt: „Das ist Schnee von morgen.“ Worauf Helmut Schön sicherlich beitragen würde: „Da gehe ich mit ihnen ganz chloroform.“
Klasse.


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