Die Haie organisieren sich

EU-Kommission stellt Stahlfusion von Thyssenkrupp mit Tata in Frage
Von Willi Hendricks
|    Ausgabe vom 9. November 2018
Bearbeitung von Stahlbrammen bei Thyssenkrupp in Duisburg-Süd (Foto: Thyssenkrupp Steel Europe)
Bearbeitung von Stahlbrammen bei Thyssenkrupp in Duisburg-Süd (Foto: Thyssenkrupp Steel Europe)

Großaktionäre und Finanzinvestoren setzen nicht nur den Thyssenkrupp-Vorstand und -Aufsichtsrat massiv unter Druck, sie beeinflussen selbst Entscheidungen der EU-Wettbewerbskommission in Brüssel.
Vor wenigen Wochen noch beschloss der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp die Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile, in Thyssenkrupp Materials mit den Sparten Stahl, Werkstoffhandel und Marine, und in Thyssenkrupp Industrials mit den Sparten Aufzüge, Autoteile und Anlagenbau. Konzernvorstand und Betriebsrat versprachen dabei den insgesamt 130 000 Beschäftigten, es werde keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Doch seit sich eine weitere US-Investmentgesellschaft, die Harris Associates, ins Aktienvermögen eingekauft hat, ist sich der neue Thyssenkrupp-Vorstandschef Guido Kerkhoff seines Konzepts nicht mehr so sicher. Er sei sich des neuen Umfelds bewusst, gestand er im Oktober dem Magazin „Capital“, und fügte an: „Da sind Haifische dabei.“ Der Mann macht sich Sorgen, denn möglicherweise stehen nicht nur Arbeitsplätze in Thyssenkrupps Produktion und Verwaltung auf dem Spiel, sondern auch sein eigener.
Einer der Haifische, der schwedische Finanzinvestor Cevian, zeigt schon seine Zähne. Gegenüber „Capital“ meldete Cevian-Mitbegründer Lars Förberg seinen Führungsanspruch an. „Wir sitzen nicht in Aufsichtsratsgremien, um Ruhe zu geben, sondern um im besten Sinne Aufsicht zu führen.“ Am Ende gehe es um höhere Aktienkurse. Cevian ist der zweitgrößte Aktionär bei Thyssenkrupp mit einem Anteil von 18 Prozent. Noch hält die Krupp-Stiftung mit 21 Prozent die Mehrheit.
Die Stiftung sitzt in Essen und hat in den vergangenen Jahrzehnten den Arbeitern von Krupp und später Thyssenkrupp zumindest den Anschein von Transparenz vermittelt. Diese Ära dürfte vorbei sein, wenn sich die Haifische zu einem Schwarm zusammenschließen. Der US-Hedgefonds Elliot besitzt ein kleineres Aktienpaket mit einem Anteil von knapp drei Prozent. Der Investmentriese Harris hat nun in den letzten Wochen seinen Anteil auf 3,08 Prozent erhöht. Die Firma verwaltet ein Vermögen von 139 Milliarden Dollar und beteiligt sich dabei auch an der Schweizer Bank Credit Suisse. Die Firma gilt als aktivistischer Investor, der sich auch mal – im Sinne des Finanzkapitals – kritisch zu Wort meldet.
Jetzt scheinen die Finanzspekulanten auch ihren Einfluss auf die sogenannten Wettbewerbshüter der Europäischen Union ausgeweitet zu haben. Die EU-Kommission zögert nämlich, die Fusion von Thyssenkrupp mit dem indischen Stahlkonzern Tata zu genehmigen. Die EU fürchtet, dass die Fusion den Wettbewerb behindert, vor allem bei den Stahlzulieferungen an die Autoindustrie und bei metallbeschichtetem Verpackungsstahl, zum Beispiel für Konservendosen. Innerhalb von 90 Arbeitstagen will die Kommission eine Entscheidung fällen. Die Haifische haben also Zeit genug, die Probleme von Thyssenkrupp zu nutzen und dem Konzern ihren Kurs aufzuzwingen.
Mit dem neu hinzugekommenen Finanzinvestor Harris beherrschen drei international berüchtigte Haifische den Stahlkonzern. Die Zerschlagung des Unternehmens und damit der Zukunft der Beschäftigten und ihrer Familien ist kaum noch aufzuhalten.


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Leserbrief zu Artikel »Die Haie organisieren sich«, UZ vom 9. November 2018





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