100 Jahre Novemberrevolution

Der Aufstand

Von NH
|    Ausgabe vom 2. November 2018
Revolutionäre Soldaten mit der roten Fahne am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0)
Revolutionäre Soldaten mit der roten Fahne am 9. November 1918 vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0)

Ende Oktober 1918 spitzte sich die revolutionäre Situation im deutschen Kaiserreich weiter zu. Daran konnten auch der Regierungswechsel Anfang Oktober und der Eintritt von Vertretern der Mehrheits-Sozialdemokraten in die neu gebildete Regierung Max von Baden nichts mehr ändern. Die Mehrheit der Soldaten und Matrosen, der Arbeiterinnen und Arbeiter, ja auch viele Gewerbetreibende, kleine und mittlere Unternehmer hatten die „Schnauze voll“ vom Krieg, vom Hunger. Die Verbündeten des deutschen Kaiserreiches kündigten ihr Bündnis, boten der Entente Friedensverhandlungen an. Teile des Militärs suchten – wie führende Kapitalvertreter (siehe UZ vom 19.10, S. 10) – in dieser Situation nach Auswegen.
Ein letztes militärisches Abenteuer wurde geplant: Eine „Entscheidungsschlacht“ gegen die britische Flotte. Doch Heizer und Matrosen verhinderten das Auslaufen der Schiffe und damit den sicheren Tod vieler zehntausender Menschen. 1 000 von ihnen wurden verhaftet. Ihnen drohte das Standgericht. Mit ihnen solidarisierten sich jedoch Tausende in Kiel und anderen Städten, leisteten Widerstand. Die Situation verschärfte sich. Es kam in diesen Tagen fast im ganzen Reich zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen den Krieg, gegen den Kaiser und die Regierung. Am 3. November begann in Kiel der bewaffnete Aufstand und damit die Revolution.
In dieser Situation änderte die rechte SPD-Führung ihre Taktik. Noch im Oktober hatte sie zur Zeichnung von Kriegskrediten aufgerufen und die angeblich vorgenommene „Demokratisierung“ gefeiert. Ende des Monats warnte sie ihre Anhänger auch noch vor unbesonnenen Handlungen, versucht aber bald schon – wie in Kiel am 4./5. November – sich an die Spitze der Bewegung zu setzen.

 

22. Oktober 1918
In Wilhelmshaven wird dem Chef der Hochseeflotte, Admiral Ritter von Hipper, der Befehl zur Einleitung des Endkampfes der deutschen Hochseeflotte überbracht. Die Flotte sei durch das Ende des U-Boot-Krieges wieder frei in ihrer operativen Verwendung. Das Unternehmen soll am 29. Oktober beginnen.

23. Oktober 1918
Karl Liebknecht wird nach fast zweieinhalb Jahren aus der Haft entlassen.

28. Oktober 1918
Der Befehl zum Auslaufen der Flotte gegen England wird erteilt. Die Seekriegsleitung und ihr Chef, Konteradmiral von Levetzow, wollen die gesamte Hochseeflotte in eine riesige Schlacht führen.
Die Regierung erkennt mit der vierten deutschen Note an den US-Präsidenten Wilson Waffenstillstandsbedingungen an.

29. Oktober 1918
Massendemonstration in Stuttgart.
In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober unterbinden Heizer vor Wilhelmshaven die der Hochseeflotte befohlene Ausfahrt. Ein Teil der Matrosen verweigert den Gehorsam. Matrosenräte werden gebildet und die rote Fahne gehisst.
Auch der Plan der Admiralität, U-Boote und nicht betroffene Großkampfschiffe gegen England zu senden, scheitert. Über 1 000 Matrosen und Heizer werden in Wilhelmshaven verhaftet – ihnen droht standrechtliche Erschießung. Sie werden in Wilhelmshaven und Kiel interniert. Nach der Verhaftung kommt es zur Erhebung nahezu aller Schiffsbesatzungen, Dockarbeiter und Soldaten in den Küstenstädten.
Kaiser Wilhelm II. begibt sich überraschend in das Quartier der Obersten Heeresleitung nach Spa. Er will dort die beginnende Meuterei der Flotte an der Nordsee besprechen.

31. Oktober 1918
In Kiel solidarisieren sich Arbeiter, Matrosen und Soldaten mit den Gefangengenommenen.
Das Organ der deutschen Sozialdemokratie „Vorwärts“ fordert den Rücktritt von Kaiser Wilhelm II. Bei Metz meutert eine Landwehrdivision.

Matrosen an Deck des Linienschiffs Prinzregent Luitpold mit einer Tafel: „Soldatenrat Kriegsschiff Prinzregent Luitpold. Es lebe die sozialistische Republik.“

Matrosen an Deck des Linienschiffs Prinzregent Luitpold mit einer Tafel: „Soldatenrat Kriegsschiff Prinzregent Luitpold. Es lebe die sozialistische Republik.“

( Bundesarchiv, Bild 183-J0908-0600-002 / CC-BY-SA 3.0)

1. November 1918
Aufruf der Spartakusgruppe zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes.
In Sachsen treten zwei Vertreter der Mehrheitssozialdemokraten in die bürgerliche Regierung ein. Julius Fräßdorf und Max Heldt werden vom sächsischen König Friedrich August III. zu königlich-sächsischen Staatsministern ohne Portefeuille ernannt.

2. November 1918
Matrosenversammlung in Kiel verboten.
Wilhelm II. lehnt mit Unterstützung Hindenburgs und dessen neuen Stellvertreters in der Obersten Heeresleitung Groener seine Abdankung ab.
Der Vollzugsausschuss der revolutionären Obleute Berlins beschließt den Aufstand für den 4. November, das Plenum lehnt jedoch Aktionen für die nächsten Tage ab.

3. November 1918
Kundgebung und Demonstration von mehreren tausend Matrosen, Soldaten, Arbeiterinnen und Arbeitern in Kiel. Eine Militärstreife eröffnet das Feuer, es gibt acht Tote, 29 Menschen werden teils schwer verletzt. Daraufhin schließen sich die Soldaten der örtlichen Garnison der Erhebung an. Der bewaffnete Aufstand und damit die Revolution beginnt.
Demonstrationen in München. Die Freilassung politischer Gefangener wird erzwungen.
In Magdeburg demonstrieren 50000 Arbeiter, Frauen und Soldaten gegen den Krieg.
Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schreibt: „Wenn durch namenlose Flugzettel oder durch kleine Gruppen der Ruf ergeht, die Betriebe zu verlassen und auf die Straße zu gehen, so gebietet die Disziplin der Organisation, ihnen nicht Folge zu leisten.“

4. November 1918
Die Nachricht von den tödlichen Schüssen in Kiel verbreitet sich, alle Kieler Marineeinheiten schließen sich den Aufständischen an. Offiziere werden entwaffnet, Gefangene, darunter die Inhaftierten des Matrosenaufstandes vom 29. Oktober, befreit, Soldatenräte gewählt, die u. a. die Beendigung des Krieges und die Abdankung des Kaisers verlangen. Arbeiter schließen sich an und bilden Arbeiterräte. Die militärische und zivile Macht befindet sich in den Händen der Aufständischen. Zwei Regierungsbeauftragte, der sozialdemokratische Abgeordnete Gustav Noske und Staatssekretär Conrad Haussmann werden von Berlin nach Kiel geschickt, um mit den Matrosen „zu verhandeln“.
Im „Vorwärts“ veröffentlicht der Parteivorstand der SPD als Aufruf eine Warnung, sich Streiks und Demonstrationen anzuschließen.

5. November 1918
Noske lässt sich zum Vorsitzenden des Soldatenrates wählen. Noch am gleichen Tag bilden auch die Matrosen in Brunsbüttel, Cuxhaven, Lübeck und Hamburg Räte. In Hamburg solidarisieren sich Soldaten und Arbeiter und rufen den Generalstreik aus. Matrosen besetzen Hauptbahnhof, Elbtunnel, Kasernen und Kriegsschiffe. Auf einer Kundgebung ruft Wilhelm Dittmann (USPD) zur Errichtung der sozialistischen Republik auf. Soldaten und Matrosen übernehmen die militärische Kontrolle. Die Bewegung erfasst Bremen und Lübeck.
In den nächsten Tagen entstehen im gesamten Reich Arbeiter- und Soldatenräte.
Erneut ruft der Parteivorstand der SPD zu „Ruhe und Ordnung“ auf: „Folgt nicht den Parolen kleiner Gruppen und unbekannter Drahtzieher … keine russischen Zustände, sondern das Ganze geschlossen vorwärts, zu den Zielen der Demokratie und des Sozialismus.“

7. November 1918
Die Revolution erreicht München. 60000 Menschen versammeln sich bei der Kundgebung von Kurt Eisner (USPD), Erhard Auer (SPD) und weiteren Rednern auf der Münchner Theresienwiese. Noch in der Nacht zum 8. November ruft Eisner den Freistaat Bayern (frei von der Monarchie) aus. Er wird vom Münchner Arbeiter-und-Soldaten-Rat in seiner ersten Sitzung zum Ministerpräsidenten gewählt und ein Kabinett aus USPD- und SPD-Mitgliedern gebildet. Einen Tag später wird in Bayern ein Rat von Arbeitern, Soldaten und Bauern unter dem Vorsitz von Kurt Eisner gebildet.
SPD-Reichstagsfraktion und Parteivorstand fordern bis zum Mittag des nächsten Tages die Abdankung Wilhelms II. und den Thronverzicht des Kronprinzen. Die Forderung, eine Republik zu schaffen, gibt es (noch) nicht.
Der Berliner Oberbefehlshaber Generaloberst von Linsingen verbietet die Revolution mit einer Bekanntmachung. Am Lehrter Bahnhof werden Truppen konzentriert, eintreffende Matrosen sofort verhaftet.

8. November 1918
Revolution und Bildung von Räten in Braunschweig, Köln, Essen, Krefeld, Gotha, Koblenz, Mainz, Magdeburg, Halle, Leipzig, Chemnitz, Dresden, München, Düsseldorf, Haltern, Darmstadt, Nürnberg, Bayreuth, Passau, Augsburg, Rosenheim, Lahr und Offenburg.
Der Vollzugsausschuss der Revolutionären Obleute Berlins und die Spartakusgruppe beschließen den Umsturz einstimmig: für den 9. November. Gefertigt werden getrennte Aufrufe der Spartakusgruppe und des Vollzugsausschusses der Revolutionären Obleute zur Machtergreifung durch die Arbeiter- und Soldatenräte.
Rosa Luxemburg wird am Tag des Revolutionsbeginns in Breslau abends aus der dortigen Haft entlassen.

Übergabe der Gardeulanenkaserne in Berlin an die revolutionären Arbeiter und Soldaten am 8. November 1918

Übergabe der Gardeulanenkaserne in Berlin an die revolutionären Arbeiter und Soldaten am 8. November 1918


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Leserbrief zu Artikel »Der Aufstand«, UZ vom 2. November 2018





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