Die Ware „Buch“

Gedanken beim Gang durch die Buchmesse
Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 19. Oktober 2018
Das übliche Gedrängel, hier in Halle 5, wo die internationalen Verlage zumeist ihren Platz haben (Foto: Frankfurter Buchmesse/Alexander Heimann)
Das übliche Gedrängel, hier in Halle 5, wo die internationalen Verlage zumeist ihren Platz haben (Foto: Frankfurter Buchmesse/Alexander Heimann)

Die berühmten ersten Sätze in Band I des „Kapital“ passen zur Frankfurter Buchmesse: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware. Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z. B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache. Es handelt sich hier auch nicht darum, wie die Sache das menschliche Bedürfnis befriedigt, ob unmittelbar als Lebensmittel, d. h. als Gegenstand des Genusses, oder auf einem Umweg, als Produktionsmittel.“ Die Ware entspringt menschlicher Arbeit, ohne diese liegt „das Noch-Nicht-Ding“ in der belebten und unbelebten Natur nur herum, wird zwar wahrgenommen, bleibt aber nutzlos. Die Ware Buch, Produkt menschlicher Arbeit, ist mit Erwartungen verknüpft, wir schreiben seit Jahrhunderten dem gedruckten Papier Eigenschaften zu, die wenig mit dem profanen Produkt zu tun haben, sondern mit Interessen, die vom Autor über die Verwerter bis zum Leser reichen und natürlich nicht immer übereinstimmen.
Der zweite Gedanke, der zur Buchmesse passt: Welch ein Aufwand wird betrieben, um diese Ware, das Buch mit all seinen Nebenprodukten, in den Gesellschaften zu verankern, unabhängig davon, was jeweiliger Inhalt ist. Wie wichtig ist die politisch-ideologische Bedeutung, die Bücher in allen Ländern und Kulturen hat, wenn fast alle Staaten ihre Buchproduktion in Frankfurt zeigen wollen? Selbst ökonomisch schwache Länder leisten sich den enormen Aufwand an Standkosten, Reisekosten und möglichst einer medialen Präsenz, nicht nur um dabei zu sein, sondern um Geschäfte anzubahnen oder abzuschließen. Verwertungsrechte, geschützt durch internationale Abkommen, schaffen nicht nur die ökonomische Basis des „Weiter so“, sondern helfen, das eigene, nationale und kulturelle Selbstverständnis zu begründen und zu erweitern.
Und noch ein dritter Gedanke zu einer Buchmesse: Es ist erfreulich, welches Interesse an der Kulturleistung „Lesenkönnen“ besteht. Nicht bei denen, die für diese Arbeit ihren Lohn erhalten wollen, da ist oft der Eindruck bei diesen Managertypen und dem medialen Tross, ob „Bücher oder Heringe, Hauptsache ist, ich bin im Geschäft“, also gespieltes Interesse. Vielmehr sind es die Zehntausende, die sich tatsächlich dafür begeistern können, was an neuen Büchern zu finden ist, welche Themen mal wieder in den Fokus gelangen. Das kulturpessimistische Gerede vom Ende der Gutenberg-Galaxis hat keine materielle Basis, trotz Hörbuch und Online-Zugängen ist nicht nur der Ausgangspunkt das geschrieben Wort, es bestimmt auch den Verlauf des Geschehens.
Medienkonzerne wie die Bertelsmann Group betreiben einen enormen Aufwand, mit ihnen in die schöne neue „Cloud-Welt“ einzutauchen, Amazon lässt pausenlos Propagandisten auftreten, um angehende Autoren zu gewinnen, ausschließlich ihre Produktionsplattform zu nutzen, selbst die Bundesregierung bemüht sich um gute Stimmung für ihre Politik mit einem prächtigen Stand. Ernst dreinblickende Mullahs wollen wissen, wie es um die Verbreitung des Islam steht, georgische Autorinnen und Autoren in großer Zahl bemühen sich, ihre Sicht auf Land und Leute schmackhaft zu machen und möglichst viele Übersetzungen in die „Weltsprachen“ zu befördern. Während in früheren Zeiten die Halle der Wissenschafts- und Fachbuchverlage einen kühlen Eindruck machte, gedämpfte Stimmen, seriöse Herren in Business-Klamotten, so tobt jetzt auch hier wie in allen anderen Hallen eine hektische, lärmende Meute auf der Jagd nach Geschäften. Debatten um Urheberrechte und ihre Verwertungsmöglichkeiten bestimmen Positionierungen, Fusionen und Marktanteile, gerade im ökonomisch wertvollen Teil der Produktion.
All dies kann man wahrnehmen und weiß gleichzeitig, das tausend andere Erlebnisse zur gleichen Zeit nicht wahrgenommen werden, selbst wenn man Hunderte von neuen Büchern kurz in die Hand nimmt und blättert, vermutet man zu Recht, dass eine unübersehbar große Zahl anderer Bücher unbeachtet bleibt. Deshalb schleppen viele Neulinge der Branche, egal aus welchem Land, Jutetaschen voll Prospekten aus den Hallen, schleppen sich am späten Nachmittag selbst auch nur noch durch die unendlich vielen Gänge und suchen nur noch ein ruhiges Plätzchen. Und auch nächstes Jahr wird es nicht anders sein, solange es kapitalistische Warenproduktion ist.


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Leserbrief zu Artikel »Die Ware „Buch“«, UZ vom 19. Oktober 2018





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