Vor dem Sturmlauf

Von UZ
|    Ausgabe vom 12. Oktober 2018

1.10.1918
Statt Vizekanzler Friedrich von Payer, der die Kandidatur ablehnt, soll nun Max Prinz von Baden zum Reichskanzler ernannt werden.
Mit der dringenden Bitte um Herausgabe des Friedensangebotes an die Entente wendet sich die deutsche Oberste Heeresleitung an die Regierung des Deutschen Reiches. Die ernste Lage an den Fronten erfordere rasches Handeln. Bis zur Bildung der neuen Regierung könne nicht gewartet werden.

2.10.1918
Vor den Parteiführern des Deutschen Reichstages hält der Major im Generalstab Erich Freiherr von dem Bussche-Ippenburg einen Vortrag über die nach Ansicht der OHL verzweifelte militärische Lage. Einen sehr großen Anteil an den auf Null gesunkenen Aussichten, den Krieg zu gewinnen, trügen die eingesetzten britischen Tanks (Panzer).
Das deutsche Kriegsministerium will dem freiwillig im Heeressanitätsdienst arbeitenden Personal weitere großzügige Mittel zum „Durchhalten“ zur Verfügung stellen.

3.10.1918
Prinz Max von Baden wird von Kaiser Wilhelm II. zum neuen deutschen Reichskanzler ernannt. Der neue Reichskanzler richtet noch am gleichen Tag ein Waffenstillstandsangebot an den US-amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, das auf dessen Friedensprogramm der 14 Punkte vom 8. Januar fußt.
Die SPD veröffentlicht eine Erklärung, wonach sie das Selbstbestimmungsrecht der slawischen und romanischen Nationen anerkennt und eine Umwandlung Österreich-Ungarns in eine Föderation freier nationaler Gemeinwesen gutheißt.

4.10.1918
Die kirchlichen Behörden in Köln ordnen an, dass das reguläre Läuten der Kirchenglocken aus Rücksicht auf die zahlreichen in der Stadt befindlichen Kriegsverletzten vorläufig eingestellt werden soll.
Philipp Scheidemann (SPD), Matthias Erzberger (Zentrum) und Adolf Gröber (Zentrum) werden zu Ministern ohne bestimmten Aufgabenbereich ernannt. Neuer Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ist Wilhelm Solf, der seit 1911 Leiter des Reichskolonialamtes gewesen war.
Im Deutschen Reich wird nach der Ernennung Max von Badens zum neuen Reichskanzler erstmals eine Regierung gebildet, die dem Deutschen Reichstag verantwortlich ist.
5.10.1918
Im Deutschen Reich wird zur Zeichnung der neunten Kriegsanleihe aufgerufen, die bis zum 23. Oktober laufen soll.
Im gesamten Deutschen Reich ergeht ein Aufruf an die Schüler, jetzt die zweite Brennnesselernte „restlos unter Dach und Fach zu bringen“.

6.10.1918
Obwohl selbst die Oberste Heeresleitung nicht mehr an den Sieg des Deutschen Reiches glaubt, erscheinen weiter Zeitungsartikel, die vor der „gefährlichen Wühlarbeit feindlicher Agenten“ warnen, die „Falschmeldungen” über den katastrophalen Einbruch der deutschen Westfront verbreiten würden.

7.10.1918
Erstmals im Kriege – so die deutsche Presse – wird ein schweizerischer Fesselballon versehentlich von einem deutschen Kampfflugzeug abgeschossen. Die deutsche Regierung „bedauert aufrichtig”.

8.10.1918
Der US-amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson antwortet zurückhaltend auf das Waffenstillstandsangebot der Mittelmächte.
Nach offiziellen Angaben gibt es in Berlin zur Zeit 17 akut an Cholera erkrankte Personen. 13 Patienten sind der Seuche bereits erlegen.

10.10.1918

Rosa Luxemburg wird aus der politischen „Schutzhaft” entlassen.
Das Kriegsversorgungsamt gibt bekannt, dass die vorgeschriebenen Höchstpreise für Schuhe ab sofort in Sohle oder Schaft eingeprägt sein müssen, um dem Kriegswucher entgegenzuwirken. Herrenstiefel dürfen danach 48 Mark, Damenstiefel 44 Mark und Damenhalbschuhe höchstens 38 Mark kosten.

11.10.1918

In Berlin versammeln sich etwa 1 000 Anhänger der Alldeutschen am Hindenburg-Denkmal, um vor der „Verstümmelung Deutschlands” durch einen „ungerechten” Friedensvertrag zu warnen.
Der Wahlrechtsausschuss des preußischen Herrenhauses beschließt, dass in Zukunft 16 Arbeiter und 8 Angestellte als Vertreter ihres Standes in das Herrenhaus eintreten sollen.

12.10.1918
Die Regierung des Deutschen Reiches erklärt sich bereit, zur Herbeiführung des Waffenstillstands die besetzten Gebiete an der Westfront zu räumen.
Kaiser Wilhelm II. verkündet eine Amnestie für alle politischen Gefangenen im Deutschen Reich.

13.10.1918
Im Zusammenhang mit den Aufrufen zur Zeichnung der neunten Kriegsanleihe im Deutschen Reich veröffentlichen die Zeitungen Warnungen, Erspartes zu Hause aufzubewahren. Besser sei es, sie zinsbringend anzulegen.

14.10.1918
In seiner dritten Antwortnote an die deutsche Regierung betont der US-amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson, Vorbedingung für einen Friedensschluss sei die Umwandlung der deutschen Regierungsform in eine Demokratie.
Auf Antrag des Reichsversorgungsamtes beschließt der Reichstag die Durchführung fleischloser Wochen auch für November, Dezember und Januar 1919. Jeweils eine Woche pro Monat wird dann kein Fleisch im Handel sein.

16.10.1918
5 000 bis 6 000 Arbeiter in Berlin legen die Arbeit nieder und demonstrieren auf dem Boulevard „Unter den Linden“: „Nieder mit dem Kaiser! Nieder mit dem Kapitalismus! Hoch die Revolution!“ Die Polizei hieb mit Säbeln auf die Protestierenden ein und verwundete dabei vor allem Frauen.


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