1938: Verrat an einer Republik

Schritte zum Zweiten Weltkrieg
Von Ludwig Elm
|    Ausgabe vom 28. September 2018
Die Abreise der ausländischen Staatsmänner von München. Rechts Reichsaussenminister von Ribbentrop, Mitte Reichsstatthalter Ritter von Epp, links der bayerische Ministerpräsident Siebert (30.9.1938) (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13013 / CC-BY-SA 3.0)
Die Abreise der ausländischen Staatsmänner von München. Rechts Reichsaussenminister von Ribbentrop, Mitte Reichsstatthalter Ritter von Epp, links der bayerische Ministerpräsident Siebert (30.9.1938) (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H13013 / CC-BY-SA 3.0)

„Das Münchener Abkommen von 1938 demonstrierte in Perfektion das Zusammenspiel aus einerseits selbstsicherer Aggressivität und andererseits Angst und Konzessionsbereitschaft; schon das Wort ‚München’ sollte für Generationen im politischen Diskurs des Westens zum Synonym für feigen Rückzug werden.“
Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, 1995

Die faschistischen Diktatoren Hitler und Mussolini trafen sich am 29./30. September 1938 in München mit den Regierungschefs von Großbritannien und Frankreich, Chamberlain und Daladier. Die Vier verabschiedeten ein Abkommen, das der Tschechoslowakischen Republik (CSR) die Abtretung des Sudetengebietes an Nazideutschland zum 1. Oktober 1938 diktierte. Die CSR war weder in die Vorbereitung einbezogen noch zur Konferenz eingeladen. Das Diktat beraubte sie beträchtlicher Teile von Bevölkerung und Territorium, Industrie und Verkehrswegen sowie unersetzbarer Verteidigungsanlagen.
Der Diplomat und Journalist, Harold Nicolson, ab 1935 Abgeordneter der National Labour Party im Unterhaus, stand Winston Churchill nahe und in Kontakt mit zahlreichen Politikern, Diplomaten und Intellektuellen des In- und Auslands. Er hatte am 25. Februar 1938 an seine Frau, die Schriftstellerin Victoria Sackville-West, geschrieben, dass die Regierung Chamberlain „zur Machtpolitik und zum Feilschen der Vorkriegszeit“ zurückkehre: „Das bedeutet: 1. dass wir Opfer bringen müssen, um uns Deutschlands und Italiens Freundschaft zu erkaufen; 2. dass diese Freundschaft, sobald sie erkauft ist, keinen Heller mehr wert ist; und 3. dass wir damit das Vertrauen Frankreichs, Russlands, der Vereinigten Staaten und aller kleinen Länder preisgeben. Das bekümmert mich schrecklich.“ (Nicolson, S. 272)
Am 6. Juni 1938 notierte Nicolson, Chamberlain gehe „nur darauf aus, uns zeitweilig Frieden um den Preis der endgültigen Niederlage zu garantieren. Er möchte Deutschland alles geben, was es augenblicklich fordert, und kann nicht begreifen, dass wir, wenn wir so kapitulieren, weiteren Forderungen nicht mehr widerstehen können.“ (Nicolson, S. 286) Seit 1937 war Neville Henderson britischer Botschafter in Berlin. Er vertrat rückhaltlos die Beschwichtigungspolitik Chamberlains gegenüber Hitler, Mussolini und Franco. William E. Dodd, Botschafter der USA in Deutschland (1933–1937), notierte am 2. Juni 1937, dass Henderson die deutsch-italienische Aggression in Spanien durchaus gutheiße: „Er hat bereits durchblicken lassen, dass er völlig aufseiten Francos stehe. Anscheinend ist er sich der Gefahren für England nicht bewusst. Wie es heißt, hat er auch der deutschen Regierung mitgeteilt, dass England keinen Einwand erheben werde, wenn Hitler in Österreich und der Tschechoslowakei einfiele.“ (Diplomat, S. 463)
Unmissverständlich urteilte Robert Coulondre, 1936 bis 1938 Botschafter Frankreichs in Moskau sowie 1938/39 in Berlin. Er stand der politischen, diplomatischen und militärischen Führung Frankreichs nahe und beschrieb in seinen 1950 erschienenen Erinnerungen das Fehlverhalten in Paris und London. Nach der Annexion Österreichs am 13. März 1938 sei in Moskau nach dem nächsten Opfer gefragt worden und die Blicke hätten sich auf die tschechoslowakische Gesandtschaft gerichtet. Wenige Tage danach habe die sowjetische Regierung eine Konferenz zur Friedenssicherung in Europa vorgeschlagen, die Chamberlain gegen den Rat Churchills ablehnte: „Dieses Märzende 1938 war tatsächlich für den Frieden entscheidend: in diesem Augenblick hätte die Bedrohung Prags durch Deutschland das ganze friedliebende Europa um die Tschechoslowakei scharen können. Indem die Westmächte versuchten, auf Kosten dieses unglücklichen kleinen Volkes die Chancen einer Verständigung mit dem deutschen Reichskanzler auszuschöpfen, haben sie lediglich die Kräfte des Friedens erschöpft. Wieder einmal schlugen sie aus Furcht vor dem Kriege an einer Kreuzung den Weg ein, der zum Kriege führte.“ (Coulondre, S. 193)
Großbritannien betrieb den Verrat an der CSR

Das Gebäude auf dem Königlichen Platz in München, in dem die Begegnung zwischen Adolf Hitler, dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini, dem britischen Premierminister Chamberlain und dem französischen Ministerpräsidenten Daladier stattfand.

Das Gebäude auf dem Königlichen Platz in München, in dem die Begegnung zwischen Adolf Hitler, dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini, dem britischen Premierminister Chamberlain und dem französischen Ministerpräsidenten Daladier stattfand.

( Bundesarchiv, Bild 183-H12988 / CC-BY-SA 3.0)

Nunmehr, fuhr Coulondre fort, war es Chamberlain, „der die Zügel des französisch-britischen Doppelgespanns ergriff und es mit seinen eigenen Händen in den Krieg hineinführte. Die meisten seiner Schritte wurden ohne Befragung, häufig sogar ohne vorherige Unterrichtung der französischen Regierung unternommen“. Er habe mit einer „Politik der Mutlosigkeit“ auch die Trumpfkarte der Einbeziehung der UdSSR „nicht angenommen aus Furcht, sie könne dem deutschen Reichskanzler missfallen und ihn von einer Verständigung abhalten“. (Coulondre, S. 194) In Paris betonte er, es sei notwendiger und vordringlicher denn je, mit der UdSSR in militärische Besprechungen einzutreten.
Coulondre wies in einem Bericht aus Moskau darauf hin, dass in der Krise um die CSR „der russische Faktor“ für die Erhaltung des Friedens höchste Bedeutung gewonnen habe. „Während dieses ganzen Frühjahrs 1938 verfolge ich die Politik der UdSSR, beobachte die Haltung ihrer leitenden Männer.“ Bezüglich des sowjetischen Außenministers fügte er hinzu: „In dieser Zeit sehe ich wiederholt Litwinow. Seine Haltung ist in jeder Beziehung befriedigend.“ Litwinow habe auch ihm gegenüber die Bereitschaft seines Landes bestätigt, gegenüber der CSR zu den eingegangenen Verpflichtungen zu stehen. (Coulondre, S. 201) Diese Erfahrungen wurden in einem als „geheim“ eingestuften „Elaborat“ des Außenministeriums in Prag vom 14. August 1938 bestätigt: „Erklärungen und Kundgebungen Frankreichs, Englands und Sowjetrusslands über die Militärhilfe für die Tschechoslowakei. Der Standpunkt Polens und der USA“. Darin wurden verbindliche sowjetische Stellungnahmen zitiert. (Abkommen, S. 182–188)
Der tschechoslowakische Gesandte in Paris, Stefan Osuský, hatte dem Außenministerium in Prag am 13. Juni 1938 mitgeteilt, dass Minister Bonnet „auf Verlangen des englischen Botschafters den Lord Noel Buxton und den Abgeordneten Riley empfangen habe, welche ihm mit der Landkarte in der Hand ausführten, welche Sudetengebiete an Deutschland abgetreten werden sollen. Bonnet antwortete ihnen darauf, dass er über solche Dinge mit ihnen überhaupt nicht verhandeln werde und ersuchte sie, nach Frankreich nicht mit einer solchen Sache zu kommen“. (Abkommen, S. 143) Chamberlain und sein Umfeld leiteten die Kapitulation vor Hitler auf Kosten der CSR ein. Nicolson fragte am 22. August den sowjetischen Botschafter Maiski, was Russland täte, wenn Deutschland zum Schwarzen Meer dränge. Der Botschafter erwiderte, dass Russland bezüglich der westlichen Demokratien gründlich desillusioniert sei: „Wenn wir und Frankreich für die Tschechen in den Krieg zögen, so würde Russland helfen. Ließen wir die Tschechoslowakei fallen, so würde Russland isolationistisch werden.“ (Nicolson, S. 295 f.)
Aus London informierte der Gesandte Hubert Masaryk das Prager Außenministerium am 5. September, dass der Chefredakteur der „Times“, Dawson, für die Regierung ein Memorandum ausgearbeitet habe: „Er schlägt die Abtretung des deutschen Gebietes gegen eine definitive Garantie Englands vor. Er werde darüber morgen mit Halifax verhandeln. Daraus könnte eine Schwierigkeit werden.“ (Abkommen, S. 215) Am 7. September erschien in der „Times“ ein Leitartikel, der die Abtretung des Sudetengebietes an Deutschland als besten Ausweg bezeichnete. Bereits am 14. September übermittelt Masaryk „Nur für Herrn Präsidenten Beneš“ von einem hohen Diplomaten Londons die Bitte, „ihr möget über eine durch die Großmächte garantierte Neutralisation nach Abtretung eines Teils des Landes an Deutschland nachdenken. Er machte diesen Vorschlag heute den Franzosen und wird mit ihm bei der Regierung hausieren gehen. Ich habe versichert, dass wir gar kein Vertrauen zu irgendwelchen Garantien Hitlers hätten“. (Abkommen, S. 222)
Imperiales Vorgehen
Masaryk leitete die tschechoslowakische Beobachtergruppe auf der Münchner Konferenz, die bald erfuhr, „dass die englische Abordnung dem neuen deutschen Plan günstig sei“. Bald ließ die französische Delegation sie wissen, „dass die 4 Staatsmänner nicht viel Zeit hätten“ und „dass keine Antwort mehr von unserer Seite erwartet werde, dass sie den Plan als angenommen ansehen“. Die Prager Regierung solle bis 17.00 Uhr ihre Vertreter zur Tagung der eingesetzten Kommission nach Berlin schicken. (Abkommen, S. 271 f.) Ab 1. Oktober marschierte die Wehrmacht in die CSR ein und besetzte das abzutretende Gebiet.
Das Kapitel „Die Tragödie von München“ leitete Churchill mit einem Zitat aus der „warnenden Erklärung“ Litwinows vor dem Völkerbund am 21. September 1938 ein. Darin sei die Bereitschaft der UdSSR zum Beistand für die bedrohte Tschechoslowakei bekräftigt worden. Mit Blick auf das wenige Tage später geschlossene Münchner Abkommen fügt Churchill an: „Diese öffentliche und unbedingte Erklärung einer der größten an der Frage beteiligten Mächte spielte keine Rolle in Chamberlains Verhandlungen oder in Frankreichs Verhalten. Das Angebot Russlands wurde einfach übergangen. Man warf die Macht der Sowjets nicht in die Waagschale gegen Hitler und behandelte die Russen mit einer Gleichgültigkeit – um nicht zu sagen Verachtung –, die in Stalins Einstellung ihre Spuren zurückließ. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf, als ob Russland nicht existierte. Dafür mussten wir später teuer bezahlen.“ (Churchill, S. 156 f.)
Der Kunsthistoriker Josef Busley hatte am 9. November 1938 nach einem Besuch bei Adenauer in Rhöndorf in sein Tagebuch eingetragen: „Auch er beurteilt wie wir die Lage! – Gewaltige Erfolge Hitlers für die Geschichte Deutschlands! – Zerschlagen des Versailler Vertrages …– Aber völliges Versagen von Paris und London, die Hitler’s Vorsprung nicht mehr so leicht einholen können.“ (Adenauer, S. 340) Busley hatte bereits am 20. März notiert: „Auch Adenauer ist sehr erfreut über das Gelingen des Anschlusses Österreichs!! – Er bezeichnet ihn als ganz großen Erfolg Hitler’s, den man rückhaltlos anerkennen und bewundern müsse.“ (ebenda, S. 325) Der spätere Bundeskanzler war 1938 unfähig, auch nur annähernd die verhängnisvolle Perspektive zu erfassen, die sich aus den beginnenden Eroberungen der NS-Diktatur ergab.
Franz Dahlem leitete 1938/39 das Sekretariat der KPD in Paris. In seinen Erinnerungen schildert er die Bedingungen, Akteure und Gegner des Widerstandes, aber auch die Positionen und Rolle der europäischen Machtzentren. In einem gemeinsamen Aufruf erklärten KPD und FKP am 6. September 1938, das Hitlerregime „bedroht die Tschechoslowakei, weil sie ein demokratisches Land ist, und wirft damit der Gesamtheit der Nationen, in denen die Freiheit nicht vernichtet ist, den Fehdehandschuh hin“. (Dahlem, Bd. 1, S. 270) Am 30. September 1938, resümierte Dahlem später, sind die Weichen für den Zweiten Weltkrieg gestellt worden: „Diese Heimtücke und Hinterhältigkeit imperialistischer Politik, wie sie dem Münchener Diktat vorausgingen, sind selbst in unserer Zeit nach wie vor lehrreich.“ (ebenda, S. 290) Seine Folgerung bleibt im 21. Jahrhundert gültig.
Am 21. Oktober 1938 befahl Hitler geheim, die Erledigung der „Rest-Tschechei“ vorzubereiten. Mitte März 1939 marschierte die Wehrmacht in die verbliebene Republik ein. Die Slowakei wurde als Vasall Berlins abgespalten und für Tschechien das terroristische „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ installiert. Die Bedingungen für den nur Monate später erfolgenden Überfall auf Polen waren für den Aggressor infolge des britischen und französischen Kapitulantentums erheblich verbessert. Frankreich und Großbritannien gerieten zeitgleich mit Polen in den Krieg. Ihre Völker, die der UdSSR und vieler weiterer Staaten erlitten die tragischen Auswirkungen bis zu ihrer Befreiung.

Literatur
Das Abkommen von München 1938. Tschechoslowakische Dokumente 1937–1939. Zusammengestellt, mit Vorwort und Anmerkungen versehen von Václav Král, Praha 1968, S. 185 f. (Tschechoslowakische Akademie der Wissenschaften). Der großformatige Band enthält nach einer Einleitung 318 Dokumente vom 3. November 1937 bis zum 14. März 1939 (S. 42–355)
Adenauer im Dritten Reich. Bearbeitet von Hans Peter Mensing, Berlin 1991
Churchill, Winston S.: Der Zweite Weltkrieg. Mit einem Epilog über die Nachkriegsjahre, Bern-München-Wien (1948), Sonderausgabe 1995
Coulondre, Robert: Von Moskau nach Berlin 1936–1939. Erinnerungen des französischen Botschafters, Bonn 1950
Dahlem, Franz: Am Vorabend des zweiten Weltkrieges. 1938 bis August 1939, Berlin 1977 und 1979 (Erinnerungen, Bd. 1 und 2)
Diplomat auf heißem Boden. Tagebuch des USA-Botschafters William E. Dodd in Berlin 1933–1938 (1941), Berlin o. J
Nicolson, Harold: Tagebücher und Briefe. Erster Band 1930–1941, Frankfurt am Main 1969

„Das Münchener Abkommen von 1938 demonstrierte in Perfektion das Zusammenspiel aus einerseits selbstsicherer Aggressivität und andererseits Angst und Konzessionsbereitschaft; schon das Wort ‚München’ sollte für Generationen im politischen Diskurs des Westens zum Synonym für feigen Rückzug werden.“
Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, 1995


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Leserbrief zu Artikel »1938: Verrat an einer Republik«, UZ vom 28. September 2018





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