Berlins Tagesaufgabe

Lucas Zeise zur Wirtschaftskrise in der Türkei
|    Ausgabe vom 14. September 2018

Die türkische Lira ist zurzeit in Dollar oder Euro gerechnet etwa 45 Prozent weniger wert als zu Jahresanfang. Das ist Ergebnis einer dramatischen wirtschaftlichen Krise und zugleich krisenverschärfend. Importwaren aus der Eurozone und in Dollar gerechnete Rohstoffe sind heute um (etwa) 40 Prozent teurer. Die Bürger können sich vieles nicht mehr leisten. Die Industrie gibt höhere Rohölpreise ebenfalls an die Konsumenten weiter, die Inflation zieht an.
Die türkische Volkswirtschaft wurde schon seit fast zwei Jahren schwächer. Die langsame Zinserhöhung in den USA und die schlechter werdende internationale Konjunktur sind dafür Auslöser. Die Türkei war besonders betroffen, weil ihr Wirtschaftswachstum sehr hoch und, wie bei Schwellenländern üblich, mit hohen Importen und einem Defizit in der Leistungsbilanz verbunden war. Viele türkische Unternehmen sind in Dollar und Euro verschuldet und haben nun Probleme, die teuer gewordenen Schulden zu bedienen. Das wiederum bringt die Banken (vorwiegend türkische, aber auch zunehmend Banken aus der EU) in Schwierigkeiten.
Keine Rolle spielt bei den gegenwärtigen Schwierigkeiten des Landes, dass es politischen Zwist zwischen der Regierung Erdogan in Ankara und Trump in Washington gibt. Dass die Türkei als NATO-Staat punktuell mit Russland und Iran Übereinstimmung sucht, ärgert die Strategen in Washington, Berlin und Brüssel, aber mit der aktuellen Wirtschaftskrise und ihrem Lira-Verfall hat das nichts zu tun.
Auch das lächerliche Theater über einen christlichen Fundamentalisten, den Erdogan nicht ausreisen lässt, und die von Trump deshalb befohlene Verdoppelung des Einfuhrzolls auf türkischen Stahl sind ökonomisch ohne Belang. Im Devisenhandel wird dergleichen – mit Recht – als Zeichen dafür gewertet, dass schnelle finanzielle Hilfe aus den USA und/oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht zu erwarten ist.
Die Wirtschaftskrise und die jetzt billige Währung macht es für türkische Unternehmen einfacher, Marktanteile im Ausland zu gewinnen. Zugleich werden sie selber billiger und laden ausländisches Kapital zur Übernahme ein. Das zu erleichtern und damit die Türkei wieder fest in die „freie Welt“ und die NATO einzubinden, sieht unsere kluge Regierung in Berlin als ihre neue Tagesaufgabe.


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