Aus der Weltstadt Chemnitz

Sabine Kühnrich über rassistische Hetze
|    Ausgabe vom 7. September 2018

Am Morgen des 26. August geschieht in Chemnitz eine Gewalttat, in deren Folge ein Mensch stirbt. Es kursiert das Gerücht, der Mann musste sterben, weil er einen deutschen Frau zu Hilfe kam, die von Ausländern belästigt wurde. Dieses Gerücht gab der ganzen braunen Soße den Anlass, sich über Chemnitz zu ergießen und neue Gewalt zu schüren. Wenige Stunden später jagten Hooligans Migranten, tags darauf und am vergangenen Samstag richtete sich die Gewalt auch gegen Journalisten, Polizisten und Gegendemonstranten.
Ich habe kein Verständnis, wenn sich Unzufriedene in Nazidemos einreihen und diese auch nicht verlassen, wenn neben ihnen der faschistische Gruß gezeigt wird und Hetzreden gegen Ausländer und Andersdenkende gehalten werden. Auch wenn jemand Angst hat vor sozialem Abstieg, vor Fremden oder kriminellen Ausländern, begründet das nicht den Schulterschluss mit Hass, Hetze und Rechtlosigkeit. Natürlich, wenn eine NPD wegen angeblicher Unwesentlichkeit nicht verboten wird, geht davon über Jahre das Signal aus: Das ist ja alles nicht so schlimm, obwohl sie Teil eines weitreichenden neofaschistischen und rassistischen Netzwerkes ist und den Boden mitbereitet für die Pogromstimmung, wie wir sie jetzt in Chemnitz erlebt haben. Der Rechtsstaat lässt sie gewähren.
Unser Staat höhlt sich ebenso selbst aus: indem er seinen Kindern Unterricht verwehrt, weil es nicht genügend Lehrer gibt; indem er seine Alten und Kranken im Stich lässt, weil er keine menschenwürdige Pflege zuwege bringt; in dem er die Polizei so kaputt spart, dass sie ihre hoheitlichen Aufgaben nicht erfüllen kann; in dem er die Integration von Flüchtlingen allenfalls halbherzig, dafür mit brillanter Bürokratie betreibt.
Aber ich bekenne, auch ich habe versagt. Neulich auf dem Chemnitzer Wochenmarkt, als ein Rentner sich lautstark über das Ausländerpack mokierte und es nach Auschwitz schicken wollte, erklärte ich ihm zwar, dass auch er fast überall Ausländer ist, aber Anzeige habe ich nicht erstattet. Versagt habe ich auch vor einem Jahr, da Carl Hahn sen. (Vorstand der Auto Union Chemnitz, mitverantwortlich u. a. für den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der sächsischen NS-Kriegsindustrie) durch einen Chemnitzer Rotary-Club als „Großer Chemnitzer“ geehrt wurde. Mitten im Chemnitzer Stadtzentrum hielt sein Sohn Carl Hahn jun. eine offen faschistoide Rede. Ich schrieb vieles mit, aber die Stimme für lautstarken Protest versagte.


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