Interview

Der Kapitalismus weiß, dass er am Ende ist

Markus Bernhardt im Gespräch mit Konstantin Wecker
|    Ausgabe vom 24. August 2018

Konstantin Wecker
tritt am Samstag,
8. September,
um 20 Uhr
auf der Hauptbühne auf

Konstantin Wecker mit Esther Bejarano auf dem Pressefest 2014

Konstantin Wecker mit Esther Bejarano auf dem Pressefest 2014

( Shari Deymann)

Konstantin Wecker, geboren 1947, ist Poet, Sänger, Autor und Schauspieler und Komponist. Er engagiert sich seit Jahrzehnten für Zivilcourage, Pazifismus und Antifaschismus. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Erich-Fromm-Preis (2007), dem Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises (2013), dem Erich-Mühsam-Preis (2016), dem Deutschen Kleinkunstpreis – Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz (2017), dem Bayerischen Staatspreis für Musik – Sonderpreis (2017) und dem Göttinger Friedenspreis (2018). Wenn er nicht gerade on tour ist, lebt er in München. In diesem Jahr nimmt er erneut am UZ-Pressefest teil, welches vom 7. bis 9. September im Revierpark Dortmund-Wischlingen stattfindet.

 

UZ: Die Welt gerät zunehmend aus den Fugen. Die extreme Rechte erstarkt europaweit. Flucht, Kriege und Verfolgung nehmen massiv zu. Hättest du dir diese Entwicklung vor ein paar Jahren in diesem Ausmaß vorstellen können?

Konstantin Wecker: Nein, wahrscheinlich genauso wenig wie du. Der Neoliberalismus und seine Unterstützer haben die Welt ins Chaos gestürzt. Dass all das so schnell gehen könnte, hätte ich nicht erwartet.

UZ: Verzweifeln tust du an den derzeitigen poli­tischen Gegebenheiten nicht?

Konstantin Wecker: Es wäre alles vielleicht zum verzweifeln, aber ich verweigere mich dem. Jetzt ist es vielmehr nötig, laut die Stimme zu erheben, Menschen in Not zu helfen und den Kampf für Antifaschismus und Frieden noch deutlicher zu verstärken und Haltung und Charakter zu zeigen.

UZ: Tatsächlich ist der politische Rechtsruck, den wir aktuell in der Bundesrepublik erleben, ja nicht nur an der AfD und ihren Anhängern festzumachen. Auch CDU/CSU und Teile der SPD mischen kräftig mit, wenn es etwa um den Abbau demokratischer Rechte geht. In Bayern habt ihr in den vergangenen Monaten beispielsweise gegen die Verschärfungen des dortigen Polizeiaufgabengesetzes protestiert. Die CSU hat es trotzdem durch den Landtag gepeitscht und unter anderem die bis dato gängige Unschuldsvermutung ad absurdum geführt und die historisch gewachsene Trennung von Geheimdiensten und Polizeibehörden weiter ausgehöhlt. Ist die Gefahr, dass die etablierte Politik die Grund- und Freiheitsrechte derart schnellt schleift, nicht gefährlicher als das, was einige AfDler an Hetze von sich geben?

Konstantin Wecker: Für mich ist in diesem Zusammenhang das Erschütterndste gewesen, wie unverschämt die Politiker auf die Gegenwehr aus der Bevölkerung reagiert haben. Frei nach dem Motto „Was interessiert es uns denn, wenn fast 50000 Menschen gegen die Verschärfungen des Polizeigesetzes auf die Straße gehen“. Das muss man sich mal vorstellen! Das hat mich umgehauen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie derart frech sind. Zumindest nicht nach außen. Dass sie innerlich so ticken, das wusste ich hingegen schon.

UZ: Was folgt für dich daraus?

Konstantin Wecker: Man braucht nicht einmal Marx zu zitieren, um zu wissen, dass der Kapitalismus am Ende ist. Und das weiß der Kapitalismus selbst am besten. Und was tut man, wenn so ein System am Ende ist? Man führt Krieg. Nach Innen und nach Außen. Den Herrschenden und den Großkonzernen ist natürlich eine wie auch immer geartete faschistoide Regierung lieber als eine demokratische. Da können sie dann die ganze Zeit ungestört ihre Geschäfte machen – und darum geht es ihnen ja auch nur. Der Markt wählt. Es gibt ja offenbar genug Menschen, die so denken. Ich glaube auch, dass es bestimmte Kreise gibt, die denken, aus dem sich anbahnenden wirtschaftlichen Dilemma kommt man am besten mit einem Krieg heraus. Und das wäre nicht das erste Mal. Das gab es schon öfter in der Geschichte der Menschheit.

UZ: Zu einem anderen Thema: Du trittst in diesem Jahr wieder beim UZ-Pressefest auf. Freust du dich schon und was sind deine Gründe?

Konstantin Wecker: Selbstverständlich freue ich mich! Das UZ-Pressefest ist wahrscheinlich das letzte bekennend linke Festival dieser Zeit in der Bundesrepublik. Viele frühere Feste der kommunistischen Parteien im Ausland, beispielsweise in Italien, gibt es ja mittlerweile gar nicht mehr. Das waren so schöne Treffen und Zusammenkünfte von verschiedenen Linken. Bei diesen ließ man auch seine ideologischen Barrieren mal sausen. Ich werde nie vergessen, wie ich vor Jahrzehnten das erste Mal auf einem UZ-Pressefest war. Da waren damals mehrere 10 000 Menschen. Ich habe schon damals gesagt, ich habe überhaupt keine Berührungsängste mit Kommunisten, aber ich sage euch gleich, ich bin Anarchist. Dafür habe ich von einigen Ärger gekriegt. Aber es war mir wichtig, das klarzustellen. In den letzten Jahren habe ich, wenn ich bei der DKP aufgetreten bin, immer wieder mal E-Mails bekommen, in denen sich Leute darüber beschwerten und mir mitteilten, dass das doch Stalinisten seien. Auch das hat mich nicht aus der Ruhe gebracht. Ich bin beim UZ-Pressefest dabei, weil es ein linkes und ein politisches Festival ist und weil ich der Meinung bin, dass dort engagiert für Frieden und Antifaschismus gestritten wird. Vor allem freue ich mich, Esther Bejarano wiederzutreffen. Ich habe zudem auch einen Gast aus Afghanistan dabei und werde vielleicht noch ein, zwei weitere Gäste vorstellen. Ich komme ja diesmal ohne Band, nur mit Jo Barnikel und einem Flügel. In jedem Fall freue ich mich drauf!

UZ: Wenige Tage nach dem Pressefest erscheint dein neues Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren – Poesie ist Widerstand“. Worauf dürfen sich potentielle Leserinnen und Leser freuen?

Konstantin Wecker: Eigentlich ist es, und so ist es auch entstanden, Slam-Poetry. Aber ich bin zu alt, um es so zu nennen. Und deshalb nenne ich es auch nicht so. Es ist eigentlich ein Prosa-Gedicht. Es ist aus mir herausgebrochen, so wie die Gedichte auch sonst aus mir herausbrechen. Es ist kein Essay, sondern Poesie. Ich nenne es noch im Untertitel einen anarchischen Psalm. Und es ist ein Plädoyer für eine herrschaftsfreie Welt und immer mehr taucht in mir und auch in diesen Texten der Gedanke auf, dass ich nicht mehr einsehe, dass irgendein Mensch das Recht hat, einem anderen etwas zu befehlen. Wir können miteinander reden, wir können Regeln einhalten, wir können auch gerne darüber sprechen, dass es klüger ist, bei Grün über die Straße zu gehen als bei Rot. Aber befehlen? Ich akzeptiere keine Befehle mehr! Und blinder Gehorsam ist das, was die Welt immer, immer, immer wieder ins tiefste Elend gestürzt hat. Mein verehrter Freund, der 2015 verstorbene große Psychologe Arno Gruen, hat sein letztes Buch mit über 90 Jahren veröffentlicht, welches den Titel „Wider den Gehorsam“ trägt. Das könnte auch ein weiterer Untertitel meines Buches sein.

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