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Interview

Mit John Heartfield in die Kommunistische Partei

Christoph Hentschel im Gespräch mit Eva Rössner
|    Ausgabe vom 24. August 2018
Eine Hochschule der Arbeiterbewegung: Fabriksaal eines Nürnberger Werks des Siemens-Konzerns in der Weimarer Republik
Eine Hochschule der Arbeiterbewegung: Fabriksaal eines Nürnberger Werks des Siemens-Konzerns in der Weimarer Republik

UZ: Was war dein erster Kontakt mit dem Kommunismus?

Eva Rössner: Ich bin 1926 geboren und in einem kommunistisch organisierten Elternhaus groß geworden. Mein Vater stammte aus einem liberalen jüdischen Elternhaus und meine Mutter aus einer fest über Generationen in der Sozialdemokratie verankerten Arbeiterfamilie.
In unserer Küche hing ein Kalender von John Heartfield. Auf einem der Bilder war eine junge Kommunistin mit erhobener Faust zu sehen. Als ich drei Jahre alt war, stand ich wie gebannt mit erhobener Faust vor dem Bild, so hat es mir zumindest mal meine Mutter erzählt.

UZ: Wie sind deine Eltern Kommunisten geworden?

Eva Rössner: Mein Vater war in den 1920er Jahren in der jüdischen Jugend aktiv. Er war beim „Wilden Haufen“, einer jüdischen Jugendbewegung, die mit den Traditionen ihrer Familien gebrochen hatte. Dort lernte er Karl Lehrburger kennen. Lehrburger war Leiter der KPD im Arbeiterbezirk Gostenhof in Nürnberg. Über ihn ist mein Vater 1925 zur KPD gekommen. Lehrburger war einer der Ersten, die in Dachau umgekommen sind. Am 25. Mai 1933 wurde er im KZ Dachau ermordet.
Meine Mutter war in der Jugendbewegung aktiv und hat dort meinen Vater kennengelernt.

UZ: Wie hast du die Machtübergabe an die Nazis erlebt?

Eva Rössner: 1933 hat viel verändert. Schon ab 1932 lebte mein Vater nicht mehr bei uns. Das war zu gefährlich. Nach der Machtübergabe arbeitete er im Untergrund. An Ostern 1933 haben wir ihn zum letzten Mal gesehen. Im Hirschbachtal trafen wir uns. Seine Eltern waren auch dabei und erzählten von Hausdurchsuchungen. Die Nazis suchten meinen Vater. Meine Großeltern meinten, wenn meine Mutter heimkommt, dass die Polizei schon auf sie wartet. So war es auch. Sie ist nach Hause gefahren und da ist sie gleich verhaftet worden. Noch vor der Verhaftung hat eine Freundin meiner Mutter meinen jüngeren Bruder und mich zu meinen Großeltern mütterlicherseits gebracht.

UZ: Was ist mit deiner Mutter geschehen?

Eva Rössner: Sie wurde in „Schutzhaft“ genommen und saß eineinhalb Jahre in den Gefängnissen in Aichach und Landshut. Davon das erste Dreivierteljahr in Einzelhaft.
Mein Vater ist in die CSR geflohen und hat dort für die KPD den illegalen Grenzverkehr zwischen Aue und Zwickau organisiert. Dort war er unter „Schwarzer Max“ bekannt. 1934 hat er die Scheidung eingereicht. Meine Mutter wollte zuerst nicht einwilligen, hat es aber dann doch gemacht und ist dann frei gekommen. Sie musste sich aber dann noch monatelang bei der Polizei melden, zuerst jeden Tag und später einmal die Woche. Meine Mutter hat dann als Näherin in verschiedenen Betrieben gearbeitet. 1936 hat sie die Staatsbürgerschaft verloren und erst wiederbekommen, als sie unterschrieben hat, dass sie keinen Kontakt zu ihrem Mann oder zu Genossen hat.

UZ: Was ist aus deinem Vater geworden?

Eva Rössner: Er hat den illegalen Grenzverkehr bis zum Einmarsch der Wehrmacht 1939 geleitet. Dann ging er nach Prag, lernte dort seine zweite Frau kennen. Dank ihrer Verbindungen konnten beide nach England fliehen. Dort arbeiteten beide für die Bewegung „Freies Deutschland“. 1942 ist er an TBC gestorben.
Das haben wir erst nach dem Krieg erfahren. Seine zweite Frau schrieb meiner Mutter einen Brief, der sie über das Rote Kreuz erreichte. Meine Mutter dachte zuerst, sie sei eine Cousine meines Vaters. Die zweite Frau meines Vaters ist 1946 nach Berlin gegangen, weil sie für die Westsektoren keine Einreisegenehmigung bekommen hat. Von Berlin aus ist sie nach Nürnberg gegangen und hat mit meiner Mutter zusammengelebt, bis sie mit 59 Jahren gestorben ist.

UZ: Wie ist es deinem Bruder und dir derweil ergangen?

Eva Rössner: Wir lebten bei unseren Großeltern mütterlicherseits. Die haben versucht, alles irgendwie von uns fernzuhalten, eine heile Welt zu schaffen. Sie hatten eine kleine Arbeiterwohnung, in der lebten meine Großeltern, wir beide und die zwei unverheirateten Brüder meiner Mutter. Es war so eng, dass mein Großvater auf dem Sofa in der Küche geschlafen hat.
Der Kontakt zu den jüdischen Großeltern ist nie abgerissen. Meine Großeltern haben trotz aller Schwierigkeiten, die sie selber hatten, versucht, uns zu unterstützen. In der Pogromnacht 1938 wurde ihr Haus zerstört und später wurden meine Großeltern ins Ghetto Izbica bei Lublin deportiert und dann in einem KZ in Polen ermordet.
Ich bin 1933 eingeschult worden und hatte das Glück, alte, meist deutschnationale Lehrer zu bekommen, die zum Teil schon meine drei Onkel mütterlicherseits unterrichtet hatten. Mit den Nürnberger Gesetzen waren mein Bruder und ich „Halbjuden“. Als „Halbjüdin“ durfte ich keine weiterführende Schule besuchen.
Nach der Schule bekam ich eine Lehrstelle als Drogistin. Mein Chef war vor der Machtübergabe Freimaurer gewesen und dann in der NSDAP. Aber er hat mich als Lehrling genommen. Ich hatte keine Schwierigkeiten. Der Leiter der Berufsschule war in der Jugendbewegung gewesen und kannte noch meinen Vater. Glück muss man schon haben.

UZ: Hatte dein Bruder auch Glück?

Eva Rössner: Weniger. Der hatte in der Schule ein paar Nazi-Lehrer gehabt und hat dann Elektriker gelernt. Im Herbst 1944 mussten alle männlichen Halbjuden antreten und sind ins Lager gekommen. Mein 14-jähriger Bruder war aber krank, als der Befehl kam. Meine Mutter ist zum Amt. Dort arbeitete zufälligerweise ein Freund aus der Jugendbewegung. Mein Bruder hat danach davon nichts mehr gehört.

UZ: Wann hast du dich organisiert?

Eva Rössner: Als die Amerikaner in Nürnberg einmarschierten, war das eine riesige Freude und Befreiung. Meine Mutter nahm sogleich Kontakt mit alten und neuen Genossen auf und arbeitete in den Antifaschistischen Stadtteilkomitees mit. Denn die KPD wurde erst im Herbst 1945 von den Amerikanern wieder erlaubt. Ab da war sie in der Partei aktiv.
Meine Mutter war die einzige Kommunistin in der Familie, alle anderen waren stramme Sozialdemokraten. Da gab es immer Zwist, vor allem, weil sofort nach dem Krieg wieder die Hetze gegen die Sowjetunion losging.
Mein Bruder und ich haben uns bei den Falken organisiert. Ich habe dort die Kindergruppe beaufsichtigt und das Freizeit- und Jugendleben nachgeholt, das man als „Mischling 1. Grades“ davor nicht hatte.

UZ: Wie bist du zur FDJ gekommen?

Eva Rössner: 1948/49, als es unter Adenauer die ersten Bestrebungen zur Wiederbewaffnung gab und man die Bundeswehr gründen wollte, konnten das mein Bruder und ich nicht mittragen und sind zur FDJ. Dort habe ich meinen späteren Ehemann kennengelernt. Wir haben Parolen auf die Straßen geschrieben, Stempel mit „Amy go home“ hergestellt oder Flugblätter geklebt.
1950 ereigneten sich die „Fürther Kirchweihkrawalle“ in der Nachbarstadt von Nürnberg. Während einer Demonstration gegen die Wiederbewaffnung kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. 23 Kommunisten wurden verhaftet, darunter auch mein Bruder. Das war für ihn der Grund, in die DDR zu gehen. Ich war zu sehr zu Hause verwurzelt und blieb in Nürnberg. Meine Mutter war ja alleine und kämpfte noch jahrelang um Wiedergutmachung und ihre Rente.
1951 haben wir versucht, zu den Weltfestspielen nach Berlin zu kommen. Wir sind von einem Zug, der an der Grenze entlang fuhr, abgesprungen und wollten über die Felder in die DDR rennen. Bundesdeutsche Grenzer haben uns aber verjagt und auf uns geschossen. Ein Nürnberger Genosse bekam einen Bauchschuss.

UZ: Wie hast du das KPD-Verbot 1956 erlebt?

Eva Rössner: Nach dem Verbot der FDJ 1951 durch das Bundesinnenministerium, bin ich in die KPD eingetreten. 1952 habe ich geheiratet und bekam in den folgenden Jahren drei Kinder. Da hatte ich keine Zeit mehr für die politische Arbeit. Ich hielt aber über meine Mutter Kontakt zu den Genossen. Sie kassierte die Genossen während der Illegalität und war in der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ und im „Deutschen Frauenbund“ aktiv. Zeit für politische Arbeit hatte ich erst wieder bei den Ostermärschen und dann in der neukonstituierten DKP.


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Leserbrief zu Artikel »Mit John Heartfield in die Kommunistische Partei«, UZ vom 24. August 2018





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