Atomkrieg inbegriffen

Sommer 1948: US-Kriegsplanungen gegen die Sowjetunion
Von Reiner Zilkenat
|    Ausgabe vom 17. August 2018

Am 18. August 1948 verabschiedete der Nationale Sicherheitsrat der USA einen Plan für den Fall eines Krieges gegen die Sowjet­union. Die Kennzeichnung lautete NSC-20. NSC stand für „National Security Council“, die Zahl 20 deutete auf die Anzahl von Memoranden des im Juli 1947 gegründeten Gremiums hin. Der Nationale Sicherheitsrat, dem der jeweilige US-Präsident vorsitzt und dem unter anderem der Vizepräsident, der Außen- und Verteidigungsminister, der Generalstabschef und der Sicherheitsberater des Präsidenten angehören, erarbeitet Analysen und Planungen zur Außen- und Militärpolitik. Er berät den Präsidenten in allen Fragen der äußeren Sicherheit. Zu seinen Aufgaben gehören auch die Entwicklung genauer Szenarien für die von den USA zu führenden Kriege, einschließlich der in ihrem Ergebnis anzustrebenden Ziele.

Auch für den Angriff auf die Sowjetunion geplant: Atomwaffen. (Hier der Atompilz des Bombenabwurfs auf Nagasaki, 9. August 1945. In Nagasaki starben 70 000 Menschen, viele weitere an den Folgen)

Auch für den Angriff auf die Sowjetunion geplant: Atomwaffen. (Hier der Atompilz des Bombenabwurfs auf Nagasaki, 9. August 1945. In Nagasaki starben 70 000 Menschen, viele weitere an den Folgen)

( public domain)

Seit November 1945 – Kriegspläne gegen die UdSSR
Kriegspläne, die sich gegen die UdSSR richteten, hatten allerdings eine Tradition, die bis 1945 zurückreichte. Am 3. November 1945, der Krieg im Fernen Osten gegen den japanischen Militarismus war erst vor zweieinhalb Monaten mit Hilfe der Roten Armee zu Ende gegangen, brachten die Vereinigten Stabs­chefs der USA zum ersten Mal einen Angriffsplan zu Papier. Er beinhaltete im Kern die Vernichtung von zwanzig Städten der UdSSR durch Atombomben. Wes Geistes Kinder die Autoren des Planes waren, verdeutlicht die Tatsache, dass sie bereits am 19. September 1945 ein Memorandum „Grundlage für die Formulierung einer amerikanischen Militärpolitik“ verabschiedet hatten, das atomare Erstschläge als legitimes Mittel der Kriegsführung beinhaltete. Kaschiert wurde dies mit der Formulierung, dass mit Hilfe eines präventiven Angriffs eine unmittelbar bevorstehende Aggression gegen die USA verhindert werden solle („When it becomes evident that forces of aggression are being arrayed against us by a potential enemy, we cannot afford to permit the first blow to be struck against us“).
Die Bereitschaft zum atomaren Erstschlag ist seitdem ein fester Bestandteil der US-amerikanischen Militärstrategie. Zum Beispiel in den 1980er Jahren spielte sie eine erhebliche Rolle in den Auseinandersetzungen zur Stationierung der Pershing-2-Raketen und Cruise-Missiles in der BRD, bei denen es sich um klassische Waffen für den atomaren Erstschlag handelte.
Doch zurück zum Jahr 1948 und den damaligen Kriegsplänen des US-Imperialismus.
Das Dokument NSC-20 bestand aus mehreren Ausarbeitungen, die vom 18. August bis zum 23. November 1948 vom Nationalen Sicherheitsrat verabschiedet wurden.

„Regime change“- und „Nation-building“-Planungen
Von besonderem Interesse sind die in NSC-20 fixierten Kriegsziele, die als Resultate einer erfolgreichen Aggression gegen die Sowjetunion erreicht werden sollten. Drei dieser Ziele seien hervorgehoben.
Erstens ging es darum, die KPdSU zu zerschlagen und ihr zukünftig jeglichen Einfluss auf die politischen Angelegenheiten des Landes zu versagen. Lediglich lokale „Restbestände des kommunistischen Regimes“ wären zu tolerieren. Hierzu hieß es: „Wir können mit Bestimmtheit festhalten, dass wir unsere militärischen Operationen nicht als erfolgreich ansehen könnten, wenn sie ein kommunistisches Regime übrig ließen, das genügend vom gegenwärtigen militärisch-industriellen Potential der So­w­j­et­­union kontrolliert.“
Zweitens gelte es, durch die Entfachung nationalistischer Stimmungen die Sowjetunion aufzulösen und im Baltikum sowie in anderen Regionen von Russland unabhängige Staaten zu bilden. Auch ausgeprägte „föderative Strukturen“ seien denkbar, vor allem hinsichtlich der Ukraine, falls sie ein Bestandteil Russlands bleiben sollte. Um kein Missverständnis über die geplanten Dimensionen dieses Kriegsziels aufkommen zu lassen, hieß es hierzu: Die Friedensbedingungen „könnten sehr wohl den Grundsätzen des Vertrages von Brest-Litowsk aus dem Jahr 1918 ähneln, der in diesem Zusammenhang ein sorgfältiges Studium verdient“.
Drittens sei darauf zu achten, dass ein künftiges nicht-kommunistisches Regime in Russland damit einverstanden sei, sich den politischen Imperativen des US-amerikanischen Imperialismus unterwerfen. Hierzu lesen wir im Memorandum NSC-20 in dankenswerter Offenheit: Es gehe dabei vor allem um „die Erfüllung unmittelbarer militärischer Bedingungen“, deren Ziel die „militärische Hilflosigkeit des Landes für lange Zeit sichern“ solle. Weiterhin sei für Russland eine „beträchtliche wirtschaftliche Abhängigkeit von der Außenwelt“, im Klartext: von den USA, vorgesehen. Zusammenfassend wurde formuliert: „Wir sollten Sicherheitsvorkehrungen treffen, die automatisch gewährleisten, dass selbst ein nichtkommunistisches uns freundlich gesinntes Regime a) keine starke militärische Macht besitzt, b) wirtschaftlich in hohem Maße von der Außenwelt abhängig ist, c) keine allzu große Macht über die nationalen Minderheiten ausübt und d) Kontakten mit der Außenwelt nichts auferlegt, was dem Eisernen Vorhang ähnlich wäre.“ Dass der zuletzt genannte Punkt implizit eine Beendigung der sowjetischen Besatzung Deutschlands beinhaltet, dürfte keine Fehlinterpretation sein. Insgesamt zielten die im Memorandum NSC-20 formulierten Kriegsplanungen darauf ab, dass Russland in keinem Falle den Status einer Großmacht wiedererlangen könnte. Stattdessen war ihr der Platz einer „regionalen Macht“, abhängig von der Politik des US-Imperialismus, zugewiesen worden.
Für den Fall, dass es der KPdSU trotz alledem gelingen sollte, einen Guerillakrieg gegen die „neue Ordnung“ zu organisieren, sollten die USA den „nichtkommunistischen, russischen Behörden … die erforderlichen Waffen liefern, sie militärisch unterstützen und es ihnen erlauben, mit den kommunistischen Banden nach dem traditionell gründlichen Verfahren des russischen Bürgerkriegs umzugehen.“ Kurz gesagt: Der Nationale Sicherheitsrat der USA empfahl in diesem Falle die Entfesselung des „weißen Terrors“.

Widersprüche innerhalb der Regierung Truman

Georg F. Kennan (1947)

Georg F. Kennan (1947)

( public domain)

Einer der maßgeblichen Autoren von NSC-20 war der Chef des Planungsstabes im Außenministerium, George F. Kennan. Er hatte in verschiedenen Ausarbeitungen, darunter in einem Aufsehen erregenden, Ende 1947 publizierten Artikel in der Zeitschrift „Foreign Affairs“, die Politik der „Eindämmung“ der Sowjetunion und der kommunistischen Bewegung konzipiert. Kennan schlug eine Kombination von politischen, ökonomischen, militärischen und propagandistischen Mitteln vor, die den politischen Einfluss der UdSSR in der weltpolitischen Arena massiv zurückdrängen, die Autorität der KPdSU im Lande nachhaltig beeinträchtigen und die kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Ländern von ihrer Anhänger- und Wählerschaft trennen sollten. Dabei standen für ihn die militärischen Mittel im Hintergrund. Allerdings favorisierte er in wachsendem Maße den systematischen Einsatz von „verdeckten Aktio­nen“, um die Lage in der UdSSR und ihren Verbündeten zu destabilisieren. Zugleich seien zielgerichtete antikommunistische Kampagnen nötig, um die Regierungsbeteiligung der kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich zu beenden und sie nie wieder zuzulassen. Als Instrument für derartige Aktionen diente die im September von Präsident Truman ins Leben gerufene „Central Intelligence Agency“ (CIA), die sich rasch zu einem groß dimensionierten Auslandsgeheimdienst entwickelte. Die oben skizzierten Aufgaben nahm ein „Office of Political Coordination“ (OPP) wahr, das als Abteilung der CIA die „verdeckten Aktionen“ koordinieren sollte.
Im Memorandum NSC 10/2 des Nationalen Sicherheitsrates vom 18. Juni 1948, das nicht zuletzt auf Initiative von Kennan formuliert worden war, wurden die Aufgaben des OPP definiert. Die „verdeckten Aktionen“ seien gegen „feindliche Staaten oder Staatengruppen“ gerichtet. Sie müssen in einer Weise geplant und durchgeführt werden, dass die Verantwortlichkeit der US-Regierung nicht sichtbar werde. Die Liste der angestrebten Aktivitäten ist lang: Es ging unter anderem um Propaganda, wirtschaftliche Kriegsführung („economic warfare“), Sabotage, Anti-Sabotage, Zerstörungen sowie um die Unterstützung von im Untergrund aktiven Oppositionellen und Guerillas („assistance to underground assistance movements“). Im Zusammenspiel mit einer von den USA durch Milliarden-Dollar-Kredite gesteuerten ökonomischen Prosperität der kapitalistischen Länder Europas, die wie ein „Magnet“ auf die Bevölkerung in der im Eroberungs- und Vernichtungskrieg der deutschen Faschisten zerschundenen UdSSR und Osteuropas als Vorbild wirken sollte, sah Kennan in „verdeckten Aktionen“ ein probates Mittel, um die Macht der KPdSU zu brechen und die volksdemokratischen Staaten wieder in das Lager des Imperialismus zu locken. Doch diese Lesart der Memoranden NSC-20 und NSC-10/2 stieß auf energischen Widerspruch.

Krieg mit allen Mitteln – Der Plan „Halfmoon“
Der Widerspruch zu Kennans Auffassungen artikulierte sich im Außen- und Verteidigungsministerium und bei den Stabschefs der Streitkräfte. Festzuhalten bleibt, dass alle das gleiche Ziel verfolgten – die Zerschlagung der KPdSU und der Sowjetunion sowie das dauerhafte Ausscheiden eines wie und von wem auch immer regierten Russland aus dem Kreis der Großmächte. Doch die extrem antisowjetischen Kräfte innerhalb der Truman-Regierung setzten auf einen Aggressionskrieg. Das Memorandum NSC-20 wurde flankiert von einem am 21. Juli 1948 von den Stabschefs zu Papier gebrachten konkreten Kriegsplan, Deckname „Halfmoon“, der detailliert die Kriegführung der USA gegen die UdSSR beschrieb. Für die tonangebenden Bellizisten in Washington war es ein Axiom, dass der exklusive Besitz der Atombombe genutzt werden sollte, um die Sowjetunion militärisch auszuschalten, bevor sie selbst über die Atombombe verfügen würde. Anders als bei Kennan, stand hier die militärische Komponente im Mittelpunkt der „Eindämmungs“-Konzeption.
Zur Bemäntelung der auf einem Aggressionskrieg basierenden Planungen hatten die Stabschefs als Einleitung von „Halfmoon“ geradezu absurd anmutende Szenarien konstruiert. Ihnen zufolge gehörte es zu den Zielen der UdSSR, den Nahen Osten und seine Ölquellen militärisch zu erobern sowie in West-, Nord- und Südeuropa einzumarschieren. Weiterhin sei mit einem ausgedehnten U-Boot-Krieg zu rechnen. Der Gipfel des Absurden wird erreicht, wenn davon die Rede ist, die Rote Armee werde Großbritannien neutralisieren bzw. besetzen und könne womöglich bis zu den Pyrenäen vordringen.
Zur Erinnerung: Die UdSSR war drei Jahre nach dem Ende des von den Faschisten geführten Eroberungs- und Vernichtungskrieges vollkommen außerstande, irgend welche Angriffskriege zu führen, schon gar nicht in den im Operationsplan „Halfmoon“ unterstellten Dimensionen. Dazu fehlten alle ökonomischen und militärischen Voraussetzungen, zumal das Atombombenmonopol der USA derartige Kriegshandlungen von vornherein undenkbar machte. Die UdSSR war 1948 strukturell unfähig, einen groß angelegten Krieg zu führen.

Atomkrieg aus allen Richtungen gegen die UdSSR
Vergegenwärtigen wir uns abschließend die Planungen von Angriffen mit Atomwaffen, die im Kriegsplan „Halfmoon“ enthalten waren. Ausführlich werden die von Langstreckenbombern auszuführenden Bombenangriffe gegen das Territorium der UdSSR abgehandelt. Lakonisch wird zu Beginn festgestellt, dass die Genehmigung für den Einsatz von Atomwaffen durch den Präsidenten erteilt worden sei. Von welchen Basen aus sollten mit Nuklearbomben bestückte Bomber starten? Die Rede ist von England, Island, vom Gebiet um Khartum-Kairo-Suez sowie von Okinawa. Der Beginn atomarer Bombardierungen war für den 15. Tag nach Beginn der Kampfhandlungen vorgesehen. Dabei sollten nicht zuletzt Anlagen der sowjetischen Ölindustrie und der Rüstungsindustrie zerstört werden. Das Strategische Bomberkommando hatte seinerseits die Zerstörung von 68 sowjetischen Städten geplant („the major Soviet urban-industrial concentrations“). Im Ergebnis hätte die geschundene Sowjetunion ein atomares Inferno erlebt und das zu einer Zeit, als überall im Land die Wunden der faschistischen Okkupation noch sichtbar waren.
Eine entscheidende Voraussetzung der US-amerikanischen Kriegspläne wurde allerdings bald gegenstandslos: Im August 1949 konnte die UdSSR die erste Kernwaffe zur Explosion bringen, das Atommonopol des US-Imperialismus war gebrochen.
Es sollte allerdings noch zwei Jahrzehnte dauern, bis ein annäherndes militärstrategisches Gleichgewicht zwischen den USA und der Sowjetunion an der Wende von den 1960er zu den 1970er Jahren hergestellt werden konnte.
Und die Bewertung des Memorandums NSC-20 und des Kriegsplans „Halfmoon“ aus heutiger Sicht? Nach wir vor unternimmt der US-Imperialismus alles Erdenkliche, um Russland, unabhängig vom Klassencharakter des dort anzutreffenden Gesellschaftssystems, aus dem Kreis der Großmächte auszuschließen, ihm politisch und ökonomisch seinen Willen aufzuzwingen und es international zu demütigen. Wir kennen nicht die aktuellen Kriegspläne der Herrschenden in den USA, aber im Gegensatz zu 1948 riskiert jeder, der einen Krieg gegen Russland vom Zaun bricht, heute seinen eigenen Untergang. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis im Weißen Haus und im Pentagon stets ein Leitfaden der Außen- und Militärpolitik ist.


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Leserbrief zu Artikel »Atomkrieg inbegriffen«, UZ vom 17. August 2018





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