Kultur
Themen: Musik

Bunt, rotzig, laut

Eine Hommage an den Punk
Von Werner Lutz
|    Ausgabe vom 13. Juli 2018

Punk hat seine Wurzeln in schwarzer Musik, im Blues, der die Grundform für alle Musikstile ist, die sich ab den 50ern entwickelten: Rock’n’Roll, Rock sowie alle Formen des Rock (Heavy Metal, früher Hard Rock usw.). Gehässig wurde in den 80ern vom Punk behauptet, er sei eine verkümmerte Form des Rock, weil er anspruchslos ist und meistens mit drei Akkorden auskommt. Das wird aber weder der tollen Musik, die in der Glanzzeit des Punk von vielen Gruppen veröffentlicht wurde, gerecht und schon gar nicht seiner kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung.
Punk hat die Wurzeln in der schwarzen Musik auch wegen ihrer Widerstandskultur und Energie. Einige der ersten Punkbands bestanden aus schwarzen Musikern. Bereits 1979 gab es eine Vermischung von Punk mit Reggae, etwa bei dem legendären Ska-Revival in Großbritannien „Two Tone“ im Jahr 1979. Später bildeten sich auch in Lateinamerika Ska- und Reggae-Bands unter dem Einfluss von Punk. „Lucha Amada“ ist ein Plattenlabel, das klar politisch und links ausgerichtet ist. Es hat seinen Sitz in Berlin. Kennzeichnend ist das Zusammenbringen vieler internationaler Einflüsse von Kulturen und Musik auf den einzelnen Veröffentlichungen. Lucha Amada veröffentlichte das Album „Musica Rebelde“, eine Soli-CD für Afrika, sowie den Sampler „Love Musik, Hate Fascism“.
Das inzwischen legendäre Musikkollektiv Lucha präsentiert als Neu-Veröffentlichung eine Doppel-CD, die der Punk-Musik gewidmet ist. Schon ab den ersten Takten kommt man nicht mehr los davon. Der Punk geht ab im Polkastil mit einer Neuinterpretation des Songs „I fought the law“ von den „Clash“ (bei uns Mitte der 60er schon in der Beat-Zeit ein Hit von den „Lords“). Auf dem Album gibt es eine ganze Reihe von Clash-Interpretationen, aber auch von anderen Punkbands wie den „Pogues“, den „Ruts“, den „Ramones“, sowie von von Metal-Bands wie „Motorhead“. Es ist jedenfalls eine Musik, die nicht trotz, sondern gerade wegen der Unterschiedlichkeit der internationalen Interpreten (das ist die Stärke der Produktionen von Lucha Amada) ins Blut geht und in die Beine. Und Punk lädt bekanntlich ohnehin zur Bewegung ein. Allerdings nicht nur körperlich: Die Punkmusik war seit ihrem Entstehen ein klares „Nein“ zur Gesellschaft, ein Ausdruck des musikalischen Widerstands. Sie wurde populär in der Zeit der HausbesetzerInnenbewegung Anfang der 80er, in der Antikriegs- und Antifaschismus-Bewegung, aber auch im Kampf für den Anarchismus und Feminismus. – Punk ist zwar in die Jahre gekommen, aber nach wie vor bunt, rotzig, laut und steht immer gegen den Strom. Gegen den Mainstream.
Mit dem neuen Album ist es Lucha Amada auch wieder gelungen, charakteristische Einspielungen von Bands aus sehr verschiedenen Kontinenten zu kriegen, die wunderbar harmonieren. So folgt dem ersten Liedtitel, interpretiert vom „Dubioza Kolektiv“ (einer Band aus Bosnien und Herzegowina) ein weiter „Clash“-Song („Armas de Barrio“ aus dem Album „Guns of Brixton“), gespielt von „Eskorzo“, einer populären Gruppe aus Granada – also genau von der gegenüberliegenden Seite des Kontinents. Mit ihrem Sound zwischen Lateinamerika, Afrika und spanischem Rock ist es eine melodische, gleichfalls rythmisch-feurige Ergänzung zur Polka vorher. So setzt sich der Reigen mit toll eingespielten Punksongs fort. Der wohl bekannteste Hit von Clash „Should I stay or should I go“ darf natürlich nicht fehlen, er wird von Arpioni interpretiert, einer bekannten Band aus der Lombardei.
Wer Lucha-Amada-Alben schon kennt, weiß natürlich, dass es ein schön aufgemachtes Booklet im Buchformat zu den beiden CDs gibt mit einem ausführlichen politischen Teil zur historischen Entwicklung des Punk – und einer umfangreichen Vorstellung aller Interpreten.
Und – nicht zuletzt: das Album kostet günstige 15 Euro, bestellbar bei jump up in Bremen und im UZ-Shop.


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Leserbrief zu Artikel »Bunt, rotzig, laut«, UZ vom 13. Juli 2018





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