Interview

Privatisierung stoppen

Werner sarbok im Gespräch mit Anja Willamowsk
|    Ausgabe vom 29. Juni 2018

Anja Willamowski

Anja Willamowski

Anja Willamowski hat an der Demonstration der Gewerkschaft ver.di zur Gesundheitsministerkonferenz in Düsseldorf am 20. Juni teilgenommen. Sie ist Hauswirtschafterin und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende in einem Recklinghäuser Seniorenzentrum. Außerdem ist sie erst jüngst in die ver.di-Landesfachkommission „Altenpflege“ gewählt worden.

 

UZ: Wie habt ihr die Demonstration von ver.di vorbereitet?

Anja Willamowski: Wir haben die ver.di-Aktionen sechs Wochen vorher im Betrieb mit Informationsblättern und kurz vorher die Busabfahrtszeiten per E-Mail bekannt gemacht. Teilgenommen haben aber vor allem diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die ich persönlich angesprochen habe und die ihren freien Tag geopfert haben. Es haben zwar nicht sehr viele Beschäftigte aus unserem Betrieb teilgenommen. Aber es waren schon mehr als bei der letzten Aktion. Aus fast jedem Bereich unseres Seniorenzentrums war jemand dabei: Beschäftigte aus der Betreuung, der Pflege, der Hauswirtschaft und zwei Auszubildende. Wir hoffen, dass sich die Teilnahme zu einer nächsten Aktion noch steigern lässt.

UZ: Mit welchen Forderungen hinsichtlich der Personalsituation in der Altenpflege seid ihr auf der Demonstration aufgetreten?

Anja Willamowski: Wir benötigen als Sofortmaßnahme einen Personalschlüssel für alle Bereiche, der auf keinen Fall und zu keiner Zeit unterschritten werden darf. Wir brauchen dringend mehr Personal insbesondere in der Pflege und in der Hauswirtschaft. Die Privatisierungen und die Ausgründungen einzelner Arbeitsbereiche muss gestoppt werden. Altenpflege darf nicht zum Geschäft nur des Profites wegen werden. Nach 2020 könnte dann der Personalschlüssel durch ein spezielles Personalbemessungsverfahren ersetzt werden. Wir werden streng darauf achten müssen, dass die Bundesregierung die Einführung eines solchen Bemessungsverfahrens nicht zu erneuten Personaleinsparungen nutzt.

UZ: Wie bewertest du die Aussagen von Minister Spahn auf der Kundgebung?

Anja Willamowski: Der Gesundheitsminister hat zwar angekündigt, dass statt 8 000 an die 13 000 Pflegestellen neu geschaffen werden sollen. Aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Altenpflegerin Silke Behrendt hat in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ vom 11. Juni 2018 gegenüber Jens Spahn deutlich gemacht, dass er so nicht ihr Held werden kann. Die Medien sprachen von einer Klatsche gegen den Gesundheitsminister. Der Pflegebereich würde damit z. B. in unserem Seniorenzentrum gerade mal zusätzlich zwei Stellen erhalten. Immerhin etwas, aber notwendig wäre mindestens das Zehnfache. Übrigens: Und wieder mal gehen die Beschäftigten in den anderen Arbeitsbereichen der Seniorenzentren leer aus. Seit Jahren reden die Politiker davon, dass Beschäftigte in der Altenpflege für ihre schwere Arbeit mehr verdienen müssten. Deshalb wird es höchste Zeit, dass Jens Spahn endlich für die entsprechenden gesetzlichen Vergütungsregelungen sorgt.

UZ: Wie macht ihr jetzt weiter im Kampf für eine bessere Personalausstattung in den Pflegeheimen?

Anja Willamowski: Seit Einführung der Pflegeversicherung kämpfen wir gegen die andauernden Rationalisierungsmaßnahmen in unseren Seniorenzentren an. Das werden wir auch weiterhin tun. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Regierungen und die Kosten- und Heimträger in den nächsten Jahren mehr denn je nerven werden. Die erste Gelegenheit werden wir am 21. November 2018, dem Buß- und Bettag, nutzen. Beten reicht nämlich nicht. Bekanntlich mussten wir mit einem zusätzlichen Arbeitstag den Versicherungsbeitrag der Unternehmer finanzieren. Nicht nur das war ein Geburtsfehler für die Pflegeversicherung.


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Leserbrief zu Artikel »Privatisierung stoppen«, UZ vom 29. Juni 2018





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