Echt komisch

Deutschland gewinnt
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 29. Juni 2018
Das Spiel dauert 95 Minuten (Foto: CC0 Creative Commons)
Das Spiel dauert 95 Minuten (Foto: CC0 Creative Commons)

Was bis jetzt war? Kroatien gegen Argentinien war der Hammer (3:0), Nigeria gegen Island eine herbe Enttäuschung (2:0), Russland überraschte (mit jetzt 6 Punkten und 8:1 Toren aus 2 Spielen), Polen ist einfach peinlich und England spielt ansehnlichen Fußball. Mehr aber auch noch nicht, ein 6:1 gegen die armen Panamesen ist irgendwie keine Aussage von Wert.
„Schland“ stand vor dem Schwedenspiel schon auf der Kippe, und gäbe es einen Fußballgott oder zumindest einen Videoassistenten mit Augen, sie wären hinüber gekippt. In der 12. Minute haute Boateng den schwedischen Stürmer Berg weg, im Strafraum, das bedeutet auf allen Planeten des Universums normalerweise Elfmeter, hier aber nicht. Warum, bleibt im Keller der Videoschiedsrichter wohl für immer vergraben. Komisch.
Ich saß, wie versprochen, mit der schönen M., sowie U., dem Mann ohne Zähne und weiteren Mitgliedern unserer ehrenwerten Gesellschaft in der Kneipe beim Rudelgucken. Ich war für Schweden, U. für ein schwer genuscheltes Spanien, was ich nicht in Zusammenhang bringen konnte mit dem aktuellen Spiel und alle anderen 348 für „uns“. Oha.
Während die Deutschen eigentlich immer den Ball hatten, damit aber nichts machten, floss das Bier in Strömen und wir rauchten mindestens Kette. Ich blieb selbstverständlich auch am Ball und machte mich nicht so schlecht, wie das deutsche Spiel war. Möglicherweise hätte die schöne M. den Laden verlassen, hätte der Schiedsrichter irgendwann mal beim Stand von 1:1 abgepfiffen, denn sie war für Deutschland, aber er tat es nicht, also der Schiedsrichter. So schossen die Deutschen noch ein – zugegebenermaßen wunderschönes – Tor in der 95. Minute und der ganze Laden explodierte um mich herum. Die schöne M. war dann so berauscht und glücklich, dass wir bis 1.30 in der Nacht blieben, zum Schluss gar mit Händchen halten und verliebt in die Augen starren. Ok, mehr auch nicht, aber hallo, bitte schön.
Da ist vielleicht noch alles möglich, genau wie bei „la Mannschaft“, die bei ca 471 verschiedenen Konstellationen in ihrer Gruppe noch raus fliegen kann oder ins Achtelfinale weiter kommen. Die lustigste Variante wäre, dass Deutschland, Mexico und Schweden Tor- und Punktgleich enden. Dann würde die „fairere“ Mannschaft als Gruppenzweiter weiterkommen. Und da hat Deutschland mit zwei gelben Karten und einer Gelb-Roten das Nachsehen gegen die Schweden, die bislang dreimal Gelb sahen. Aber ganz ehrlich: Wer als amtierender Weltmeister gegen Südkorea nicht mindestens 3:0 gewinnt, sollte auch vorzeitig nach Hause dürfen. Dorthin bringe ich auch die schöne M., um danach den eigenen Heimweg anzutreten. Und denke dabei an Jörg Dahlmann: „Da geht er, ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf.“ Nur verstehen tue ich das in meinem Zustand nicht mehr. Komisch.


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Leserbrief zu Artikel »Echt komisch«, UZ vom 29. Juni 2018





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