Mitohne

Toll: Deutschland vs Mexiko
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 22. Juni 2018

„Mitohne“ hat meine Tochter früher immer gesagt, wenn sie etwas nicht wollte. „Eine Brot mitohne Butter“. Ich mochte das.
Mitohne der schönen M. musste ich mir vermeintlich das Deutschlandspiel ansehen, was ich weniger mochte, aber ich verweigerte das Rudelgucken in der Kneipe und glotzte lieber mit diversen Freundinnen und Freunden in unserem Schrebergarten, die Sonne schien, der Grill brutzelte und das Bier kühlte brav. Und um dem Ganzen noch ein Krönchen aufzusetzen: Oh staune, die schöne M. hatte sich ad hoc umentschieden und saß plötzlich neben mir.
Bundesvorzeigeniveanutzer Löw hatte sich derweil nicht umentschieden und schickte gefühlt die gleiche Elf wie seit sechs Jahrzehnten auf den Platz. Einen Beckenbauer im Mittelfeld zu entdecken hätte zumindest mich nicht erstaunt. Die Deutschen spielten dann auch so, wie manch Ältere in der Kneipe Billard spielen, überbetont entspannt mit einer feinen Prise Arroganz. Mexiko dagegen spielte frecherweise einfach Fußball, als wäre das keine Majestätsbeleidigung gegen „uns“: wuselig, trickreich und schnell. Das Ergebnis von nur 0:1 war zumindest bis zur Halbzeit schmeichelhaft.
Der Rest ist schnell erzählt: Jogis Burschenschaften bekamen mitohne einem Sané, der zu Hause bleiben musste, weil der schöne Jogi ein Depp ist, nichts mehr hin. Ich auch nicht, denn die schöne M. hatte den Abstand zu mir während meines Aufenthalts am Grill auf sechs Stühle erweitert. Fortan konnte ich mich ungezwungen mit Leidenskamerad D. über die Vor- und Nachteile von E-Bikes, DVBT2-Antennen und Bier in 5-Liter-Zapfdosen unterhalten, während sie mit einer Freundin quasselte. Toll.
Auch toll: Jetzt ist eingetreten, was ich in diesem Leben eigentlich nicht mehr schaffen wollte, nämlich dass der Bundesjogi und ich das gleiche Problem haben: Nicht wirklich einen Plan, wie es jetzt weitergeht. Er muss am Samstag um 20:00 Uhr gegen Schweden ran. Und ich auch, denn ich versprach der schönen M. als Gegenleistung für ihr Erscheinen das nächste Deutschlandspiel mit ihr in der Kneipe zu sehen. Au Backe. Zu viele Raucher, zu viele Trinker, zu viel Deutschland. Das gibt sicherlich Kopfweh. Oder um es mit dem unvergleichlichen Lothar Matthäus zu sagen: „Ich habe gleich gemerkt: Da ist ein Druckschmerz, wenn man draufdrückt.“ Und das Ganze völlig mitohne Ironie. Toll.


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