Interview

Selbstbewusst und organisiert

Markus Bernhardt im Gespräch mit Männe Grüß
|    Ausgabe vom 15. Juni 2018

UZ: Die DKP Potsdam hat bereits fleißig Unterschriften für die Kampagne „Abrüsten statt Aufrüsten“ der Friedensbewegung gesammelt. Insgesamt 30000 Unterschriften will die DKP bundesweit, wie auf dem Parteitag beschlossen, bis zum UZ-Pressefest gesammelt haben. Welche Erfahrungen habt ihr bisher gemacht?

Männe Grüß: Dass wir offene Türen einrennen bei den Menschen. Neu ist dabei für mich die Erfahrung, dass es einen Wandel gibt bezüglich des Themas Friedens im Bewusstsein der Menschen, den ich auch in meinem Bekannten- und Familienkreis beobachtet habe: Die Angst vor einem Krieg wächst, und die Menschen fühlen sich wie in anderen zentralen Fragen ihres Leben von der Bundesregierung nicht nur ungehört, sondern zu Recht von vorne bis hinten verarscht. Es gibt berechtigten tief sitzenden Frust und ein aufrichtiges Bedürfnis, insbesondere den Konfrontationskurs gegen Russland zu beenden. Das spielt insbesondere – aber meines Erachtens nicht nur – auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik eine entscheidende Rolle. Die Friedenserziehung der DDR zeigt hier ihre ganze „Fernwirkung“. Das ist für mich als zugezogener Wessi, der nie die DDR als politisch Aktiver erlebt hat, eine wichtige Erfahrung.

UZ: Wie ist es euch gelungen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen?

Männe Grüß: In einer Zeit, in der Kommunikation im öffentlichen Raum vor allem kommerziellen Interessen dient, ist das tatsächlich gar nicht so einfach. Es muss im ersten Satz der Ansprache klar werden, dass wir Kommunisten keine Handy-Verträge verkaufen wollen und auch keine Spenden sammeln für irgendein neoliberales Charity-Projekt. Unsere Losung war: „Eine Unterschrift für den Frieden mit Russland!“ Wir haben es öfters erlebt, dass Leute bei der Losung stehengeblieben sind, umdrehten und dann unterschrieben.

UZ: Hast du weitere Tipps, wie erfolgreich gesammelt werden kann?

Männe Grüß: Mein Tipp gerade im Gespräch mit älteren Menschen ist, ihnen den nötigen Respekt entgegenzubringen. Viele von ihnen haben konkret Angst, ihre Adresse anzugeben, weil sie befürchten, sie würden zu Hause aufgesucht und bedrängt werden. Mein Herangehen: Den älteren Menschen anbieten, die Unterschriftenliste mitzunehmen, in Ruhe zu Hause zu lesen und uns einfach bei nächsten Infostand ausgefüllt mitzubringen. Das setzt natürlich voraus, dass die DKP regelmäßig vor Ort ist, aber genau darum muss es bei der Kampagne ja auch gehen: Als DKP-Gruppe durch die Kampagne einen örtlichen Schwerpunkt zu entwickeln – für uns wird das derzeit Potsdam Waldstadt. Übrigens: Alle, denen ich anbot, die Unterschriftenliste mitzunehmen, unterschrieben dann doch gleich am Infotisch.Ein letzter Tipp: Vorher Flyer im Wohngebiet zu stecken und auf den Infotisch hinzuweisen, sorgt immer für einen sehr guten Rücklauf und macht die DKP über den Stand hinaus bekannt im Stadtteil. Und die Genossen müssen den inneren Schweinehund besiegen, den Infotisch auch wirklich durchzuführen.

UZ: Gab es bei euren Aktionen auch negative Reaktionen?

Männe Grüß: Natürlich gibt es einen nennenswerten Teil, der auch ignorant reagiert. Aber richtige Ablehnung haben wir nicht erfahren. Wer hat denn auch schon ein Problem mit Frieden – mal abgesehen von der Merkel-Regierung und den Superreichen in diesem Land, die von Krieg profitieren? Was wir allerdings öfters erlebten, waren Menschen, die offen ihre Ressentiments gegen Muslime zum Ausdruck brachten und meines Erachtens bei der Bundestagswahl AfD gewählt haben. Aber ich gestehe: Ich bin froh, dass wir auch diese Menschen ansprechen konnten und im gewissen Maße ihr Vertrauen gewonnen haben. Denn der Aufstieg der AfD ist nicht zu begreifen ohne das Versagen der progressiven Kräfte in den real stattfindenden Klassenkämpfen – und dazu zählt eben auch der Friedenskampf. Dass wir als Partei uns da nicht als Zaungast verstehen, sondern das Selbstbewusstsein aufbringen, selbst als organisierende Kraft aufzutreten, halte ich für eines der wichtigsten Ergebnisse des 22. Parteitags.

 

Männe Grüß ist Mitglied der DKP-Gruppenleitung Potsdam und Umland
und des Sekretariats des Parteivorstandes


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Selbstbewusst und organisiert«, UZ vom 15. Juni 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.