Noch so ‘ne Schmiere

Uli Brockmeyer zum „Fall Babtschenko“
|    Ausgabe vom 8. Juni 2018

Es gibt Kriminalgeschichten, die kann man gar nicht aufschreiben, weil sie weder einen sinnvollen Anfang noch ein glaubhaftes Ende haben. Es sind aber Geschichten, die man in alle Welt hinausposaunen kann, mit dem nötigen Nachdruck der „Qualitätsmedien“ und Zitaten von Politikern, die ihre Empörung in die Mikrofone heucheln. Das geht reibungslos, wenn der Angeklagte Rußland heißt.
Mordanschlag: Ein russischer Soldat mutiert zum „Journalisten“, findet heraus, dass es lukrativ ist, statt für Mütterchen Rußland lieber für die Ukraine zu arbeiten. Er zieht nach Kiew und gründet einen Blog, von dem er behauptet, dass ihn 190.000 Leute abonniert haben. Der russische Geheimdienst ist starr vor Angst, dass von den 145 Millionen Russen demnächst vielleicht 191 000 den Blog lesen könnten, und schmiedet einen Mordplan. Man schickt nicht etwa einen eigenen Agenten nach Kiew, sondern man kauft für schlappe 30 000 Dollar einen ukrainischen Auftragsmörder. Damit der seine Zielperson auch erkennt – denn er gehört nicht zu den Blog-Abonnenten – gibt man ihm ein Passfoto, über das nur die russischen Behörden und der Passinhaber verfügen.
Der ukrainische Geheimdienst kann die dummen Russen überlisten, täuscht einen brutalen Mord an dem tapferen „Kremlkritiker“ vor, um so an den Auftragsmörder zu kommen. Der wird in einer „Geheimoperation“ vor laufender Kamera verhaftet. Gleichzeitig gibt der Chef des ukrainischen Geheimdienstes vor der Presse Ergebnisse des Verhörs bekannt, das gerade begonnen hat, und präsentiert den „Ermordeten“ putzlebendig vor der Weltöffentlichkeit. Der mutige „Journalist“ will nun übrigens eine Wiederholung des Attentats verhindern, und damit er nicht wieder aufgrund eines russischen Passfotos erkannt wird, nimmt er die ukrainische Staatsbürgerschaft an …
Kein ernst zu nehmender Verlag der Welt würde diese Storys drucken, aber sie erfüllen dennoch ihren Zweck, nämlich wenige Tage vor der Fußball-WM den Russen nochmal so richtig eins reinzudrücken. Und das mit Hilfe ukrainischer Geheimagenten, die sich vor wenigen Wochen mit Ruhm bekleckerten, als sie die Türen von Büros der Kommunistischen Partei der Ukraine eintraten, die Schränke durchwühlten und Grußkarten zum „1. Mai – Internationaler Feiertag der Arbeiterklasse“ als „Terrorpropaganda“ konfiszierten.
Herzlichen Glückwunsch allen, die mit solchen Leuten verbündet sind!


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Leserbrief zu Artikel »Noch so ‘ne Schmiere«, UZ vom 8. Juni 2018





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