50 Jahre SDAJ

Und mittendrin kämpfte die SDAJ

Die 80er: Friedensdemos, 35-Stunden-Woche und internationale Solidarität
Von Birgit Lossdörfer
|    Ausgabe vom 3. Mai 2018

SDAJ auf der Straße gegen Hochrüstung und Lehrstellenmangel

SDAJ auf der Straße gegen Hochrüstung und Lehrstellenmangel

( UZ-Archiv)

Die 80er Jahre waren geprägt vor allem durch einen Aufschwung der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung von neuen Mittelstreckenraketen, die gegen die UdSSR gerichtet waren. Es gab große Friedensdemonstrationen mit bis zu 500 000 Menschen, über 4 Millionen unterschrieben den Krefelder Appell gegen den NATO-Doppelbeschluss.
Die Aktionsform „Atomwaffenfreie Zonen“ wurde in Betrieben, Lehrwerkstätten, Schulen und Plätzen durchgeführt – unter maßgeblicher Beteiligung der SDAJ.
Meine Geschichte in der SDAJ begann 1982. Da sagte ein Kollege der ÖTV-Jugend im Gespräch über die Stationierung der US-Raketen zu mir: „Du weißt ja, dass die Sowjetunion den Frieden schützt – die US-Dinger sind Aufrüstung!“ Ich war verblüfft und skeptisch, besorgte mir aber umgehend das Buch „Die Legende von der Bedrohung aus dem Osten“ und hatte dabei jede Menge Aha-Erlebnisse. Diese führten mich dann nach kurzer Zeit in die DKP und weil ich noch jung war, wurde ich gleich an die SDAJ weitervermittelt. Das war für mich der Einstieg in die Erklärung der Welt, an die ich vorher mehr Fragen als Antworten hatte.
Und wer dann in der SDAJ über die angebliche Bedrohung aus dem Osten informiert wurde, bekam auch gleich Unterricht über die Oktoberrevolution, das „Dekret über den Frieden“ und den weiteren Gang der Geschichte, bis dazu, wie der Faschismus an die Macht kommen konnte.
In Kassel haben wir oft Genossinnen und Genossen zu Gruppenabenden eingeladen, die uns über ihre Jugend zur Zeit des Faschismus erzählten, darüber, wie sie Widerstand leisteten und welche Rolle der kommunistische Widerstand und die Organisation der KPD darin spielten. Die Erlebnisse dieser Genossinnen und Genossen haben uns geprägt. Zum Dank haben wir einmal alle Widerstandskämpferinnen und -kämpfer an einem Nachmittag eingeladen. Die SDAJ-Songgruppe trat auf und alle sangen gemeinsam die Lieder der Arbeiter- und Friedensbewegung – ein eindrucksvolles Erlebnis.
Neben der Friedensbewegung entstanden weitere unzählige außerparlamentarische Initiativen und Bewegungen. Die „geistig-moralische Wende“ der Rechtsregierung unter Helmut Kohl, die sozialen  und ökologischen Probleme und die kapitalistischen Krisenerscheinungen mobilisierten Schülerinnen und Studentinnen, arbeitslose Jugendliche, Lehrlinge, Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Kohle-, Werften- und Stahlkrise brachten weitere Auseinandersetzungen, ebenso die Streiks der IG Metall um die 35-Stunden-Woche. Während dieser Streiks standen wir, etwa fünf bis sieben Genossinnen, morgens um kurz nach 5 Uhr mit Flugblättern, heißem Kaffee, Gitarre und anderen Klangkörpern vorm Betriebstor und fingen an, Arbeiterlieder zu singen. Skeptische Blicke erst, dann Lächeln und die Aufforderung an die anderen Steikenden: „Hey, kommt mal rüber! Hier gibt’s was für uns!“ Es endete im gemeinsamen Singen, applaudieren, mit fröhlichen Gesichtern und der Aufforderung nach Zugaben.
Mit der deutlichen Rechtsentwicklung durch die Kohl-Regierung witterten alte und neue Nazis Morgenluft: Verbale und tätliche Angriffe auf ausländische Menschen, die an der ganzen Misere Schuld sein sollten, trafen vor allem türkische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gegen Rechtsentwicklung und Ausländerfeindlichkeit formierte sich Widerstand. Die Aktion „Gelbe Hand – Mach meinen Kumpel nicht an“, kam gut an. In vielen Betrieben und Schulen hing der Aufkleber mit der gelben Hand. Als SDAJ wollten wir mehr, wollten Kontakt zu den Jugendlichen und bauten SDAJ-Freundschaftsgruppen auf, in denen sich auch türkische Jugendliche organisierten und mit denen wir gemeinsam gegen Ausländerfeindlichkeit aktiv wurden. Wir lernten viel von den türkischen Jugendlichen: Über die Probleme in diesem für uns fremden Land, hörten von Dichtern wie Nazim Hikmet. Unsere Songgruppe schrieb dazu ein Lied, das wir u.a. bei Aktionen gegen Rechts vortrugen.
Überall und mittendrin kämpfte die SDAJ. Es gab Betriebs-, Lehrlings-, Schüler- und Stadtteilgruppen, Ausländer-Freundschaftsgruppen und Mädchengruppen, in denen Mädchen und junge Frauen Fragen der Gleichberechtigung diskutierten und in die Aktion brachten.
Es gab kreaktive Aktionen wie den Boxkampf um die letzte Lehrstelle, Misthaufen, die vor CDU-Zentralen abgeladen wurden, „Alles Lüge“-Schilder bei CDU-Wahlveranstaltungen oder Ankettungsaktionen. Immer mit dabei war unser Jugendmagazin „elan“.
Auch die internationale Solidarität wurde in der SDAJ groß geschrieben: Radio Mandela für die ANC-Jugend, eine Druckerei für die Sandinistische Jugend in Nicaragua, Radio Venceremos in El Salvador – Herzenssachen des gesamten Verbandes, der sich für die Organisierung von Spenden, Material und die Entsendung von Brigaden mächtig ins Zeug legte. Bei jeder Gelegenheit, auch wenn sie erst eigens geschaffen werden musste, wurde Geld gesammelt, auf Flugblättern informiert was in dem Land politisch los ist und wofür wir sammeln. Diese tatkräftige Solidarität brachte uns viel Achtung ein.
Die Festivals der Jugend, alle zwei Jahre von SDAJ und MSB Spartakus organisiert, wurden zu den größten politischen Jugendfestivals in der BRD: 1983 mit über 250 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Großen Zulauf hatten auch die regionalen Pfingstcamps, 1984 wurden allein in Frankfurt 1 000 Jugendliche als Dauergäste gezählt.
1987 hatte die SDAJ über 1 000 Gruppen, davon waren mehr als 200 Betriebsgruppen.
Die Massenorientierung konnte oft nicht Schritt halten mit der wirklichen Organisierung der Jugendlichen in den Verband. Darunter litt auch die Vermittlung unserer Weltanschauung. Viele Mitglieder und Gruppen, die in Kampagnen und Stafetten gewonnen und gegründet wurden, konnten nicht dauerhaft gehalten werden. Und die Ende der 80er Jahre aufbrechende Diskussion zur Umwandlung der SDAJ von einem revolutionären sozialistischen in einen „bunten Jugendverband“ war für viele Mitglieder inhaltlich wenig nachvollziehbar. Trotzdem gelang es dem Bundeskongress 1989, mit Mehrheit die SDAJ als revolutionären sozialistischen Jugendverband zu erhalten.


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Leserbrief zu »Und mittendrin kämpfte die SDAJ«, UZ vom 3. Mai 2018





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