Kultursplitter

Von HB
|    Ausgabe vom 27. April 2018

Aufregung?
War das die Aufregung wert? „Mein Kampf“ von George Tabori hatte am Abend des 20. April Premiere am Theater Konstanz, bewusst an „Führers Geburtstag“. Mit provokanten Ideen hatte die Inszenierung von Serdar Somuncu international für Aufsehen gesorgt. Wer ein Hakenkreuz trüge, sollte kostenlosen Eintritt erhalten. Die christlich-jüdische Gesellschaft rief zum Boykott auf. Die Premiere wurde von Sicherheitskräften und Polizei begleitet. Doch es wurde ein eher mauer Theaterabend. Regisseur und Kabarettist Serdar Somuncu, der mit szenischen Lesungen aus Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ vor Jahren mit großem Erfolg durch das Land getourt ist, hatte vor der Premiere erklärt, es gehe ihm darum, das Publikum dafür zu sensibilisieren, dass die Demokratie heute wieder stärker in Gefahr sei. Diskussionsstoff liefert George Taboris 30 Jahre altes Stück zur Genüge. Es erzählt von dem Juden Schlomo Herzl, der den jungen Adolf Hitler unter seine Fittiche nimmt, 1910 in einer Unterkunft für gescheiterte Existenzen in Wien.
Vorher meldeten sich an die 50 Leute, die das Hakenkreuz tragen wollten, am Abend regnete es kleine Fähnchen mit dem NS-Symbol und gleichzeitig gelbe Judensterne aus Papier. Das war die tolle Aktion, danach lief das Stück ohne weitere besondere Idee, die Schauspieler gaben ihr Bestes, müder Beifall und Schluss.
Big Brother
Die Organisation „digitalcourage e. V.“ aus Bielefeld hat auch in diesem Jahr wieder ihre Datenschutz-Negativpreise „Big Brother Award“ verliehen. Die Preise machen aufmerksam auf gezielte Datensammlungen und Verletzungen der Privatsphäre durch Unternehmen, aber auch durch politische Institutionen. 2018 waren dran: Die Firma Soma Analytics aus München bringt die Gesundheits-App „Kelaa“ und das „Kelaa Dashboard“ bei Personalabteilungen von Firmen unter. Die App überwacht anhand verschiedener Parameter (z. B. Aufgeregtheit der Stimme beim Telefonieren) den Gesundheits- und Vitalzustand des Nutzers, um den Arbeitgebern Hinweise auf das seelische Wohlbefinden der Mitarbeitenden zu geben. Einen weiteren Preis erhalten Technik-Firmen, die mit dem Werbebegriff „Smart City“ versuchen ‚den Kommunalverantwortlichen die „Safe City“ zu verkaufen: eine mit Sensoren gepflasterte, total überwachte, ferngesteuerte und kommerzialisierte Stadt. Microsoft bekommt den Preis für sein Betriebssystem Windows 10 und die darin installierte Telemetrie (das ist die Übermittlung von Diagnose-Daten). Selbst für versierte Nutzer ist es kaum möglich diese Übermittlung von Daten zu stoppen. Die Fraktionen von CDU und Grünen im Hessischen Landtag dürfen ihren Preis für ihr geplantes neues Verfassungsschutzgesetz abholen. Der schwarz-grüne Gesetzentwurf enthält eine gefährliche Anhäufung schwerwiegender Überwachungsbefugnisse, mit denen tief in Grundrechte eingriffen werden kann. Wie erwartet, ließen sich die Preisträger nicht blicken.
Völkermord
Vor über 100 Jahren fand der Völkermord an den Herero durch deutsche Schutztruppen im heutigen Namibia statt. Mit einem Fotoprojekt bemüht sich das Völkerkundemuseum in Hamburg um die Aufarbeitung deutscher Geschichte. In Deutschland gibt es eine Erinnerungskultur zwar für die Zeit des Faschismus, doch die Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit im damaligen Deutsch-Südwestafrika ist lange vermieden worden. Dabei bezeichnen Historiker den Vernichtungsfeldzug gegen die Herero und Nama als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Mit zehntausenden Toten, Internierung in Konzentrationslagern und Zwangsarbeit. Hamburger Wissenschaftler und namibische Kollegen und Künstler arbeiten an einem umfangreichen Fotoarchiv, das Projekt hat den Namen „Visuelle Geschichte des kolonialen Genozids“.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 27. April 2018





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