Zwang und Zwangsläufigkeit

Eine Essay-Replik zu Enno Stahls „Literatur und Markt“
Von Ken Merten
|    Ausgabe vom 27. April 2018
Auch in den Köpfen muss dringend aufgeräumt werden (Foto: Gemeinfrei)
Auch in den Köpfen muss dringend aufgeräumt werden (Foto: Gemeinfrei)

Kürzlich veröffentlichte die Tageszeitung „junge Welt“ einen Essay Enno Stahls (letzter Roman „Spätkirmes“ im Verbrecher-Verlag 2017), in dem der Autor und Literaturwissenschaftler das gegenwärtige Verhältnis von Literaturproduktion und Marktmechanismen darlegt. Neben Richtigem, war da auch einiges, das der Korrektur bedarf.
Geschenkt sei hier seine Ketzerei gegen die Pop-Klassiker Madonna und Jacko. Halb geschenkt auch die rigorose Reduktion junger AutorInnen zu „Autorenunternehmen“, die Stahl, wie sein Kapitalismusbegriff, allumfassend vornimmt – oder eben auch nicht. Da sehe man sich nur an, wie das Marketing um die arte-Moderatorin und „Zeit“-Kolumnistin Ronja von Rönne („Wir kommen“, Aufbau 2016) konträr steht zum Auftreten Philipp Winklers („Hool“, Aufbau 2016), der, auch wenn man ihn zum Interview ins Stadion schleppt, eher den Mettbrötchen-vertilgenden Softie gibt denn den Schlägerdichter.
Um zwei Aspekte aus Stahls Essay geht es mir besonders: Einen Halbsatz und die Konklusion.
Einen Halbsatz kritisiert man, wenn man etwas persönlich nimmt. Wenn Stahl schreibt, die „Unverwechselbarkeit der eigenen Stimme und Inhalte“, sei „der Schreibschulen wegen sowieso schon nahezu ausgemerzt“, dann sorgt unsere Schwarmintelligenz am Literaturinstitut zu Hildesheim dafür, dass wir unserer im Essay „Literatur und Markt“ geleakten Gleichschaltung wegen einstimmig aufschreien wie Alieninvasoren, wenn das Mutterschiff beschossen wird.
Ja, Schreibschulen in der BRD bilden für den Markt aus und sind dessen Regeln unterworfen. Das war mir bewusst, dank der „Ärztesohn-Debatte“, die Alumni Florian Kessler kurz vor meiner dortigen Eignungsprüfung lostrat, dabei darauf hinweisend, dass die Klassenzusammensetzung am Literaturinstitut maßgeblich von existenzsorgenfreien Akademikerkindern dominiert ist. Das sehe ich an der stets klammen Kasse des Instituts und der Folge daraus, dass viel weniger Textwerkstätten angeboten werden als noch zum Studienbeginn vor vier Jahren. Das sehe ich am mickrigen Seminarangebot für MasterstudentInnen. Das ist auch in der Debatte des letzten Jahres mitgeschwommen, die den Sexismus am spätmittelalterlichen Kulturcampus-Idyll skandalisierte. Bezeichnend, dass sich zu diesem Semester mit der Anstellung der Bachmann-Preisträgerin Annette Pehnt („Lexikon der Liebe“, Piper-Verlag 2017) die Zahl der weiblichen Dozentinnen gerade einmal verdoppelt hat. Das Institut ist seit 19 Jahren auf Privatspenden des Institutsgründers Hanns-Josef Ortheil („Die Erfindung des Lebens“, Luchterhand-Verlag 2009) angewiesen und die damit einhergehende Abhängigkeit von seiner Person verschlankt die Institutsdemokratie.
Hört man dann, wie noch am Leipziger Johannes-R.-Becher-Institut Mitte der 80er ganze 14 Festangestellte unterrichteten, dann fühlt man Neid. Liest man bei Katja Stopka im Ronald-M.- Schernikau-Konferenzband „Lieben, was es nicht gibt“ (Verbrecher-Verlag 2017), der Autor der „Tage in L.“ (Konkret 2001) hätte sich damals am „politischen Desinteresse der andern Studierenden, ihrem mangelnden sozialistischen Engagement, ihrem Pessimismus und ihrer Unzufriedenheit“ gestoßen, dann mindert das nicht den Neid, bestätigt höchstens den nachträglichen Eindruck, dass dort weit vor 1989/90 begann, was heute überall hegemonial ist.
Zieht man daraus aber den Schluss, Schreibschulen (unabhängig wo) nivellierten alles und jeden innerhalb ihres Banns zu bloßen Zahnrädchen des sich reproduzierenden Apparats, vergisst man die tatsächlichen Klassenverhältnisse dahinter und liebäugelt stattdessen mit einem mechanistischen Determinismus. BelletristInnen, jung oder alt, sind primär Kleinbürger – und das in ihrer ganzen Pracht. Kleinbürger wollen keine Maschinen sein, sie können aber auch nicht wie andere welche produzieren. Das macht sie aus und das ist ihre Bürde.
Wer ernstlich behaupten will, die Romane ehemaliger Hildesheimer wie „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ von Leif Randt (Berlin Verlag 2011) oder Victor Wittes „Hier bin ich“ (Droe­merKnaur-Verlag 2015) seien die gleiche an Bret Easton Ellis angebiederte Sauce, der kann auch nach Leipzig weiterziehen und Clemens Meyer mit Sasa Stanisic mit Juli Zeh gleich mitverquirlen. Absolventinnen des Johannes-R.-Becher-Instituts wie Sarah Kirsch noch mit dazu, wenn schon die Relevanz von Schreibschulen für die jeweilige Gesellschaftsordnung so schief interpretiert wird.
Dabei spricht Stahl in seinem Essay selbst Zweifel über den Begriff von der einen Literatur aus, die Werke Daths, Kehlmanns, Roches und Zehs wie mit gleicher Einheit versehen zu kalkulieren versucht. Obwohl gerade diese Exponate schon dadurch vergleichbar sind, weil sie alle einem System, dem Monopolkapitalismus, entstammen. Doch der hat andere Auswirkungen als eine billige Gleichschaltung. Der erzeugt schlechte Literatur. Dass Dietmar Daths Romane nicht mehr lektoriert werden, ist ein offenes Geheimnis. Lektorate kosten. Wo Dath draufsteht, das verkauft sich, auch wenn das dann oft unlesbar ist. Oben genannter Easton Ellis wird verlegt, obwohl der seit vier Bestsellern nichts mehr zu sagen hat.
Da sind wir auch fast beim zweiten Aspekt aus Stahls Essay, der da quer hing im Textgebirge, dann aber doch nicht so sehr überraschte. Mit „Den wahren Kanon bestimmt kein Literaturpapst und nicht der Markt, sondern allein die Geschichte“, schließt Enno Stahl. Doch die unsichtbare antikapitalistische Hand, die Literatur(-geschichte) in ihren Paradiso-Sphären geduldig ordnet, die gibt es nicht. Um das Wissen um Goethe und Co. ist es mauer bestellt als noch vor dem Mauerfall. Grund: Der Imperialismus bringt nicht nur die schlechtere Literatur hervor, er drückt auch das Niveau, gute von dieser zu scheiden.
Der Kommunismus mag die Gesellschaftsstufe sein, die Goethe, Shake­speare und Michael Jackson verstehen wird. Doch die ploppt nicht von allein aus den Büchern in die Welt und ist dann da. Wie für schlechte Literatur, gibt es auch dafür konkrete Verantwortliche.


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Leserbrief zu Artikel »Zwang und Zwangsläufigkeit«, UZ vom 27. April 2018





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