Gewerkschaftliche Orientierung

Die Politik von Sozialistischem Hochschulbund und Marxistischem Studentenbund Spartakus
Von Klaus Stein
|    Ausgabe vom 20. April 2018
Spartakus (AMS) und SHB zogen Schlussfolgerungen aus den Septemberstreiks 1969 (hier Hoesch-Stahlarbeiter, Dortund) (Foto: Klaus Rose/ Bildarchiv)
Spartakus (AMS) und SHB zogen Schlussfolgerungen aus den Septemberstreiks 1969 (hier Hoesch-Stahlarbeiter, Dortund) (Foto: Klaus Rose/ Bildarchiv)

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), 1946 gegründet, war lange der Studentenverband der SPD. Immer wieder war in diesem Zusammenhang strittig, ob ihm KPD-Mitglieder angehören könnten. Helmut Schmidt setzte dann als SDS-Bundesvorsitzender 1947 durch, dass die Gruppe Münster „durch den Ausschluss aller andersdenkenden Elemente den Bund endgültig bereinigen“ konnte.
Aber der SDS blieb nicht lange brav. Insbesondere bei den Themen Remilitarisierung oder Atomrüstung bewegte er sich ab Mitte der 50er Jahre links von der SPD und geriet mit ihr in Konflikt. Im Mai 1960 spaltete sich der Verband. Der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) entstand. Im November 1961 wurde der SDS durch einen Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD-Führung parteiunabhängig.
Resonanz und Autorität
In den 60er Jahren hatte die SDS-Denkschrift „Hochschule in der Demokratie“ großen Einfluss. Und anlässlich der Proteste gegen den Vietnamkrieg gewann der SDS an Resonanz und Autorität nicht nur in der studentischen Jugend. Einer der Höhepunkte war der Internationale Vietnam-Kongress im Februar 1967. 5 000 Menschen folgten der Einladung nach Westberlin. Über dem Podium hing ein Transparent: „Für den Sieg der vietnamesischen Revolution. Die Pflicht des Revolutionärs ist es, Revolution zu machen.“ Rudi Dutschke sprach auf dem Kongress von „großen Möglichkeiten des Kampfes im System des Spätkapitalismus“, die sich wie bei den Kämpfen der Bremer Schüler gegen Fahrpreiserhöhungen und deren Solidarisierung mit den Arbeitern andeuteten. Hans-Jürgen Krahl vom Frankfurter SDS propagierte eine Anti-NATO-Kampagne. Am Folgetag fand in Westberlin eine große Vietnam-Demonstration mit 18 000 Menschen statt.
Aber die Gegenseite ruhte nicht. Berliner Senat, DGB und Springer-Konzern riefen zu einer großen Gegenkundgebung „Für Freiheit und Frieden“ auf: „Berlin darf nicht Saigon werden!“, titelte die „Berliner Morgenpost“. 80000 Menschen folgten dem Gegenaufruf.
Die „Deutsche Volkszeitung“ schrieb am 1. März 1968: „Wer die vielen hassverzerrten Gesichter bei der ‚Freiheits’-Kundgebung des Senats in Westberlin aus der Nähe gesehen und die wilden ‚Dutschke raus’-Sprechchöre gehört hat, der weiß, dass seit dem 21. Februar der politische Mord an Linken oder an solchen, die dafür gehalten werden, in Westberlin wieder möglich ist.“
Die Springer-Presse hetzte hemmungslos. Sechs Wochen später war es soweit. Der 23-jährige Neonazi Josef Bachmann wartete mit zwei Pistolen vor dem Westberliner SDS-Zentrum auf Rudi Dutschke. Er beschimpfte ihn als „dreckiges Kommunistenschwein“ und schoss. An den Ostertagen versuchen 10 000 wütende Demonstranten, die Auslieferung der „Bild“-Zeitung zu verhindern.
Spaltung und Zerfall
Es folgten Debatten über revolutionäre Perspektiven. Der SDS zerstritt sich und zerfiel. Einig war sich die Fraktion der „Antiautoritären“ noch beim Ausschluss der „Traditionalisten“. Fred Schmid aus München damals: „Sie haben ihren Hauptfeind nicht in der Monopolbourgeoisie, sondern in uns gesehen.“
Aber die Spaltung tat dem wachsenden Einfluss der „traditionalistisch“ genannten SDS-Gruppen, in denen Genossinnen und Genossen der illegalen KPD wirkten, keinen Abbruch: in Marburg, München und im Rheinland – hier vor allem in Köln und Bonn. In den Thesen der Bonner SDS-Gruppe vom 17. September 1967 hieß es: „Die Verwirklichung besserer gesellschaftlicher Möglichkeiten darf nicht als illusionärer Wunschtraum konzipiert werden. Der SDS hält es daher nicht mit denen, die den Sozialismus überall für gut halten, nur nicht in den sozialistischen Ländern.“ (These 6)
„Um nicht jede theoretische, reflektierende Fähigkeit zu verlieren, ist es sozialistischen Studenten notwendig, mit allen denjenigen, die nicht bereit sind, sich durch das Studium zu verstaubten Gartenzwergen einer kapitalistischen Gartenburg modellieren zu lassen, an der Umgestaltung der Universitätsstruktur, des Studienbetriebs und des Studiengangs zu arbeiten.“ (These 19)
„Dabei werden sozialistische Studenten nicht der Illusion verfallen, als könnten die Studenten allein den herrschenden Gruppen eine Universität abtrotzen, die über eine genüssliche Ideologiekritik hinaus theoretisch und praktisch an der Überwindung der Schranken des gesellschaftlichen Fortschritts zu Gunsten aller Menschen arbeitet.“ (These 20)
„Wegen seiner objektiven Bedeutung für den gesellschaftlichen Umsturz darf die Arbeit des SDS an der Universität nicht die Arbeit außerhalb der Universität behindern. Der SDS ist niemals von der Aufgabe entbunden, die Entwicklungsmöglichkeiten so zu formulieren, dass es den Lohnarbeitern gelingt, in ihnen ihre eigenen Interessen wiederzuerkennen.“ (These 22)
„Der SDS verteidigt die durch das Grundgesetz garantierten Bürgerrechte gegen alle faschistoiden Angriffe. Er kämpft gegen die Verminderung der Sozialausgaben zu Gunsten der zunehmenden Subventionierung der schon monopolistisch konzentrierten Industrie in privatem Besitz, insbesondere die wehrwirtschaftliche Form der Subventionierung.“ (aus These 25)
„Dieser Kampf muss auf einer möglichst breiten Front geführt werden; daher ist es für den SDS nicht möglich, die Zersplitterung der westdeutschen Opposition noch dadurch voranzutreiben, dass er gegen die KPD polemisiert, die unter den schwierigsten Bedingungen bemüht ist, den Kontakt mit der Arbeiterklasse aufrecht zu erhalten. Eine relegalisierte KPD wäre für alle sozialistischen Kräfte in der BRD von Vorteil.“ (26. und letzte These)
Im Januar 1970 verbanden sich die „traditionalistischen“ SDS-Gruppen zur Assoziation Marxistischer Studenten – Spartakus (AMS). Sie gewannen stetig an Einfluss und Mitgliedern, während sich der SDS im März 1970 auflöste.
Die Suche nach der politischen Perspektive
1968 und 1969 stand an den Hochschulen des Landes der Kampf gegen Hochschulformierungsmaßnahmen und um die Verteidigung des politischen Mandats im Vordergrund. Es gelang die Beseitigung eines studentischen Disziplinarrechts. Die Einführung verbindlicher Regelstudienzeiten konnte verhindert werden. Eine Welle von Streiks und Institutsbesetzungen im Wintersemester 1968/69 zielte auf Mitbestimmung in den Hochschulgremien. Gefordert wurde: Nein zu Zwischenprüfungen und neuen Prüfungsordnungen!
Aber den Aktionen fehlte die politische Perspektive. Was war die Alternative zur Zurichtung von Schulen und Hochschulen auf die Verwertungsinteressen der Banken und Konzerne? Helmut Häußermann vom SHB, dem Sozialdemokratischen Hochschulbund, kritisierte: „Wir haben es bei der Forschungsfinanzierung in der BRD nicht mit dem Ergebnis eines wildwüchsigen Prozesses zu tun, der nur ein bisschen korrigiert werden müsste: Die Forschung ist geplant und bewusst auf die industriellen und militärischen Verwertungsinteressen zugeschnitten.“
Als zudem die antiautoritären Reste des SDS sich anschickten, den VDS, die Vertretung der Studentenschaften auf Bundesebene, zu liquidieren, wurde eine strategische Entscheidung auf der Grundlage gemeinsamer Grundinteressen von Arbeiterklasse und nichtmonopolistischen Klassen und Schichten fällig.
Der Spartakus (AMS) entwickelte im April 1970 ein Hochschulaktionsprogramm. Der SHB rang um eine eigenständige sozialistische Programmatik. Im Oktober 1969 setzt sich die Einsicht durch, dass „nur von der organisierten Arbeiterschaft fortschrittliche gesellschaftliche Entwicklungen ausgehen“ können. „Die progressiven Studenten müssen den gesellschaftlichen und politischen Anspruch der Gewerkschaften, in dem sich die Interessen der Lohnabhängigen artikulieren, anerkennen und realisieren helfen.“
Ein solches Programm war nicht nur theoretisch fällig. Es entsprach unterdessen den Erfahrungen, die durch die Septemberstreiks 1969 vermittelt worden waren, die am 2. September in der Dortmunder Westfalenhütte ihren Anfang genommen hatten. Vom 15. bis 25. September legten 150 000 Arbeiter, vorwiegend aus Metallbetrieben, ohne Einwirkung und Leitung durch die IG Metall, die Arbeit nieder. Sie reagierten auf rasante Sprünge von Produktivität, Produktion und Gewinnen. Demgegenüber lahmte die Entwicklung der Löhne. Die Gewerkschaften hatten sich durch ihre Beteiligung an der „konzertierten Aktion“ der Großen Koalition lohnpolitische Mäßigung auferlegen lassen. Die zahlreichen Demonstrationen der Studenten hatten aber ein politisches Klima geschaffen, das derartige spontane Aktionen möglich machte. Umgekehrt bewirkten sie aber auch in der Studentenbewegung eine Änderung des Blickwinkels: die Arbeiterklasse brachte sich nachhaltig in Erinnerung.
Auf dieser Grundlage können Spartakus (AMS) und SHB eine Konzeption fortschrittlicher studentischer Interessenvertretung, eine Konzeption des Interessenkampfes im Rahmen und mit Hilfe der Verfassten Studentenschaft erarbeiten.

Plakat zu den Aktivitäten des MSB Spartakus und zur Aktionseinheit (1973, Ort unbekannt)

Plakat zu den Aktivitäten des MSB Spartakus und zur Aktionseinheit (1973, Ort unbekannt)

( Berkan/Wikimedia Commons / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Im November 1970 wählt die außerordentliche Mitgliederversammlung des VDS in Marburg einen Vorstand, in dem Spartakus und SHB die Mehrheit hatten. Sie verabschiedeten erstmalig eine gewerkschaftlich orientierte Plattform. In dieser hieß es unter anderem: „In der gegenwärtigen Auseinandersetzung zwischen den Kräften des Sozialismus und der Demokratie einerseits und des Imperialismus und der Reaktion andererseits steht die Notwendigkeit, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des antiimperialistischen Kampfes in der BRD, zur Abwehr des Rechtskartells, zur Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses zugunsten der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten zu leisten. Dieser Beitrag der Studenten erlangt jedoch nur seine volle Wirksamkeit, wenn er aus ihrem sozialen Ort Hochschule heraus entwickelt wird, wenn er fest mit den unmittelbar materiellen Interessen der überwiegenden Mehrzahl der Studenten verbunden wird. Im Kampf für die Herstellung und Gewährleistung der sozialen und materiellen Grundlagen einer wissenschaftlichen Ausbildung für die Studenten und weite Teile der Bevölkerung, für die Demokratisierung des Bildungswesens und die Zurückdrängung reaktionärer Bildungsinhalte geraten immer größere Teile der Hochschulintelligenz in Widerspruch zur Politik der Monopole und werden so in die Lage versetzt, ihr gemeinsames Interesse mit der Arbeiterklasse an der Bestimmung der Inhalte von Produktion und Wissenschaft zu erkennen. Diese Stoßrichtung kann der demokratische Kampf an der Hochschule nur erhalten, wenn er als organisiertes und solidarisches Handeln im Hochschulbereich auf gewerkschaftliche Organisierung im Beruf vorbereitet, wobei als gewerkschaftliche Organisierung die aktive Mitarbeit in einer DGB-Gewerkschaft zu verstehen ist. In diesem Zusammenhang gewinnt die umfassende organisierte Interessenvertretung wachsendes Gewicht für die Entfaltung der Selbsttätigkeit der Studenten für ihre fortschrittlichen sozialen Interessen und für die Einbeziehung breitester Tiel der Studentenschaft in den demokratisch-antimonopolistischen Kampf.“
Im Mai 1971 können sich die Spartakus-Gruppen durch die Gründung des MSB Spartakus eine stabile politische und organisatorische Form geben. Im selben Jahr beschloss die SPD, dem SHB sämtliche finanzielle Unterstützungen zu entziehen und wenig später das Adjektiv „sozialdemokratisch“ abzuerkennen. Er hieß künftig Sozialistischer Hochschulbund.
In den siebziger Jahren behielt das Bündnis von sozialdemokratischen und kommunistischen Studenten und ihre Politik der Gewerkschaftlichen Orientierung („GO-Politik“) in den bundesdeutschen Studentenvertretungen die Hegemonie. Allerdings mussten MSB und SHB schon bald den Kampf um den Erhalt der verfassten Studentenschaft führen. Der 1972 bundesweit einsetzenden und brachial durchgesetzten Politik der Berufsverbote, die überwiegend auf MSB und DKP zielte, konnte das Bündnis jedoch nicht standhalten. Aber die Politik der Gewerkschaftlichen Orientierung könnte noch heute den Gegner reizen.


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Leserbrief zu Artikel »Gewerkschaftliche Orientierung«, UZ vom 20. April 2018





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