Unsere jungen Leute

|    Ausgabe vom 23. März 2018

Es ist der 6. November 2002. Kurz vor Ende der Öffnungszeit betreten einige Jugendliche die städtische Bibliothek eines Essener Stadtteils. Sie haben Schlafsäcke dabei und erklären den beiden Bibliothekarinnen, dass die von Schließung bedrohte Bibliothek nun besetzt sei. Im selben Moment fährt ein Lautsprecherwagen los und informiert die Menschen darüber – es ist eine Aktion der SDAJ. Im Auto sitzt ein Genosse der DKP.
Der Chef der Bibliothekarinnen, der Kulturdezernent, tut erst einmal nichts. Sähe auch blöde aus, wenn in einem armen, von Migration geprägten Stadtteil die Leihbibliothek, um deren Erhalt die Jugendlichen kämpfen, von der Polizei geräumt würde. Am nächsten Tag wäre die Bibliothek normalerweise geschlossen, jetzt ist sie offen, es findet sogar Programm statt: Eine Krimi-Lesung mit einem bekannte Ruhrgebietskrimi-Schriftsteller. Der Personalrat der Stadt und eine ver.di-Delegation kommen vorbei und sind begeistert. Die Bürgerinitiative, geleitet von einem SPD-Ratsherrn und einem Kommunisten, ist natürlich ebenfalls begeistert. Presse, Radio und Fernsehen sind auch da. Die Bibliothek ist drei Tage lang besetzt, dann ziehen die Besetzer freiwillig ab.
Von Fidel Castro ist der Satz überliefert: Wir sind elf Mann, wir haben elf Gewehre, die Tage des Imperialismus sind gezählt.
Vor drei Wochen fand hier in der Nähe der Parteitag der DKP statt. Wir haben keine Gewehre, aber wir sind mehr als elf und wir haben tolle Frauen und tolle Männer in unseren Reihen. Deswegen haben wir uns gewagt, zu überlegen wie kann die Arbeiterklasse dieses Landes aus der Defensive kommen, wie können wir das Kräfteverhältnis zwischen der herrschenden Klasse, dem bestimmenden Monopolkapital und der Arbeiterklasse, den anderen nicht-monopolistischen Klassen umdrehen, wenden?
Wir müssen Aktionsformen finden (wir haben sie auch schon), die geeignet sind, Menschen in die Aktion für ihre Interessen zu führen und damit weg von der Haltung, „Ich geh wählen, dann wird alles gut“, oder „Gegen die da oben kann man sowieso nichts machen“. Dabei dürfen und müssen wir auch „ihr Recht“ in Frage stellen. Ein Recht, das zulässt, dass Bibliotheken geschlossen werden, weil die Kommunen zu Gunsten des Monopolkapitals ausgeblutet werden, akzeptieren wir nicht, genauso wenig wie ein Recht, das Kriegsausgaben verdoppeln will, während Millionen und Abermillionen vor ihren Kriegen auf der Flucht sind.
Die Bibliothek vom Anfang existiert noch heute und hat zwei weitere Kürzungsrunden überstanden. Der SPD-Mann Rudi – und da muss man wissen, dass die SPD in Essen mehr Mitglieder hat als die DKP bundesweit – fragte den Kommunisten: „Sag mal, wenn nötig, können dann eure jungen Leute wieder kommen?“
Sehen wir mal davon ab, dass die SDAJ mit „unsere jungen Leute“ nicht richtig beschrieben ist. Das Verhältnis von SDAJ und DKP ist ein Kampfbündnis von zwei Organisationen auf dem Boden einer gemeinsamen Weltanschauung. Und die SDAJ ist eine Jugendorganisation, um die uns mancher beneidet.


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