Was riecht denn da so gut?

Bundeswehrzeitschrift gibt Tipps zum korrekten Sexualverhalten
Von Melina Deymann
|    Ausgabe vom 9. März 2018
 (Foto: Bundeswehr/Neumann)
(Foto: Bundeswehr/Neumann)

Ob Bad Reichenhall oder Pfullendorf, immer mehr Skandale um sexuelle Belästigung sind bei der Bundeswehr ans Tageslicht gekommen, doch damit soll Schluss sein. Nicht nur hat Kriegsministerin von der Leyen ein Machtwort gesprochen, sondern die Bundeswehr hat eine Spezial-Ausgabe ihres Heftes „Y“, der offiziellen Monatszeitschrift der Bundeswehr, veröffentlicht. Thema: „Ich will dich – Liebe, Lust und Leidenschaft“.
Darin erfährt der geneigte Leser nicht nur interessante Fakten über das menschliche Sexualverhalten („zwei Drittel aller Menschen drehen beim Küssen ihren Kopf nach rechts.“), sondern auch, dass für Schwangere bei der Bundeswehr bestens gesorgt wird, sich gerade im Test befindende Uniformen für Schwangere inklusive. Unter der Überschrift „Jetzt geht‘s rund“ darf da Hauptbootsmann Nicole Kubsch (39) ihren schwangeren Bauch präsentieren und sich erleichtert darüber zeigen, dass sie dank der Bundeswehr vor dem Kinderkriegen schon die halbe Welt gesehen habe. Dass die Redaktion mit einem im Foto quer über den Bauch geschriebenen „Tick Tack“ darauf hinweist, dass es beim Kinderkriegen auch einen Zeitfaktor gibt, mutet bei all den Vorteilen, die Frauen in der Bundeswehr auch in anderen Umständen genießen, auch nur noch ein klein bisschen sexistisch an.
Und wo wir mit der Bio-Uhr schon bei den angeblich biologischen Grundlagen unseres Verhaltens sind: Wussten sie schon, dass Männer „Machos mit feiner Nase“ sind“? Oh ja. „Fruchtbare Frauen riechen besser, Männer reagieren darauf mit Dominanzgebaren, um die fortpflanzungsbereite Frau zu beeindrucken.“
Um dem Bildungsauftrag Genüge zu tun wird dann unter der Überschrift „Finger weg! Nein heißt nein“ doch noch auf die Belästigungen in der Bundeswehr gekommen: „96 Prozent der weiblichen Soldaten sagen, sie hätten keine sexuelle Gewalt erlebt. Von den befragten Männern geben dies 100 Prozent an. Vergewaltigungen sind damit etwas seltener als in anderen Bereichen der Gesellschaft“, werden die LeserInnen beruhigt. Verschwiegen wird auch nicht, dass ein Viertel der Soldatinnen mit pornographischen Bildern, 9 Prozent häufig mit anzüglichen Sprüchen und 24 Prozent mit unerwünschten Berührungen belästigt wurden und dass eine „Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr“ eingerichtet wurde, um solches Fehlverhalten schneller zu ahnden. Allerdings ist „Y“ auch hier schnell wieder bei Biologismen, Männer können halt manchmal nicht an sich halten. „Auf einem Fliegerhorst in Norddeutschland ist die Party im vollem Gange. Alle sind lustig und vergnügt, da verliert ein Hauptmann die Beherrschung und grapscht nach einer Soldatin.“ Wahrscheinlich war sie gerade fruchtbar und roch deshalb so gut.
Weiter hinten im Heft wird schnell noch mitgeteilt, warum die Bundeswehr in aller Welt eingreifen muss. Natürlich um die Frauen(-rechte) zu retten. Schnell wird über Beschneidungen bei Frauen aufgeklärt und darüber, dass Missbrauch von Frauen und Kindern in Kriegen immer noch „der Demütigung des Feindes“ gilt. Wenn der Täter vom IS stammt gibt es keine biologistische Verharmlosung mehr.
Ansonsten können die LeserInnen in einem lustigen Schaubild rausfinden, ob sie eher „Poly-Single“, „Beziehungsanarchist“ oder der „Typ für ein geschlossenes polyamores Netzwerk“ sind, erfahren etwas über Diversität (also, es gibt Homos, Trans, Heteros mit oder ohne (Patchwork)familie …) und erhalten Tipps für die erzwungene Fernbeziehung durch Kriegseinsätze. „Für Soldaten in einer Beziehung sind Sexting und Camsex gute Möglichkeiten, Bedürfnisse zu erfüllen und dem Partner nahe zu sein“ – als wäre Sex das Hauptproblem in einer Beziehung, wenn sich einer von beiden gerade zum Töten und Getötetwerden im Ausland befindet.


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Leserbrief zu Artikel »Was riecht denn da so gut?«, UZ vom 9. März 2018





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