Kultur
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Lucky und die Schildkröte

Filmisches Panoptikum einer Kleinstadt
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 9. März 2018
Der alte Mann und die Gemeinde. (Foto: Alamode Film)
Der alte Mann und die Gemeinde. (Foto: Alamode Film)

Er habe keine Angst vor der Höhe, nur vor dem Fallen, sagt Harry Dean Stanton alias Travis in Wim Wenders‘ Klassiker „Paris, Texas“, dem Film, der ihn 1984 bekannt machte. Da war er bereits 30 Jahre im Geschäft in Dutzenden von TV-Serien. Seine Filmkarriere umfasst über 100 Rollen. In der letzten davon, als Lucky im gleichnamigen Debütfilm von John Carroll Lynch, fällt er nun doch, nämlich buchstäblich aus dem Bildrahmen: er ist in seiner Küche gestolpert. Eine Bagatelle, trotz seines inzwischen biblischen Alters von 91 Jahren. Der Arzt, den er trotzdem aufsucht, mag ihm nicht einmal mehr zum Verzicht auf Alkohol und Zigaretten raten – er weiß, es wäre vergeblich, sie gehören zu Lucky wie der tägliche Besuch der Kneipe und die Spaziergänge unter den gewaltigen Kaktusbäumen in der Wüste Arizonas. Jeder in dem kleinen Kaff kennt den alten Kauz, jeder mag ihn. Umgekehrt ist das nur selten der Fall. In den Eingang einer Bar ruft er täglich ein rüdes „Cunts!“ hinein, in seiner Stammkneipe geht er mit seiner kruden Philosophie – „Realität ist ein Ding“ und „Jedermann ist ein Ungatz, ein Nichts“ – manchem auf die Nerven. Mit seinem Barfreund Howard, dem seine hundertjährige Schildkröte namens President Roosevelt entlaufen ist, philo­sophiert er über Freiheit und Altwerden, aber gegen Howards Anwalt wird er sogar handgreiflich. Freundlich ist Lucky nur zu Bibi aus dem Supermarkt und ihrem Sohn Juan, zu dessen Geburtstag er sogar ein spanisches Lied singt.
„Die Geschichte wurde hundertprozentig für Harry Dean (Stanton) geschrieben“, erklärt der Regisseur im Interview, sie sei „ein Liebesbrief an den Schauspieler und den Menschen“ und biografisch, weil Drehbuchautor Logan Sparks ein langjähriger Freund Stantons sei. Es falle ihm niemand ein, der sonst Stantons Rollen spielen könnte, sagt David Lynch, der Stanton schon oft besetzte und in „Lucky“ den Howard spielt. In der Tat scheinen das wettergegerbte, faltige Gesicht und der altersmüde, aber aufrechte Gang zu diesem Lucky ebenso zu gehören wie seine knorrige Lebensphilosophie. Die dient nur als schützende Hülle für seine innere Freundlichkeit, so wie der Panzer der Schildkröte und die Stacheln der gewaltigen Kakteen.
Dass Stanton, der sechs Jahrzehnte darstellerisches Urgestein verkörperte, kurz nach Fertigstellung von „Lucky“ im September 2017 starb, dürfte seinem letzten Film eine zusätzliche nostalgische Note verleihen. Darüber sollte man aber nicht die filmischen Qualitäten übersehen. Denn das Drehbuch von Logan Sparks und Drago Sumonja macht aus dem örtlichen Diner und vor allem aus Luckys Stammkneipe eine Art Panoptikum der Wüsten-Kleinstadt mit all ihren Typen und Einzelgängern. Die Barkeeperin trägt ihre Probleme mit ihrem Lover ganz ungeniert vor allen aus, Howard bespricht hier sein Testament, und ein Ehekrach wird ebenso zum Kneipenthema wird wie das Verschwinden der Schildkröte. Trotz seiner freigeistig-atheistischen Sprüche und seiner Abgeschiedenheit in der Hütte am Stadtrand ist Lucky hier bestens integriert, und wenn er mal ausbleibt, kommt gleich die Bedienung aus dem Diner nach ihm sehen. Im allgemeinen ist man wortkarg bis verschlossen, und fröhliche Ausgelassenheit gibt es nur in Bibis Latino-Gemeinde, die selbst zur Geburtstagsfeier unter sich bleibt. Hier lebt Lucky ein letztes Mal auf und macht sich dann auf den Weg in die Kakteenwüste. Sein letzter, lange gedehnter Blick zurück zur Kamera braucht keine weisen Sprüche mehr, in ihm spiegelt sich die stumme Weisheit des Elefanten, der die Einsamkeit zum Sterben braucht. Als hätte er‘s gewusst.


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Leserbrief zu Artikel »Lucky und die Schildkröte«, UZ vom 9. März 2018





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