Im Käfig des Konservatismus

Der Achte Zusatz zur irischen Verfassung
Von Amy Moran
|    Ausgabe vom 9. März 2018
Verteidigt die Gesundheit von Frauen! Demonstration für die Legalisierung von Abtreibungen in Dublin. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/infomatique/8194477198] William Murphy/flickr.com[/url])
Verteidigt die Gesundheit von Frauen! Demonstration für die Legalisierung von Abtreibungen in Dublin. (Foto: William Murphy/flickr.com / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Am 7. September 1983 wurde ein Referendum über den achten Verfassungszusatz der irischen Verfassung durchgeführt. 66 Prozent der Wähler stimmten für den Änderungsantrag, der die Anerkennung eines gleichen Lebensrechts für Ungeborene und Mütter bekräftigte. Überdies verpflichtete der Zusatz den Staat zum Schutz ungeborenen Lebens durch die Gesetzgebung. Vor 1983 war jegliche Abtreibung in Irland eine Straftat, kriminalisiert durch ein Gesetz aus dem Jahr 1861. Wer hatte den gesetzlichen Schutz ungeborenen Lebens veranlasst?
1981 war die „Pro Life Amendment Campaign“ (PLAC) von 13 Organisationen gegründet worden, von denen 10 eindeutig katholisch orientiert waren. Das Ziel von PLAC war durch die Verschärfung des Abtreibungsverbots, die Angriffe auf die moralische Herrschaft der katholischen Bourgeoisie in sozialen Angelegenheiten der Republik abzuschmettern. 1979 ermöglichte die Einführung des Familienplanungsgesetzes verheirateten Paaren gegen den Protest der katholischen Führung den Zugang zu verschreibungspflichtigen Verhütungsmitteln. Aus heutiger Sicht scheint diese Konzession der Regierung dürftig. Für die wortführenden Anhänger von PLAC war jedoch das unvermeidliche Ergebnis einer Liberalisierung der Sexualgesetzgebung die Öffnung des Zugangs zur Abtreibung. Im Jahr 1981 reisten mehr als 3 600 Frauen zum Schwangerschaftsabbruch nach England. Die erfolgreiche Kampagne gegen jede Möglichkeit für Frauen, legal eine Abtreibung durchführen zu lassen, gipfelte in der Zustimmung der Regierung zu einem Volksentscheid. Der Achte Verfassungszusatz setzte nicht nur den Fötus der Frau gleich, er illegalisierte gleichzeitig jeden Schwangerschaftsabbruch auch im Ausland.
Seit der Einführung des Abtreibungsparagraphen hat sich in Irland ein kompromissloses Abtreibungverbot durchgesetzt. Dessen Ungerechtigkeit wurde vielfach aufgezeigt. Im Jahr 1983 wurde einer Frau die Krebsbehandlung aufgrund ihrer Schwangerschaft verweigert. Ihr Antrag auf Abtreibung wurde ignoriert. 1992 erließ der Generalstaatsanwalt eine einstweilige Verfügung gegen eine 14-Jährige, die nach einer Vergewaltigung schwanger geworden war, um sie am Abbruch im Ausland zu hindern, und dies, obwohl sie selbstmordgefährdet war. Dieser Fall führte zu einem weiteren Volksentscheid, der irischen Frauen Abtreibungen im Ausland ermöglichte. Damit wurde das Problem weiterhin geächtet und ins Ausland verlagert, statt den Zugang zu legalen Schwangerschaftsunterbrechungen zu verbreitern. Zwischen 1980 und 2016 haben mindestens 168 703 Frauen, die im Vereinigten Königreich einen Abbruch vornehmen ließen, in den Kliniken irische Adressen angegeben. Diese Verlagerung ins Ausland hält eine mythische Vision von der irischen Gesellschaft am Leben, wie die irisch-katholische Rechte es 1983 beabsichtigt hatte.
Das Monopol frauenfeindlicher Fundamentalisten auf die gesellschaftliche Moral ist jedoch von Anfang an umstritten. 1983 wandte sich der irische Gewerkschaftsdachverband gegen die Aufnahme des 8. Zusatzes in die Verfassung und 1992 forderte der Dubliner Gewerkschaftskongress freie, sichere und legale Schwangerschaftsabbrüche in Irland. Seit 2012 schwillt die Unterstützung der Unterstützung für Pro-Choice(= Freie Wahl)-Kampagnen an.
Für viele irische Frauen in schlecht bezahlten Jobs sind die Kosten für Auslandsreisen fast nicht erschwinglich. Für Migrantinnen und Asylbewerberinnen sind Reisen ebenfalls keine Option.
Aufgrund des anhaltenden Drucks musste die Regierung einlenken. Noch dieses Jahr wird es ein Referendum über die Aufhebung des 8. Verfassungszusatzes geben. Die Streiterinnen für freien und sicheren Schwangerschaftsabbruch fordern auch die Gewährleistung der Gleichheit des Zugangs zu Abtreibungen.
Unser Kampf um die Möglichkeit der Abtreibung ist gleichzeitig ein Kampf gegen die Einschränkungen, denen Frauen ausgesetzt sind. Unsere derzeitigen Abtreibungsgesetze eröffnen arbeitenden, arbeitslosen Frauen und Migrantinnen in Irland keinerlei Wahlmöglichkeit. Wir weisen die Ungerechtigkeit zurück. Die Irinnen und Iren sind aufgerufen, den frauenfeindlichen Käfig des Konservatismus und der Ungleichheit zu zerbrechen, in dem die Frauen unseres Landes seit 1983 gefangen sind.


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Leserbrief zu Artikel »Im Käfig des Konservatismus«, UZ vom 9. März 2018





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