Interview

Mehr Lohn, weniger Keime

Christoph Hentschel im Gespräch mit Petra Vogel
|    Ausgabe vom 2. März 2018
Demonstration der IG BAU am 26. September 2017 in Essen (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/dielinke_nrw/37331567901/in/photostream/]DIE LINKE NRW/flickr.com[/url])
Demonstration der IG BAU am 26. September 2017 in Essen (Foto: DIE LINKE NRW/flickr.com / Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Petra Vogel ist Reinigungskraft und freigestellte Betriebsratsvorsitzende an einem Bochumer Klinikum. Im Bundestagswahlkampf wurde sie bekannt durch einen Auftritt in der ZDF-Sendung „Klartext“, wo sie Angelika Merkel die Meinung geigte. Die UZ sprach mit ihr über die Arbeit und den Tarifkampf.

UZ: Wie sieht die Situation aktuell bei den Reinigungskräften im Krankenhaus aus?

Petra Vogel: Die Leute sind total unterbezahlt. Wir bekommen 10,30 Euro die Stunde. Mit 10,30 Euro kannst du keine großen Sprünge machen. Es ist ein unheimlich harter Job, gerade wenn du in OPs oder Intensivstationen arbeitest, wie ich das früher gemacht habe. Du kannst also nebenher keinen anderen Job mehr machen, weil du einfach kaputt bist, und dann musst du mit 10,30 Euro – das sind im Monat 1 050, 1 100 Euro je nachdem wie viele Arbeitstage du hast – auskommen.
Als ich hier vor 30 Jahren angefangen habe, hab ich in der Regel zwischen 160 und 180 Quadratmeter in der Stunde geputzt. Da gehört nicht nur der Fußboden dazu, sondern auch das gesamte Inventar – Nasszellen, Toiletten auf den Zimmern, Stühle, Tische und Griffbereiche an der Tür. Die Stationen sind heute 260 bis 280 m² groß und werden von einer Person geputzt.

UZ: Könnt ihr das überhaupt noch schaffen?

Petra Vogel: Die Verkeimung in Krankenhäusern nimmt drastisch zu und das heißt auch, dass wir sorgfältig arbeiten müssen, was wir mittlerweile gar nicht mehr können wie früher. Es gibt genug Kolleginnen, die befristet sind und Angst haben, sich dagegen zu wehren und sagen, wenn ich meine Stunden rum hab, dann geh ich nach Hause. Die hängen aber sehr oft noch eine halbe Stunde dran, um ihre Arbeit zu schaffen und irgendwann in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Auch wenn schon längst unbefristet, haben viele Angst. Die Frauen wollen hier ihre Arbeit vernünftig machen, schon alleine um sich nicht nachsagen zu lassen, dass sie unsauber putzen.

UZ: Wie sind die Kolleginnen und Kollegen am Krankenhaus beschäftigt?

Petra Vogel: Zwei Drittel sind in Teilzeit beschäftigt und ein gut weiteres Drittel arbeitet Vollzeit oder mindestens 7 Stunden und ein ganz geringer Teil ist auf 450 Euro. Im Krankenhaus muss an allen Tagen gereinigt werden. Deshalb stellen wir dafür zusätzlich 450-Euro-Leute ein. Schüler oder Studenten in der Mehrzahl, aber es gibt auch ein paar Frauen, die an Wochenenden arbeiten, um sich etwas nebenher zu verdienen. Ansonsten legen wir viel Wert drauf, dass die Leute sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden.
Die Schwierigkeit in der Gebäude­reinigung ist, wenn du 4 oder 5 Stunden gearbeitet hast, dann bist du kaputt, weil es sehr anstrengend ist. Du musst viel heben, dich viel bücken und viele einseitige Bewegungen machen. Das beansprucht Schultern, Knie und den Rücken, sodass viele Leute bei uns mit spätestens 50 oder 55 Rücken-, Knie- oder Hüftprobleme haben. Schultererkrankungen und Bandscheibenvorfälle sind auch nicht selten. Es liegt einmal daran, wie du arbeitest, aber auch wie schnell du arbeiten musst.

UZ: Haben die, die hier fest angestellt sind, noch einen Tarifvertrag?

Petra Vogel: Ja, da wir für eine Mischfirma aus Hauswirtschaft und Reinigung arbeiten, gehören wir nicht dem Flächentarifvertrag an. Unser Tarifvertag ist an den Flächentarifvertrag der Gebäude­reinigung angelehnt.
Wir gehören der IG BAU an, die uns vertritt. Wir haben einen hohen Organisationsgrad von über 80 Prozent und da kann man auch mal etwas mehr verlangen. Wir sind mitten in den Tarifverhandlungen, dann hoffe ich, dass bei uns 10,60 oder 10,70 Euro die Stunde rumkommen.

UZ: Was fordert ihr neben mehr Lohn?

Petra Vogel: Wir gehen jetzt in die Rahmentarifverhandlungen. Wir wollen nicht nach jeder Lohnerhöhung Arbeitszeitverdichtung. Das heißt, nach jeder Lohnerhöhung bekommst du 30 Quadratmeter in der Stunde drauf. Dann hast du bei den Löhnen nichts gewonnen. Du machst dich einfach nur mehr kaputt, weil du noch mehr in der Stunde schaffen musst.
Wir hatten früher mal Weihnachtsgeld, das ist weggefallen, weil die Organisation der IG BAU noch nicht so stark war. Mittlerweile gibt es viel mehr Mitglieder, so dass wir auch etwas stärker auftrumpfen können. Wir wollen das Weihnachtsgeld zurück.

UZ: Du bist nicht nur freigestellte Betriebsratsvorsitzende, sondern auch Vorsitzende der Fachgruppe Gebäudereinigung Bochum-Dortmund. Wie sieht es in der Region aus?

Petra Vogel: In Kliniken, wo BGs (Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung, Anm. d. R.) und Universitäten noch Einfluss haben und Gelder reinpumpen, ist der Standard bei 260 bis 280 Quadratmetern. Es gibt Kliniken, die haben über 300 bis 400 m² in der Stunde zu reinigen. Das ist überhaupt nicht mehr zu schaffen und ich verstehe nicht, warum nicht das ganze Krankenhaus verkeimt ist. Du kannst es einfach nicht schaffen, du musst da pfuschen.
Man muss in der Gewerkschaft mitmachen, um das zu verändern. Die Gebäudereinigung lief bei der IG BAU zuerst nebenher, aber mittlerweile haben wir geschafft, uns einen guten Status aufzubauen und innerhalb der IG BAU sind wir die Gruppe mit den fortschrittlichsten Forderungen. Wir haben es jetzt zum Beispiel bei den Flächentarifverhandlungen, die 2017 waren, geschafft, dass 2020 nach 31 Jahren einheitliches Deutschland der Osten die gleichen Löhne haben wird wie der Westen. Der Westen hatte bis dato 10 Euro und der Osten nur 9,05 Euro. 2020 werden es endlich einheitlich 10,80 Euro sein.

UZ: Wie habt ihr das geschafft?

Petra Vogel: Der Westen hat diesmal ein wenig auf Lohn verzichtet. Wenn wir richtig hart verhandelt hätten und hätten gesagt, wir lassen den Osten außen vor, dann wären wir vielleicht statt bei 10,80 Euro auf 11,20 oder 11,30 Euro gelandet. Aber du machst dich damit erpressbar. Einmal die Angleichung des Ostens an den Westen und eine hohe Lohnforderung, dann kommt von den Arbeitgebern immer das Argument, wenn der Westen zu viel fordert, können wir den Osten nicht angleichen. Diesmal haben wir in den sauren Apfel gebissen und haben gesagt, für die Angleichung wird der Westen auf ein bisschen Lohn verzichten. Dann haben wir aber gemeinsame Ausgangspositionen und Forderungen können in der Zukunft ganz anders formuliert werden.


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Leserbrief zu Artikel »Mehr Lohn, weniger Keime«, UZ vom 2. März 2018





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