Maschinenkrise

Manfred Sohn zum jüngsten Börsencrash
|    Ausgabe vom 23. Februar 2018

Die Reaktionen waren durchaus unterschiedlich. Das „Handelsblatt“ sprach am Mittwoch, dem 7. Februar, vom „Börsenschock“, vom „schwarzen Montag“, und brachte einen sichtlich geschockten, mit weit geöffneten Augen auf die Schirme starrenden New-Yorker Börsianer auf das Titelblatt. Die „FAZ“ sprach zwar am selben Tag ebenfalls von einem „Börsencrash“ und begründete dies wie andere Kommentatoren mit dem historisch einmaligen Rutsch des US-amerikanischen Börsenindex’ Dow Jones um 2000 Punkte, nannte es aber „einen Fehler, deswegen … gleich panikartig Aktien zu verkaufen“. Es sei eher ein Kursrutsch „aus Sorge wegen der Folgen einer zu guten wirtschaftlichen Entwicklung“. Frau Merkel könne beruhigt sein und sich auf ihre Koalition konzentrieren. Springers „Welt“ sprach in dicker Schlagzeile auf Seite 1 von der „Rache der Roboter“, die nun die „Wall Street mit voller Wucht“ treffe.
Die Theorie dazu, die auch in anderen Blättern dargelegt worden ist, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:
Wer heutzutage als Kleinanleger in einer Sparkasse ein Wertpapier erwirbt oder sich über das Netz eines besorgt, landet in der Verwaltung dieser Anlage nicht mehr bei einem Anlageberater aus Fleisch und Blut. Um Gebühren zu sparen, werden zunehmend sogenannte Robot-Adviser eingesetzt, in die Algorithmen – also Zahlenlogiken – eingespeist werden, die die Kursbewegungen der Vergangenheit systematisieren. Fällt bei diesen Robotern der Referenzwert – also z. B. der Dax oder der Dow Jones – in einer definierten Geschwindigkeit unter eine bestimmte Schwelle, verkauft auch der Roboter die Aktien, um den Anleger vor noch größeren Kursverlusten zu bewahren. Die Schwelle kann je nach Anlegerprofil – risikoscheu oder risikoaffin – unterschiedlich hoch angesetzt werden. So oder so: Das ist, wie schnell erkennbar wird, ein sich selbst verstärkender Regelmechanismus: Wenn die Kurse erst einmal in einem bestimmten Umfang ins Rutschen gekommen sind, beschleunigt sich die Talfahrt wie bei einer Lawine.
Dies ist das, was Anfang Februar weltweit passiert ist. Die Erklärung hat natürlich eine wesentliche, auch von bürgerlichen Ökonomen erkannte Schwäche: Er benennt die „Wucht“ der Reaktionen, aber nicht ihre Ursache. Die automatisierten Mechanismen brauchten zur Auslösung Initial-Kursbewegungen und die lassen sich durch die Roboter, die dann ihr Eigenleben entfalten, nicht begründen.
Im Nachgang der Krise tauchte auch folgerichtig – so am 15. Februar 2018 im „Handelsblatt“ – die Frage auf, ob da nicht jemand, der auf fallende Aktienkurse gewettet hatte, seine Hände im Spiel gehabt habe. Ein „anonymer Hinweisgeber“ jedenfalls stellte den Vorwurf „in den Raum“, dass der Index, der Kursschwankungen messe, manipuliert worden sei, um so den Kursverfall zu beschleunigen. In diese Meldung passt die am selben Tage auf der Grundlage einer „Reuters“-Meldung in der „jungen Welt“ zu lesende Meldung, dass der weltgrößte Hedgefonds allein in Deutschland bei insgesamt 13 Unternehmen fast sechs Milliarden Euro auf fallende Kurse gesetzt habe. Bei Kursfällen wie dem am 5. Februar streichen diejenigen, die bei diesen sechs Milliarden dabei sind, ordentliche Kursgewinne ein – so läuft nun einmal das Spiel an den kapitalistischen Börsen.
Wetten auf einen Aktiencrash sind unbeliebt in Aufschwungphasen. Sie sind beliebt am Ende von Hochkonjukturzyklen, weil dann die Erwartung – bei dem einen mit Furcht, bei den anderen mit Hoffnung verbunden – besteht, dass die Kurse fallen. Lucas Zeise hat in der „jungen Welt“ vom 10. Februar zu Recht darauf hingewiesen, dass eine der zentralen Ursachen der jüngsten Entwicklung die Hoffnung auf weitere Staatsverschuldung vor allem der USA ist. Das würde die Zinsen wieder nach oben treiben – und damit Staatspapiere gegenüber den zunehmend risikobehafteten Aktien attraktiver machen.
Dreierlei läuft damit auf ein und dieselbe Ursache dieses Crashs hin­aus: Das Gefühl, dass die Börsen­hausse der letzten Jahre sich dem Ende zuneigt, die Erwartung, dass die USA und andere sich für ihren gemeinsam beschlossenen Hochrüstungskurs tiefer als in der Vergangenheit verschulden werden und damit Staatsanleihen auch der führenden imperialistischen Länder attraktive Zinsen versprechen und schließlich die zunehmende Abhängigkeit von maschinell gesteuerten Anlageprozessen. Fixpunkt aller drei Ursachen ist die wachsende Labilität dieses kapitalistischen Weltsystems.
Vor allem die letzte, von der „Welt“ nicht zu Unrecht in eine Titelschlagzeile gepresste Ursache hat eine Parallele in einem „Spezial“, das der in London erscheinende „Economist“ in der ersten Februarausgabe – also noch vor dieser Krise – herausgab: Unter der Titelüberschrift „The Next War“ ist dort unter anderem ausgeführt worden, dass die Abhängigkeit von computergesteuerten Entscheidungsprozessen die Wahrscheinlichkeit eines großes Krieges immer mehr steigen lasse. Das verweist auf eine Erkenntnis von Karl Marx, die früher einmal auch in bürgerlichen Kreisen durchaus geläufig war, inzwischen aber trotz der oft hohlen Feierlichkeiten zu seinem 200. Geburtstag weitgehend verschüttet ist: Jede geschichtliche Formation lässt sich durch eine bestimmte Art der Maschinerie beschreiben, welche den erreichten Stand der Produktivkräfte kennzeichnet. Die neuen Produktivkräfte entstehen zwar im Schoße der alten Gesellschaft, können aber von den veralteten Verkehrsformen, die diese Gesellschaft prägen, nicht mehr gebändigt werden. Um zur sinnvollen Entfaltung zu kommen, müssen und werden diese neuen Produktivkräfte die Hülle der alten Gesellschaftsformation sprengen.
So wie die Dampfmaschine einst die feudale Hülle sprengte, so machen sowohl die Sorgen des „Economist“ auf militärischem Gebiet als auch die vielen Berichte über die vergangene Maschinenkrise an den Börsen deutlich, dass die Computertechnologie erst dann ihre segensreichen, arbeit- und zeitsparenden Segnungen entfalten kann, wenn sie von der kapitalistischen Hülle befreit wird. Bleibt sie als profit- und machtoptimierendes Ins­trument in der kapitalistischen Hülle gefangen, wird sie von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wildere Veitstänze aufführen, die zu schreckgeweiteten Augen an den Börsen und auf den Schlachtfeldern der Zukunft führen. Computer als Technologie im Sozialismus bringen Segen, Computer unter kapitalistischen Bedingungen führen zu noch mehr Krisenängsten und noch größerer Kriegswahrscheinlichkeit. Das ist die Hauptlehre aus der Maschinenkrise vom 5. Februar 2018.


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Leserbrief zu Artikel »Maschinenkrise«, UZ vom 23. Februar 2018





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