Interview

Inside Amazon

Roman Stelzig im Gespräch mit Arno Hanke
|    Ausgabe vom 16. Februar 2018
Das Logistikzentrum von Amazos in Leipzig besteht seit 2006. Die Lagerkapazität beträgt rund 75000 Quadratmeter. (Foto: © 1998–2017, Amazon.com, Inc. oder Tochtergesellschaften)
Das Logistikzentrum von Amazos in Leipzig besteht seit 2006. Die Lagerkapazität beträgt rund 75000 Quadratmeter. (Foto: © 1998–2017, Amazon.com, Inc. oder Tochtergesellschaften)

Es geht in der Auseinandersetzung mit Amazon um einen Tarifvertrag. Der Internet-Versandhändler Amazon ist eines der größten Unternehmen der Welt. Sein Eigentümer Jeff Bezos, einer der reichsten Personen der Welt, verfolgt die Strategie sein Unternehmen gewerkschaftsfrei zu halten. Der Kampf der Belegschaft und der Gewerkschaft verdi in Deutschland gegen Amazon geht nun schon Jahre. Die UZ sprach mit Saisonarbeiter Arno Hanke im Auslieferlager Leipzig, der Mitglied der DKP ist. Sein Name wurde aus Gründen, die im Interview zum Ausdruck kommen, von der Redaktion geändert.


UZ: Du hast im vergangenen Jahr als Saisonkraft bei Amazon gearbeitet?

Arno Hanke: Das ist richtig, während des Weihnachtsgeschäftes von Anfang Oktober bis Ende Dezember. Die Ausschreibung war befristet.

UZ: Warum hast du das gemacht?

Arno Hanke: Sonst hätte ich Hartz IV beantragen müssen, so konnte ich das drei Monate hinausschieben.

UZ: Wie viele Kollegen arbeiten dort?

Arno Hanke: Als ich dort war, um die 2 000 Festangestellte und genau so viele Saisonarbeiter. Das habe ich gehört, genaue Zahlen kenne ich nicht.

UZ: Wie hast du die Arbeitsbedingungen empfunden?

Arno Hanke: Wir Saisonarbeiter werden eigentlich relativ human behandelt, weil wir dort im Grunde der Puffer sind für die großen Geschäftszeiten, wenn es viele Bestellungen gibt. Aber ich würde sagen, dass sich das im Januar für die Festangestellten ändert, weil dann der Druck durch die Normen steigt.
Die Pausen sind sehr knapp, und stressig ist es auch. Aber weil man weiß, dass die Zeit wieder endet, kann man besser damit umgehen. Außerdem ist man nicht so streng zu uns: Wenn ich die Norm nicht erfülle, stecken sie mich in eine andere Abteilung. Nur bei Unpünktlichkeit werden sie sehr ungemütlich. Aber wenn du dort nicht auffällst, dann sind sie schon zufrieden.

UZ: Was heißt „auffallen“?

Arno Hanke: Indem man widerspricht. Das ist nicht angebracht. Man muss sich meistens einfach loyal verhalten. Dann lassen sie dich auch in Ruhe.

UZ: Gab es sonst Probleme im Alltag?

Arno Hanke: Das Verhalten mancher Kollegen untereinander. Es gibt welche, die Kollegen bespitzeln – wie oft man auf Toilette geht oder was man sagt – oder sich einkratzen bei Vorgesetzten. Manche hoffen, dass sie dadurch übernommen werden. Das betrifft natürlich nicht die Mehrheit, aber es kommt vor.


UZ: Wird das von der Geschäftsführung befördert?

Arno Hanke: Es wird zumindest toleriert. Viele haben das Ziel, fest angestellt zu werden. Das gelingt wirklich nur wenigen, vielleicht einem Prozent, und dann nur für ein Jahr befristet. Manche versuchen, sich dadurch ins richtige Licht zu setzen, indem sie ständig länger machen, wenn danach gefragt wird. Der Knackpunkt ist aber, dass nicht diejenigen, die länger arbeiten, auch übernommen werden. Das habe ich auch von verschiedenen Abteilungen gehört: Es gibt nicht immer die Leistung den Ausschlag, sondern wie oft du dich in Erinnerung bringst. Die Nase muss denen passen, vielleicht wer richtig schleimt …

UZ: Seit 2009 gibt es einen Betriebsrat.

Arno Hanke: Ja, wusste ich. Kontakt habe ich aber keinen aufgenommen. Das kriegen die mit. Du musst dich abmelden, und dann darfst du hingehen. Aber sie wissen dann, wer du bist.

UZ: Und das hat Konsequenzen?

Arno Hanke: Nicht sofort. Aber vielleicht später mal.

UZ: Weil du nicht übernommen wirst?

Arno Hanke: Vielleicht auch, dass du in der nächsten Saison nicht wieder reinkommst.

UZ: Hast du was vom Streik mitbekommen?

Arno Hanke: Ja, aber nur am Rande. Wenn Streik ist, wird versucht, die Aufträge in ein anderes Zentrum zu verlagern. Und das gelingt auch meistens. Entweder wir sind der Puffer, oder es ist sogar so, dass dann trotz Streik wenig zu tun ist. Spätestens nach einer Stunde läuft das dann reibungslos. Selbst bei spontanen Streiks kriegen die das hin.
Und sie versuchen, die Leute auf ihre Seite zu ziehen. Die sagen nichts Schlechtes über die, die draußen sind. Sie loben nur diejenigen, die zur Arbeit kommen. „Schön, wer jetzt alles hier ist.“ Und: „Da freuen wir uns.“ Drinnen wird dann so etwas wie eine heile Welt suggeriert, wie eine Familie, könnte man schon fast sagen. Dem verfallen dann manche auch.

UZ: Du hattest nicht den Eindruck, dass der Streik das Weihnachtsgeschäft beeinträchtigt?

Arno Hanke: Leider nicht.

UZ: Haben sich Saisonarbeiter am Streik beteiligt?

Arno Hanke: Das kann sein, aber sicher nicht in hoher Zahl. Wer sowieso nicht vorhat, wieder hinzugehen, der kann sich am Streik beteiligen. Er wird deswegen trotzdem bis zuletzt beschäftigt und hat nichts auszustehen. Es wurden auch Zettel von ver.di verteilt, dass das jeder machen kann. Aber viele werden es sicher nicht gewesen sein.

UZ: Wie schätzt du die Wirkung des Streiks ein?

Arno Hanke: Es gibt das Gerücht unter Kollegen, dass Amazon froh sei über den Streik, weil sie dann weniger Beschäftigte bezahlen müssen. Zu dem Streik gibt es aber sehr viele Meinungen, und die gehen weit auseinander. Es wird sich nur im Verborgenen darüber unterhalten, weil man immer Angst haben muss, dass es jemand mitbekommt.
Aber eins ist interessant: Ohne diese Streiks würde es die Lohnerhöhung, die fast jedes Jahr stattfindet, meiner Meinung nach nicht geben. 2010 gab es noch um die 7 Euro, und jetzt sind wir bei 10,50 Euro, nur für Saisonarbeiter. Die Festangestellten haben ungefähr einen Euro mehr. Dass diese Lohnerhöhungen gekommen sind, hat der Streik bewirkt.

UZ: Was denkst du, wie es weitergehen wird?

Arno Hanke: Es gibt Leute, die sagen: Wir bleiben so lange draußen, bis es einen Erfolg gibt. Denn sonst hätten wir nicht anfangen müssen. Und ich glaube, das geht auch weiter mit dem Streik. Jetzt ist es auch eine Prestigefrage, und da sind die Fronten sehr verhärtet. Bis jetzt sehe ich noch kein Entgegenkommen von Amazon.
Ich habe mich mit einem Kollegen unterhalten, der am Streik beteiligt ist. Und er sagt, dass er so lange weitermacht, bis es zum Erfolg führt. Die sich beteiligen, sind meistens Kollegen, die schon fünf oder sieben Jahre im Unternehmen sind. Vielleicht sind es 200 oder 400. Die Zahlen schwanken, ich kann es nicht genau sagen. Aber wer das macht, dazu gehört viel Mut. Das ist beeindruckend.


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Leserbrief zu Artikel »Inside Amazon«, UZ vom 16. Februar 2018





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