Metamorphosen

Wovon reden wir, wenn wir über 200 Jahre Karl Marx sprechen?
Von Georg Fülberth
|    Ausgabe vom 16. Februar 2018

Auf der Jahresversammlung der Marx-Engels-Stiftung am 27. Januar in Wuppertal hielt Prof. Dr. Georg Fülberth einen längeren Vortrag, den wir hier in Auszügen wiedergeben. Der gesamte Text wird in Heft 3/2018 der Marxistischen Blätter zu lesen sein.
Sowohl das eigene wissenschaftliche und politische Wirken von Marx zwischen 1818 und 1883 als auch sein Nachleben von 1883 bis 2018 und wohl auch darüber hinaus waren, sind und werden zweierlei sein: Ergebnisse erstens seiner eigenen Zeit und zweitens der 135 Jahre danach, also der jeweiligen Phase der kapitalistischen Entwicklung. In all diesen Perioden ist seine Theorie neu verstanden und danach akzeptiert oder auch verworfen worden unter Rückgriff auf die je aktuellen Erfahrungen zunächst von Marx und Engels selbst, danach aber auch der auf sie folgenden Generationen …
Er, Engels, aber auch Ferdinand Lassalle verkörperten einen neuen Typus: den des Operativen Intellektuellen. Antonio Gramsci hat bekanntlich zwischen dem Traditionellen und dem Organischen Intellektuellen unterschieden. Engels, Lassalle, Marx, später auch der Drechslermeister und autodidaktische Theoretiker August Bebel, Lenin, Gramsci selbst, Mao Zedong, Mahatma Gandhi, Ho Chi Minh, Palmiro Togliatti waren nicht nur Organische Intellektuelle, in denen eine Klasse oder gar ein ganzes Volk sich wiederfand, sondern zugleich unmittelbare politische Führer und praktische Organisatoren (um nicht zu sagen: Macher) – eine Kombination, die es seit dem Tod Togliattis, Ho Chi Minhs und Maos wohl nicht mehr gibt. Als Operative Intellektuelle haben Marx und Engels schnell Kontakt zu organisierten Arbeitern – meist Handwerkern – gesucht und hergestellt. Diese zeitgenössischen sozialistischen Theorien und praktischen Versuche waren wieder einmal nicht ihr Produkt, sondern umgekehrt, sie gehörten zu den Voraussetzungen ihrer Politik. In Brüssel – dorthin war Marx auf Betreiben der preußischen Regierung aus Paris ausgewiesen worden – gründeten er und Engels ein „Communistisches Korrespondenzbureau“ – wenn man so will: den allerersten Ansatz einer Internationale. Ihre früheste Bezugsorganisation war der „Bund der Gerechten“, in dem sie den utopischen Kommunismus des Schneiders Wilhelm Weitling bekämpften und den sie zum „Bund der Kommunisten“ umformten. Für diesen verfassten sie das „Manifest der Kommunistischen Partei“, niedergeschrieben 1847 und veröffentlicht 1848. Sie nahmen an der Revolution von 1848/1849 teil …
Die beiden Begründer des historischen Materialismus haben einen großen Fundus von Einschätzungen hinterlassen, die auf den Erfahrungen ihrer eigenen Lebenszeit beruhten. Die nächste Generation von Marxistinnen und Marxisten konnte sich der von ihnen entwickelten Methode bedienen, aber ihre eigene Politik konnte sie nur gemäß der sich weiter wandelnden kapitalistischen Wirklichkeit betreiben. … Hierher gehört auch Lenin. In seinem Buch „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“ von 1899 – Untertitel: „Der Prozess der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie“ – legte er dar, dass dieser schon revolutionsreif sei, und sah darin eine Bestätigung der Reproduktionsschemata. Rosa Luxemburg dagegen hielt eine Modifizierung dieser Reproduktionsschemata für geboten, um diese realitätstüchtig zu machen. Sie griff die russische Diskussion auf, befand, dass die von Marx hypothetisch vorgenommenen harmonischen Austauschverhältnisse zwischen Produktionsmittel- und Konsumgüterindustrie entgleisen müssten, sobald man einige Variabeln wirklichkeitsnäher änderte, und gelangte schließlich zu dem Ergebnis, dass Kapitalismus Überakkumulation bedeute. Dies traf sich mit ihrer Beobachtung des zeitgenössischen Imperialismus mit seinem Waren- sowie Kapitalexport und der daraus resultierenden Tendenz zum Krieg. Erst durch diese Wahrnehmung, kombiniert mit Beibehaltung und Modifikation der Marxschen Reproduktionsschemata, kam sie zu ihrem Buch „Die Akkumulation des Kapitals“ von 1913. Um es mit einer Formulierung des ganz jungen Marx zu sagen: Die Wirklichkeit drängte zum Gedanken …
In seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1917) bezog sich Lenin nur indirekt, über Hilferding, auf Marx, empirisch aber auf einen Sozialliberalen, John A. Hobson. Dagegen revitalisierte er gleich anschließend die Auffassungen von Marx und Engels zur Theorie des Staates und der Notwendigkeit seiner Zerschlagung: in seiner 1917 verfassten, 1918 veröffentlichten Schrift „Staat und Revolution“. Auf den ersten Blick liest sie sich wie die philologische Arbeit eines Schriftgelehrten: Lenin hatte alle Äußerungen von Marx und Engels über den Staat gesammelt. Dass er diese Rekonstruktion ihrer älteren Auffassungen vornahm, hatte aber einen aktuellen Anlass: sie waren gleichsam der Anhang zu seinen Aprilthesen von 1917, in denen er die Beendigung der Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Räten zugunsten der letzteren forderte. Lenins Aktualisierung der Staatstheorie von Marx und Engels lenkte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, das umzuwälzen, was diese beiden den „Überbau“ genannt hatten. Dazu gehörte nicht nur der Staat, sondern auch die Gesamtheit der Bewusstseinsformen, einschließlich der Philosophie …
Diese neue Wirklichkeit, die Hilferding und Luxemburg beschrieben, war das, was mehrere Jahrzehnte später Eric Hobsbawm als das „Zeitalter der Katastrophen (1914–1945)“ bezeichnete: zwei Weltkriege, einer von ihnen ein Vernichtungskrieg mit dem Versuch der Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Europas, eine Weltwirtschaftskrise, Faschismus. Es war aber nicht nur ein Zeitalter der Katastrophen, sondern auch des Versuchs der Abwehr dieser Katastrophen: die russische Oktoberrevolution, die Entstehung des Staatssozialismus … Hier haben wir eine ganz andere gesellschaftliche Realität als in der Zeit von Marx und Engels. Für die Marxist(inn)en dieses neuen Zeitalters blieben die materialistische Geschichts- und Gegenwartsauffassung zwar leitend, in ihrer politischen Praxis trat aber nun die Kritik der politischen Ökonomie hinter eine Theorie und Praxis der Politik zurück. …
Der Untergang des Staatssozialismus ab 1989 veränderte die Szenerie, bevor über diese Alternative in den Metropolen des Kapitalismus entschieden war. Mit dem Ende des Staatssozialismus sind Marx und Engels ausschließlich wieder an ihrer alten Wirkungsstätte positioniert: im höchstentwickelten Kapitalismus. Dessen Zustand spiegelt sich darin, dass ganz bestimmte Aussagen ihres Werks hochaktuell erscheinen. Die so genannte Globalisierung wird bereits im „Manifest der Kommunistischen Partei“ beschrieben, die Krisentheorie bereits in den „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ von Engels, vollends aber des „Kapital“ ist durch die vielfältigen Wirtschaftskrisen nach 1989 bestätigt, der finanzmarktgetriebene Kapitalismus lenkt die Aufmerksamkeit auf die Analyse des zinstragenden Kapitals im dritten Band des „Kapital“. Und selbst der Sturz des Staatssozialismus kann als Bestätigung einer Marxschen These gelesen werden, nämlich der Aussage im Vorwort von „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859, dass Produktivkräfte Produktionsverhältnisse sprengen können, die zu eng für sie geworden sind. Allerdings handelte es sich um bisherige staatssozialistische, nicht kapitalistische Verhältnisse – wieder einmal Erfahrungstatsachen, die nicht gegen, sondern für Marx sprachen.
Wenn für Marx und Engels neue Problemlagen zu Metamorphosen ihres jeweils erreichten Theoriestandes führten, so kann das auch für Gegenwart und Zukunft gelten. In einer radikalen Weise führten Karl Hermann Tjaden und Margarete Tjaden-Steinhauer eine solche Auseinandersetzung: durch die Untersuchung der ausbeutenden Verfügungsgewalt nicht nur im Verhältnis von Kapital und Arbeit, sondern auch im Patriarchat und in den Beziehungen der menschlichen Spezies zu ihrer natürlichen Umwelt. …
Bislang wurde davon gehandelt, was der Kapitalismus 200 Jahre lang mit dem Marxismus gemacht hat. Danach müsste darüber geredet werden, was der Marxismus 200 Jahre lang mit dem Kapitalismus gemacht hat, ob er unter dem Einfluss der Arbeiterbewegung sich gewandelt habe. Wer das bejaht, wird auf weitere Fragen geführt, zum Beispiel: waren diese etwaigen Wandlungen positiv oder negativ? Welchen Einfluss darauf hatten in beiden Fällen die einzelnen Richtungen der Arbeiterbewegung, von denen die marxistische nur eine von mehreren ist?
Letzlich: Hat der Philosoph Marx die Welt wirklich verändert oder doch nur interpretiert?
Versuch einer Antwort:
Die Welt hat sich verändert – seit 1780, seit 1818. Daran haben mitgewirkt: die Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse, das Kapital, die Volksmassen einschließlich der Arbeiterklasse. Das Kapital hat sich im Wesentlichen so verhalten, wie Marx es „interpretiert“ hat. Ein Teil der Volksmassen (wenngleich ein kleiner), die an der Veränderung der Welt mitwirkten und noch mitwirken, beruft sich auf Marx. Dieser Karl Marx hat an der Veränderung der Welt zu seinen Lebzeiten sowie posthum teilgehabt und wird auch noch zukünftig daran teilhaben in dem Maß, in dem Volksmassen gemäß seiner Theorie handeln und Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Kapital und politisches Personal darauf reagieren, weil sie darauf reagieren müssen. Mehr sollte man einem Philosophen gar nicht erst zutrauen, und es ist ganz schön viel.


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Leserbrief zu Artikel »Metamorphosen«, UZ vom 16. Februar 2018





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