Interview

Auf Warnstreiks vorbereitet

Werner Sarbok im Gespräch mit Rainer Keil und Bernd Blümmel
|    Ausgabe vom 19. Januar 2018
Ursache für die ernorme Belastung der Kolleginnen und Kollegen bei der Telekom ist der Ausbau des Breitbandnetzes und vor allem aber der Personalabbau der letzten Jahre. (Foto: Deutsche Telekom AG)
Ursache für die ernorme Belastung der Kolleginnen und Kollegen bei der Telekom ist der Ausbau des Breitbandnetzes und vor allem aber der Personalabbau der letzten Jahre. (Foto: Deutsche Telekom AG)

Die UZ sprach mit Rainer Keil und Bernd Blümmel über die Tarifrunde bei der Telekom. Rainer Keil ist Vertrauensmann und Vorsitzender der ver.di-Betriebsgruppe Telekom Südhessen. Bernd Blümmel ist ver.di–Vertrauensmann bei der Telekom und Vorsitzender des ver.di–Bezirksfachbereiches Telekommunikation/IT Südhessen.

UZ: Mit welcher Entgeltforderung geht ihr in die Verhandlungen und wie begründet ihr sie?

Bernd Blümmel: Wir fordern als ver.di–Fachbereich Telekommunikation/IT eine Entgelterhöhung von 5,5 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Für Auszubildende und dual Studierende fordern wir eine Erhöhung der Vergütung um 75 Euro.
Der Vorstand der Telekom hat mehrmals die Prognose für das Geschäftsergebnis 2017 angehoben. Der bereinigte Konzernüberschuss soll um 19,6 Prozent auf 1,2 Mrd. Euro gewachsen sein.
Gleichzeitig ist die Arbeitsbelastung der Kolleginnen und Kollegen auf Rekordniveau gestiegen. Der Ausbau des Breitbandnetzes, vor allem aber der Personalabbau der letzten Jahre und Jahrzehnte sind die Ursachen dieser enormen Belastung. Dabei sind die Lebenshaltungskosten, unter anderem die Fahrtkosten auf Grund der Schließung von Standorten, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Steigende Ausgaben für Lebensmittel, Mieten und Mobilität wirken sich vor allem bei den unteren Einkommen aus. Die sinkenden Preise beispielsweise bei der Unterhaltungselektronik beschönigen zwar die Inflationsrate, Flachbildschirme und Spielekonsolen haben aber nur einen sehr begrenzten Nährwert. Davon lässt sich keine Familie ernähren. Eine deutliche Erhöhung der Einkommen ist also notwendig.

UZ: Wie ist die Forderung innerhalb von ver.di entwickelt worden?

Rainer Keil: In Südhessen haben die Vertrauensleute mit den Kolleginnen und Kollegen in ihren Bereichen über die Forderungen geredet. Tarifrunde und Forderungen sind seit letztem Oktober Thema in den Betrieben der Telekom. Unsere Vertrauensleute haben dann eine Forderungsempfehlung für unseren Bereich entwickelt, die auf einer Mitgliederversammlung diskutiert wurde. In Darmstadt haben sich über 80 Mitglieder aus allen Bereichen und auch aus allen Entgeltgruppen an dieser Versammlung beteiligt. Dort wurde dann nach intensiven Diskussionen mit großer Mehrheit eine Festbetragsforderung beschlossen. Hintergrund ist, dass die Mitglieder der Meinung sind, der Abstand zwischen den einzelnen Entgeltgruppen dürfe sich nicht weiter vergrößern, zumal gerade die Mitglieder im unteren Entgelt-Drittel diejenigen sind, die unsere Forderungen in der Regel mit Arbeitskämpfen durchsetzen.
Die Forderungen aus den einzelnen Bezirken wurden dann auf der hessischen und schließlich auf der Bundesebene zusammengefasst. In Hessen war die Forderung nach einem Festbetrag noch mehrheitsfähig, auf Bundesebene dann aber nicht mehr.

UZ: Gab es in der Vorbereitung auch Stimmen in der Gewerkschaft, die eine Verkürzung der Arbeitszeit gefordert haben. Und was ist daraus geworden?

Bernd Blümmel: Das Thema Verkürzung der Wochenarbeitszeit ist in Südhessen regelmäßig Bestandteil der Forderungsdiskussion und wurde auch immer wieder als Antrag auf Kongresse und Delegiertenversammlungen gebracht. Aktuell gibt es eine Vereinbarung zwischen ver.di und der Telekom, die eine Verkürzung auf 36 Wochenstunden bei Teillohnausgleich ab 2019 vorsieht. Allerdings wurde dies nicht im Arbeitskampf erreicht, sondern über einen „Deal“. Beim laufenden Breitbandausbau steht die Telekom unter erheblichem Druck. Das notwendige Personal fehlt. Der Deal ist, dass die Wochenarbeitszeit in einigen Bereichen befristet erhöht werden kann, um den Ausbau zu stemmen. Diese Bereiche sollen dann auch 2019 von der Arbeitszeitverkürzung profitieren.
In Südhessen hatten wir uns eine Auseinandersetzung um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, die wir für dringend notwendig halten, etwas anders vorgestellt.

UZ: Wie ist die Stimmung innerhalb des Betriebes, für die Forderungen auch auf die Straße zu gehen?

Rainer Keil: Die ist sehr unterschiedlich. In den Service-Bereichen, das sind die Kolleginnen und Kollegen, die beispielsweise die Kabel verlegen und die Anschlüsse schalten, oder die Störungsmeldungen entgegen nehmen, ist die Bereitschaft, sich an Warnstreiks zu beteiligen, hoch. Dort haben wir auch einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. In Bereichen Marketing, Vertrieb, IT, Finanzen und allen anderen Querschnitts- und zentralen Bereichen ist die Streikbereitschaft doch eher überschaubar. In Darmstadt haben wir in den letzten Tarifrunden allerdings eine deutliche Steigerung der Beteiligung an Warnstreiks gerade in diesen Bereichen erreicht. Unser Ziel ist es natürlich, dass diese Entwicklung auch bundesweit einsetzt.

UZ: Wie geht es jetzt weiter in eurem Tarifkampf?

Bernd Blümmel: Die Entgelt-Tarifverträge sind gekündigt und im Frühjahr endet die Friedenspflicht. Wir gehen davon aus, dass es nach dem zweiten Verhandlungstermin zu Warnstreiks kommen wird. Die werden auch notwendig sein. In den letzten Jahren lag das Angebot des Managements immer deutlich unter unserer Forderung. Die Vertrauensleute und viele Kolleginnen und Kollegen bereiten sich auf die Warnstreiks vor.
Im ver.di–Bezirk Südhessen ist es außerdem Tradition, dass sich die Arbeitskampfleitungen der verschiedenen Fachbereiche im Vorfeld zusammensetzen und Möglichkeiten gemeinsamer Aktionen diskutieren. So gab es schon gemeinsame Streikversammlungen und Demonstrationen mit den Kolleginnen und Kollegen des Öffentlichen Dienstes. Für die Streikenden sind solche Aktionen natürlich etwas Besonderes, an die man sich noch lange erinnern wird.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Auf Warnstreiks vorbereitet«, UZ vom 19. Januar 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.