Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 22. Dezember 2017

Sprechverbote
Passend zu allem sonstigen Irrsinn, den wir aus Washington lesen und hören können, gehört die Meldung, dass der US-Seuchenbehörde CDC eine Liste zuging, auf der sieben Wörter benannt sind, die sie in bestimmten Dokumenten nicht weiter verwenden soll. Verbannt sind demnach „Transgender“, „verwundbar“, „Fötus“, „Diversität“, „Anspruchsberechtigung“, „auf wissenschaftlicher Grundlage“ und „auf der Grundlage von Beweisen“ in allen offiziellen Papieren. Das hätten hochrangige CDC-Beamte Mitarbeiter am vergangenen Donnerstag mitgeteilt, nachdem sie von dieser Weisung erfahren haben. Die betroffenen Wissenschaftler reagierten mit „Ungläubigkeit“. Die nun verbotenen Wörter sollen im Zusammenhang mit bestimmten Forschungsprojekten und Programmen beispielweise zur Verhütung von Aids unter Transgendern oder zu den Auswirkungen des Zika-Virus auf Föten nicht mehr verwendet werden. Ein solches Vorgehen ist aus der Geschichte bekannt, autokratische Regime fangen oft damit an, Sprachregelungen durchsetzen zu wollen, sei es durch Verbote oder Bestimmungen, nur noch genehme Worte zu verwenden. Sprechverbote führen zu Denkverboten und dann gibt es die Gleichschaltung in Wissenschaft, Kultur und Politik.
Kunstspektakel
Ralph Rugoff, US-Amerikaner aus New York, wird Leiter der 58. Venedig Biennale im Jahr 2019. Seine Vorstellung: Besucher schippern durch eine Ausstellung oder es werden spektakuläre Lichtshows inszeniert, das ist die Kunst, die er für ein breites Publikum inszeniert. Die beiden letzten Kunstbiennalen in Venedig kamen bei der Kritik nicht besonders gut weg: Okwui Enwezors Biennale 2015 galt vielen als verkopft, soll wohl meinen, zu intellektuell und nur für Insider. Christine Macels Biennale wiederum wurde dieses Jahr von der internationalen Kritik als beliebig und unkritisch gegeißelt. Der Biennalen-Stiftung aber hat die Richtung von Macels Show offenbar gefallen, denn das breite Publikum fühlte sich angeblich angesprochen. 2019 möchte man in Venedig daher noch eins drauflegen und ein richtiges Kunst-Spektakel zünden – sollen die Kritiker doch die Nase rümpfen! Man möchte sich weiterhin dem breiten Publikum zuwenden, heißt es sinngemäß in der Presserklärung – und genau dafür steht der Name Ralph Rugoff. Er hat es in seiner inzwischen elf Jahre währenden Amtszeit als Direktor der Londoner Hayward Gallery geschafft, diese aus dem Schatten der lange übermächtigen Konkurrenz des Tate Modern herauszuholen. Und womit? Er ist ein gewiefter Popularisierer der Kunst – für manche allerdings auch schon fast ein Populist, der wohl einen „Kessel Buntes“ präsentieren will.
#Metoo-Folgen
Die US-Unterhaltungsindustrie reagiert auf immer mehr Vorwürfe über sexuelle Belästigung in der Branche. Eine Kommission soll US-Medienberichten zufolge gleichberechtigte Arbeitsbedingungen schaffen – besonders für Frauen und Randgruppen. Ihren Vorsitz soll Anita Hill inne haben. Sie war bekannt geworden, als sie Anfang der 90er Jahre dem für das oberste Gericht vorgesehenen Richter Clarence Thomas sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. Die Idee für die Initiative kam unter anderem von Lucasfilm-Chefin Kathleen Kennedy, der Co-Vorsitzenden der Nike-Stiftung, Maria Eitel, sowie der Anwältin Nina Shaw. Den Enthüllungen im Sex-Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein im Oktober folgte eine Welle von Missbrauchsvorwürfen gegen Produzenten, Schauspieler, Politiker, Journalisten und andere Männer nicht nur in den USA. Kommissionen schön und gut, aber warum nur in diesem Wirtschaftszweig? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss überall durchgesetzt werden und sexualisierte Gewalt ist bei weitem nicht nur in der Glitzerindustrie üblich. Wer über Grapschen, Zoten, Abhängigkeiten sprechen will, muss über Herrschaft und Macht reden.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 22. Dezember 2017





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