Untot und bösartig

Arnold Schölzel zur Oktoberrevolution in deutschen Zeitungen
|    Ausgabe vom 17. November 2017

Im März 2014 nannte Barack Obama Russland eine „Regionalmacht“, die „nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche“ heraus handele. 2018 werden im polnischen Redzikowo bei Slupsk US-Raketen stationiert, die gegen Russland gerichtet sind. Dessen Führung hat angekündigt, eigene Geschosse im Gebiet Kaliningrad zu stationieren. Die NATO teilte am 8. November mit, sie werde erstmals seit 1991 neue Kommando- und Führungszentralen einrichten. Der Kriegspakt betreibt sein Geschäft wieder wie vor 1991mit einer Mixtur aus Arroganz und Angst gegenüber dem Osten. Für deutsche Bürgermedien kein Problem, der Pawlowsche Reflex blieb ohne Unterbrechung lebendig.
Entsprechend gebärdeten sie sich zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Herablassend wurde doziert, es habe in Petrograd gar keine Revolution gegeben, zugleich aber die Alarmsirene angeworfen: Die „im Erbgut des Systems liegende Bösartigkeit“ (FAZ) sei noch da. Nicht selten stand beides in einem Text. Vor allem aber: Passend zur neuesten deutschen rassistischen Massenbewegung fehlte nirgendwo das Verrühren von Rotem Oktober und 74 Jahren folgender Geschichte zu einem einzigen „Massenmord“. Das ist nationales Erbgut. Die 1918 vom Alldeutschen Eduard Stadtler mit Hilfe von Großindustriellen gegründete „Antibolschewistische Liga“ sah das auch so. Sie finanzierte folgerichtig die Niederschlagung von Spartakus, die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie die begleitende Mordhetze.
So etwas bekommt in Zeiten von AfD und Pegida wieder richtigen Schwung. An die Spitze der publizistischen Bewegung stellte sich 2017 der taz-Mitbegründer und heutige DuMont-Journalist Arno Widmann. Er schrieb in einem Text, der in verschiedenen Blättern („Frankfurter Rundschau“, „Berliner Zeitung“) erschien, unter der Überschrift „Die Utopie vom Massenmord“ u. a.: „Sozialismus hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Nirgendwo im riesigen Russland.“ Es gebe keinen Grund zu feiern, die Revolution „war von Anfang an – und in jeder ihrer Phasen – ‚ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit’“. Nicht ganz so hetzerisch, aber ebenso verlogen formulierten das alle „Qualitätsmedien“, fast wortgleich z. B. Christian Esch im „Spiegel“: Es gebe „bei so viel Blutvergießen“ nichts zu feiern. Ihm fiel immerhin noch ein: Der Oktober kostete nur wenige Menschenleben. Messerscharfe Schlussfolgerung: „Es war im Grunde ein unblutiger Staatsstreich und keine Revolution, was am 7. November geschah.“ Als hätte es nicht vom ersten Tag an bewaffnete Konterrevolutionäre gegeben, als hätten nicht Organisationen, die wenig später faschistisch genannt wurden, ihre über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen im Totschlagen von Revolutionären und bei Judenpogromen sofort aktiviert.
Das Psychomärchen von der bolschewistischen Mordlust wärmte auch Reinhard Veser in der FAZ auf: Die Revolutionäre hätten „den Terror gegen ihre tatsächlichen und vermeintlichen Gegner zum Herrschaftsprinzip“ erklärt. Das Werden eines Industriestaats schrumpft da zusammen auf „exzessive Gewaltanwendung“ und „systematische geistige Manipulation“. Vesers Clou lautet aber: Das „gefährliche Nachleben der Sowjetunion“ besteht nicht „aus einer untoten Gedankenwelt, sondern vor allem aus dem höchst lebendigen Wirken jener Institution“, die Tscheka, NKWD und KGB hieß. Aus ihr stammten Putin und „ein großer Teil der Mächtigen im heutigen Russland“.
Was zu beweisen war: Der Russe ist seit 100 Jahren Bolschewist. Geistig untot, aber bösartig. Dagegen helfen nur US-Raketen und neue NATO-Kommandozentralen.


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