Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 27. Oktober 2017

Liederlich
Auch das Deutsche Historische Museum widmet sich unter dem Titel „1917 Revolution. Russland und Europa“ der Oktoberrevolution. Die Macher konstatieren zwar, dass sie zu neuen Formen in Wirtschaft, Bildung und Kultur führte, nationale, politische und soziale Befreiungsbewegungen förderte und Künstler und Kulturschaffende inspirierte. Und im gleichen Atemzug wie ein Reflex „gab es von Anfang an auch Terror, Gewalt und Repression“. Das Museum selbst stellt historisches Material durch Plakate, Fotografien, Malerei und Aufrufe vor, im Zeughauskino laufen eine Menge sehenswerter Filme aus der UdSSR der Jahre 1924–1938. Die sogenannten Diskussionen und Symposien lassen Figuren wie Biermann auftreten, zumeist moderiert von „Spiegel“-Redakteuren treten sogenannte Osteuropa-Experten an, Geschichte auf gefällige Art im herrschenden Interesse zu erklären. Zu den Sponsoren gehören das Bundeskanzleramt, die „Max-Weber-Stiftung“ (steht unter Aufsicht des Bundesbildungsministeriums) und gerne auch die „taz“.
Gift
Pablo Neruda kämpfte nicht nur politisch auf Seiten des Kommunismus, auch sein poetisches Werk ist Ausdruck von großer Einfühlsamkeit für die Bedürfnisse und Wünsche der Arbeiterklasse. Im Kampf für soziale Gerechtigkeit und eine neue und eigenständige Identität Chiles entstanden Gedichte und Lieder, die ihm die Verehrung seines Volkes einbrachten. 1973, wenige Tage nach dem Militärputsch von Pinochet mithilfe der CIA und kurz vor seiner Ausreise nach Mexiko, wurde sein Tod gemeldet. Nach einem Befund einer internationalen Expertengruppe sei er möglicherweise an einer Vergiftung und nicht an Krebs gestorben. Sie hätten einen Giftstoff gefunden, erklärte der spanische Forensiker Aurelio Luna am Freitag. Weitere Laborstudien könnten bestimmen, ob es sich um eine von Menschenhand ausgeführte Vergiftung handele. Um die Todesursache zu klären, hatte die chilenische Justiz 2013 die Exhumierung von Nerudas Überresten angeordnet. Das 16-köpfige Experten-Gremium, das am Freitag seine Ergebnisse präsentierte, hatte die über Jahre gesammelten Gerichtsakten und medizinischen Befunde analysiert. Der von den Behörden 1973 diagnostizierte Krebstod habe „nichts mit der Realität zu tun“ und könne „mit hundertprozentiger Gewissheit“ ausgeschlossen werden, erklärte der Wissenschaftler am Freitag in Santiago de Chile. Die Fachleute seien bei ihren Recherchen überdies auf bisher nicht entdeckte Bakterien gestoßen, die nun in Labors in Dänemark und Kanada untersucht würden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen dürften neue Erkenntnisse über die wahre Todesursache Nerudas bringen und damit das schändliche, verbrecherische Vorgehen gegen Tausende in dieser Zeit um ein weiteres faschistisches Morden ergänzen.
Gülle
Der Fund eines Ablassbriefes mit dem Namen Martin Luthers führt zu einiger Aufregung, passt überhaupt nicht in die Jubelfeierlichkeiten. „Diesen Ablassbrief hatte der Franziskaner Reinhold Weijenborg schon vor fast 60 Jahren in Madrid entdeckt und ihn 1960 in einem umfangreichen französischen Aufsatz veröffentlicht“, sagte der Kirchenhistoriker Hartmut Kühne in Berlin. Das Stück sei in der deutschen Forschung bekannt und zuletzt im Jahr 2012 analysiert worden. Auf der 1631 erstellten Abschrift des Ablassbriefs ist Luthers Geburtsname „Martin Luder“ gemeinsam mit den Namen vieler Mitbrüder verzeichnet. Luther war damals Mönch im Erfurter Augustinerkloster, später bekämpfte er erbittert den Ablasshandel der Kirche. Für diesen Sinneswandel gab es reichlich Anlass, denn die Kapitalisierung von Seelsorge und moderner Finanztechnik wurde modern, die Kirche verkaufte das verbriefte Heil und stopfte auf diese Weise ihre Haushaltslöcher.


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Leserbrief zu Artikel »Kultursplitter«, UZ vom 27. Oktober 2017





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