Buchmesse als Vehikel

Nationale und auswärtige Kulturpolitik und ihre große Bühne
Von H. B.
|    Ausgabe vom 20. Oktober 2017

Über 50 000 Neuerscheinungen diverser Formate wurden in Frankfurt vorgestellt.

Über 50 000 Neuerscheinungen diverser Formate wurden in Frankfurt vorgestellt.

( UZ)

Der deutsche Buchmarkt hat zur Zeit zwei große Probleme: Die Bibliotheken, besonders die an den Hochschulen, haben mit Hilfe einschlägiger Konzerne, darunter Google, Siemens, Philips, ihre Buch- und Zeitschriftenbestände im großen Stil digitalisiert. Natürlich nicht ohne geschäftliche Interessen. Nun soll das Urheberrecht und daraus abgeleitet das Verlagsrecht so geändert werden, dass die Bibliotheken die weitere Nutzung, gleich Vermarktung, selbst in die Hand nehmen können, ohne Autoren und ihre Verlage überhaupt oder auch nur angemessen zu beteiligen. Das zweite Problem ist der seit Jahren rückläufige Umsatz, der auch durch eigene Online-Shops der Verlage nicht aufgefangen wird. Die Interessenvertretung des Buchmarktes, der Börsenverein für den Deutschen Buchhandel, führt beredt Klage und macht aufwendige Lobbyarbeit.
Die Frankfurter Buchmesse, gerade zu Ende gegangen, ist schon immer nicht nur ein Schaufenster der Adabeis, Wichtigtuer und intellektuellen Schmarotzer, sondern, viel wichtiger, die Bühne, um nationale und europäische Kulturpolitik im eigenen Interesse zu gestalten. Der Veranstalter, die Buchmesse GmbH im alleinigen Besitz des Verbandes, richtet neben Frankfurt noch eine Reihe internationaler Buchmessen aus bzw. ist wesentlich an ihnen beteiligt. Ähnlich wie die Goethe-Institute leistet die Firma einen gewichtigen Anteil an der auswärtigen Kulturpolitik, die im Auswärtigen Amt und im Bundeskanzleramt vorgedacht und vorgeplant wird. Die Frage, welches Land das jeweilige „Gastland“ der Frankfurter Buchmesse wird, gehört ebenfalls in die Kompetenz der Bundesregierung, für dieses Jahr wurde Frankreich auf den Sockel gestellt. Also fand die Eröffnung der Messe mit und durch die politisch Verantwortlichen beider Länder statt. Merkel und Macron gaben sich am Dienstag letzter Woche dann auch alle Mühe, europäische Werte, die Buchkultur und das gemeinsame literarische Erbe in schönen Worten zu beschreiben. „In ihrem Selbstverständnis wüssten die beiden großen europäischen Kulturnationen um den Wert des geschriebenen Wortes, des Buches, einfach als Gut unserer Kultur“, so die Kanzlerin. Und weiter: „in der Literatur spiegelt sich gleichsam die Seele unserer freiheitlich verfassten Gesellschaft wider, in der die Freiheit des Geistes und der Meinungsäußerung einhergeht mit politischer Freiheit“. Dass auf der Buchmesse einige rechtsradikale Verlage nicht nur ausstellten, sondern Lesungen und „Autorengespräche“ anbieten konnten, dazu kein Wort.
In Macrons Rede kam ziemlich viel vor, ein europäisches Urheberrecht, ein neuer Übersetzerpreis, und überhaupt jede Menge Pathos, das der Kanzlerin sichtlich abgeht. Dass der französische Staat nun besonders die Autoren fördern wolle, die aus den ehemaligen Kolonien, die heute „Einflussgebiete“ heißen, stammen und aus wirtschaftlichen Gründen die Herrensprache nutzen, ließ Macron unerwähnt. Lieber redete er über mehr bilinguale Schulen, nannte Übersetzungen „Gesten der Diplomatie“ und Europa sei in einem „Zivilisationskampf“, der durch Demokratie, Marktwirtschaft, soziale Gerechtigkeit und den Austausch von Sprachen zu gewinnen sei. Zu konstatieren ist ein Rückgang an Ausstellern (nur noch knapp über 7 000 aus aller Welt) und ebenso ein Rückgang an teilnehmenden Ländern (nur noch gerade mal 100). Bei den Ausstellern wird der Rückgang ein wenig aufgefangen durch Firmen, die als Dienstleister für Digitalisierung, Online-publishing oder auch dem traditionellen Buch eher fremde, neuartige Formen kommen. Der Rückgang bei den teilnehmenden Ländern ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die Preise für Messestand nebst allen Nebenkosten kräftig angestiegen sind und die berüchtigte Frankfurter Hotellerie ihr Bestes tut, solch arme Schlucker davon abzuhalten, tagelang in Räumen in der Größe von Badezimmern zu hausen.
Den Friedenspreis des Börsenvereins erhielt in diesem Jahr die kanadische Autorin Margret Atwood. Ihr bekanntester Roman „Report einer Magd“ ist weiterhin zu empfehlen, darin üben „die Totalitären“ ihre Macht aus, um das, was erzählt werden darf, zu bestimmen. Sie definieren, wie die Geschichte erzählt wird. Was passiert, wenn diese Macht, die Erzählhoheit zu erobern, ausgenutzt wird, erlebte die Buchmesse am Samstag, als rechte Ideologen die Bühne nutzten. Atwood hielt eine leider langweilige Preisrede in der Paulskirche. Mit Sätzen wie „Ich bin keine echte Aktivistin – eine echte Aktivistin würde ihr Schreiben als Vehikel für ihren Aktivismus sehen – für ihre wichtige Sache, welche auch immer –, und das war bei mir nie der Fall. Es stimmt zwar, dass man keine Romane schreiben kann, ohne die Welt zu betrachten, und dass man sich beim Betrachten der Welt natürlich fragt, was los ist und das dann zu beschreiben versucht; ich glaube, Schreiben ist zu einem Großteil der Versuch zu ergründen, warum Menschen tun, was sie tun. Menschliches Verhalten, tugendhaftes wie teuflisches, versetzt mich immer wieder in Erstaunen. Die Kunst, die wir schaffen, ist spezifisch für die zugrunde liegende Kultur – für deren Standort, deren treibendes Energiesystem, deren Klima und Nahrungsquellen, und für deren Glaubensvorstellungen, die wiederum mit allem verbunden sind. Aber noch nie haben wir keine Kunst geschaffen.“
Ihre Laudatorin, die Schriftstellerin Eva Menasse, hatte auch noch einige wohlfeile Bemerkungen in ihrer Rede, so „ihr Schreiben wappne uns geradezu, gegen eine fundamentalistische Revolution eine gesellschaftliche Antwort ezu finden. Das ist eine Frage, die wir uns heute definitiv drängender stellen als vor 30 Jahren.“ Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, ging in seiner Vorrede dezidiert auf die Gründungsmotivation des Friedenspreises ein und sagte: „Angesichts der Gräueltaten des Naziregimes und der Tatenlosigkeit, wenn nicht sogar Anbiederung der Buchbranche haben Verleger und Buchhändler 1950 den Friedenspreis ins Leben gerufen.“ Wenn da nicht die alljährliche Praxis, rechten und rechtsradikalen Verlagen und ihren Autoren Platz zu verschaffen, eine ganz andere Rede nötig macht.


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Leserbrief zu Artikel »Buchmesse als Vehikel«, UZ vom 20. Oktober 2017





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