Fahrplan korrigieren

Olaf Harms zur ver.di-Strukurreform
|    Ausgabe vom 22. September 2017

Kurz vor der Sommerpause hat der (ausschließlich hauptamtliche) Bundesvorstand von ver.di einen Vorschlag für eine Restrukturierung der bestehenden 13 Fachbereiche in die Organisation gegeben. Bereits Ende September soll dazu eine erste Diskussion im (rein ehrenamtlichen) Gewerkschaftsrat stattfinden; eine Beschlussfassung in diesem Gremium ist bereits für November geplant.
Wir erinnern uns: der Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften (HBV, ÖTV, IG Medien, DPG und DAG) führte im Jahr 2001 zur Gründung von ver.di mit der heute noch geltenden Struktur der Fachbereiche. Damals galt es, insbesondere auf Befindlichkeiten der sogenannten Quell-Gewerkschaften Rücksicht zu nehmen. 16 Jahre nach Gründung von ver.di ist eine Überprüfung dieser Struktur mehr als sinnvoll. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es kaum fachbereichsübergreifende Tätigkeiten gab und sich das Gefühl einschlich, das eigentlich 13 Gewerkschaften sich unter dem Dach von ver.di gebildet haben.
Der Vorschlag des Bundesvorstands sieht vor, 13 Fachbereiche auf vier Fachbereiche zu reduzieren. So soll zum Beispiel aus den bisherigen Fachbereichen Finanzdienstleistungen (FB1), Ver- und Entsorgung (FB2), Bildung, Wissenschaft und Forschung (FB5), Medien, Kunst und Industrie (FB8) und Telekommunikation (FB9) ein neuer Fachbereich gebildet werden. Begründet wird die Zusammenlegung dieser doch sehr unterschiedlichen Fachbereiche damit, dass sie „in besonderem Maße von technologischen Umbrüchen und der Digitalisierung beeinflusst“ sind. Doch diese Begründung trifft auf fast alle Branchen, und damit auch fast alle Fachbereiche, gleichermaßen zu.
Insofern scheint es andere Kriterien für die Zusammenlegung von Fachbereichen zu geben, die mündlich wie folgt geäußert wurden: Die neuen Fachbereiche sollen mindestens 300 000 bis 400 000 Mitglieder mit einem Beitragsvolumen von ca. 100 Mio. Euro p. a. umfassen. Rund 50 Prozent aller (hauptamtlichen) Landesfachbereichsleiter sind bis 2023 entweder in Rente oder nah dran, so dass es hier ein natürliches Abbaupotenzial gäbe. Von den 14 Bundesvorstandsmitgliedern trifft dieses auf 4 zu. Die neue Struktur soll bereits ab 2023 gelten und schon der nächste Bundeskongress von ver.di in 2019 darüber entscheiden.
Oberflächlich betrachtet könnte diese Restrukturierung lediglich ein Kostensenkungsprogramm durch sukzessive Einsparung von Personal sein. Doch bestehen aus meiner Sicht weitaus mehr Risiken. So könnte die Fachlichkeit, insbesondere in kleineren Branchen wie zum Beispiel die der Spielbanken, verloren gehen, weil weniger (hauptamtliche) Gewerkschaftssekretäre in mehr als nur den bisher von ihnen betreuten Branchen unterwegs sein müssen. Darüber hinaus droht die Ehrenamtlichkeit an Einfluss und Gewicht zu verlieren. Denn zukünftige Fachbereichsvorstände werden, wenn sie sich, wie im vorliegenden Beispiel, eins zu eins aus allen Fachbereichsvorständen zusammensetzen, allein schon wegen der Größe nicht mehr handlungsfähig sein. Daraus folgt logisch eine Reduzierung der im neuen Fachbereichsvorstand tätigen ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen.
Ist es bisher Usus, dass in den zentralen Gremien auf Landes- wie auf Bundesebene immer alle jetzt noch bestehenden 13 Fachbereiche vertreten sein müssen, so werden es zukünftig nur noch vier sein. Einige wenige Fachbereiche haben derzeit noch die sogenannte vierte Ebene, das sind im Wesentlichen die Betriebsgruppen und Vertrauenskörper. Ob die Finanzierbarkeit und damit die Aufrechterhaltung dieser wichtigen Ebene bei einem Zusammenschluss mit anderen Fachbereichen bestehen bleibt oder durch Dominanz großer Branchen untergeht, ist offen. Soweit zu einigen wesentlichen Fragestellungen.
Doch es bleibt dabei: Eine Überprüfung der derzeitigen Struktur von 13 Fachbereichen ist mehr als notwendig. Jedoch sind dabei die bisher aufgeworfenen Fragen zu beantworten und insbesondere das Ehrenamt wesentlich stärker in diesem Erarbeitungsprozess mit einzubeziehen. Dabei ist auch die Frage aufzuwerfen, ob nicht eine Reduzierung auf acht oder sechs Fachbereiche ebenso sinnvoll wäre. Dafür braucht es aber Zeit, die der jetzige Fahrplan des Bundesvorstands nicht vorsieht. Insofern bleibt zu hoffen, dass die Organisation diesen Fahrplan entsprechend korrigiert.


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Leserbrief zu Artikel »Fahrplan korrigieren«, UZ vom 22. September 2017





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