Ökonomie 4.0

Georg Fülberth über mehr Arbeitszeit für Reproduktion
|    Ausgabe vom 1. September 2017

Nicht erst der Pillenknick seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ließ die Geburtenrate in Deutschland zurückgehen. Diese Tendenz setzte schon ab ungefähr 1875 ein. Eine sich allmählich herausbildende kleinbürgerliche Mittelschicht, zu der auch die von Engels und später Lenin so genannte Arbeiteraristokratie gehörte, versuchte ihren Nachwuchs zu beschränken: Kinder waren wegen der beginnenden gesetzlichen Rentenversicherung in geringerem Maße für die Altersversorgung ihrer Eltern zuständig. Sie kosteten aber unverändert viel. Die Begrenzung ihrer Zahl sollte es erlauben, den Aufstieg der Familie fortzusetzen: sie sollten es einmal besser haben. Die Mittel, mit denen damals Geburten beschränkt wurden, wurden als unzureichend empfunden. Eine zugleich individuelle und massenhafte, insofern also gesellschaftliche Nachfrage war da und ging dem schließlich auf dem Markt erscheinenden pharmazeutischen Angebot voraus.
Ähnlich steht es mit den Produkten und Verfahren der sich anbahnenden Industrie 4.0: Ersatz körperlicher und geistiger Arbeit durch Digitalisierung und Algorithmen. Man nennt das Prozessinnovation. Letztere gibt es, seit die Menschheit sich Plackerei durch Hilfsmittel erleichtern will. So entstand einst das Rad und so kam es viel später zur Ersten Industriellen Revolution, die nun durch die Dritte und vielleicht sogar Vierte eine neue Dimension annimmt. Hinzu tritt – auch das gibt es, seit wir von den Bäumen herabgestiegen sind, ist aber, da es ja Neues schafft, nicht die Wiederholung des Immergleichen – die Produktinnovation: Bereitstellung immer neuer Mittel, die menschliche Bedürfnisse erfüllen, teilweise sogar erst wecken und bisher ungekannte Möglichkeiten eröffnen. Die Kanzlerin eröffnet die Gamescom.
Auch hier sollte das Verhältnis von gesellschaftlicher Nachfrage und technischem Angebot bedacht werden. Es ist vielfältig, und es empfiehlt sich, wenn man einen Aspekt betont, im Auge zu behalten, dass es auch andere gibt. Nur unter diesem Vorbehalt soll hier ein einzelner Gesichtspunkt herausgegriffen werden. Im Kapitalismus treibt der Wettbewerb Prozess- und Produktinnovation voran. Wer in kürzerer Zeit mehr Waren herstellt als die Konkurrenz und/oder gar völlig neue Güter auf den Markt wirft, hat die Nase vorn. Immer auch treibt die Furcht, zurückzubleiben, Unternehmer, Technik und Staaten voran. Ja, auch Staaten: von ihnen wird verlangt, Wissenschaft und Forschung zu subventionieren und auf vielfältige Weise zu fördern, denn der Wettbewerb ist international. Für Deutschland geht es darum, die Exportüberschüsse zu halten.
Prozessinnovation bedeutet Senkung der gesellschaftlich notwendigen durchschnittlichen Arbeitszeit. Es können pro Stunde mehr Waren erzeugt werden. Dadurch erhöht sich der Profit, oder die Unternehmer geben Preisnachlass und werfen damit Konkurrenten aus dem Markt. Im einzelnen Fall kann verhindert werden, dass innerhalb einer Volkswirtschaft oder einer Firma Jobs wegfallen. Das Nachsehen haben dann allerdings die Belegschaften der anderen Betriebe oder Länder: die Jobs der einen sind die Arbeitslosigkeit der anderen.
Auch das muss nicht sein, nämlich dann nicht, wenn die Entlassenen Arbeitsplätze in durch Prozessinnovation geschaffenen neuen Branchen oder auch in arbeitsintensiven, sich jetzt aber ausdehnenden Bereichen finden. Dazu gehört u. a. – aufgrund der steigenden Lebenserwartung – die Altenpflege. Und dazu ist allerdings Transfer von der Produktion in die Reproduktion nötig. Das ist keine Frage der Technik, sondern der Gesellschaftspolitik, ebenso wie eine Senkung der Wochenarbeitszeit auf – sagen wir mal – 20 Stunden.
Auf Seiten des Kapitals wie der Arbeit geht so der klassenpolitische Bedarf – die Ökonomie 4.0 – seiner technischen Deckung – der Industrie 4.0 – voraus.


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Leserbrief zu Artikel »Ökonomie 4.0«, UZ vom 1. September 2017





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