Ratio contra Atlantik

Christoph Hentschel über Christian Lindners Äußerungen zu Russland
|    Ausgabe vom 18. August 2017

Lindner, der neue Russland-Freund? Lindner, die neue liberale Friedenstaube? In einem Interview erklärte der FDP- Chef, es gäbe Sicherheit und Wohlstand in Europa nur mit Russland. Haben etwa die Neoliberalen die Ratio entdeckt? Vertrauen sie nicht mehr völlig auf die freien Marktkräfte, die alles schon irgendwie regulieren werden? Nein, Lindner und seine Freigeister in der FDP graust es weiterhin vor diesem Mischmasch aus postsowjetischer Folklore, feudaler Zweckmäßigkeit und kapitalistischem Wahnsinn. Was Lindner zum verbalen Russland-Freund machen lässt, ist Ratio, eine ganz bestimmte Vernunft sogar, nämlich die wirtschaftliche. Die Sanktionen gegen Russland schaden der deutschen Exportindustrie mehr als der russischen. Russische Exporte werden einfach mehr nach Osten, nach China und Zentralasien, gekarrt. Waren „Made in Germany“ verstauben unterdessen. Da ist eine Halbinsel wie die Krim es einfach nicht wert, weiter darauf herumzureiten.
Falls nicht gerade ein Weltkrieg entfacht wird, um die Lage komplett neu zu ordnen, fährt der deutsche Imperialismus gut zweigleisig. Zwischen den USA und dem „Westen“ und Russland und dem „Osten“. Sich im eigenen Interesse durchzuschlängeln ist in „Friedenszeiten“ die optimale Lösung. Selbst zu Zeiten des Kalten Krieges war die BRD mit Abstand der größte westliche Handelspartner für die Sowjetunion und die Warschauer-Pakt-Staaten. In Stückzahlen gemessen war das Handelsaufkommen gering, aber die Tür Richtung Osten wurde für die deutsche Monopolbourgeoisie damit offen gehalten. Das zahlte sich nicht nur nach 1990 in barer Münze aus, sondern verdeutlicht auch, dass der deutsche Imperialismus, selbst geschwächt und westintegriert, ein unmittelbares Interesse hat, auf beiden Partys, in Washington und Moskau, zu tanzen.
Dieses schwankende Gleichgewicht kam unter der Regentschaft von Angelika Merkel in bedenkliche Schieflage. Die Transatlantiker und Brückenbauer konnten innerhalb des Berliner Politzirkus ihre Position ausbauen. Die Fixierung auf die USA und die damit verbundene Vorstellung, auf dem Rücken des langsam sterbenden Kolosses USA in ungeahnte Höhen zu steigen, bekommt, spätestens seit Bad Boy Trump an der Macht ist, immer tiefere Risse. Die Vision, mit den USA zur Weltmacht zu gelangen, lässt sich immer schlechter verkaufen und die Kosten steigen und steigen – das musste jetzt Lindner und mit ihm die FDP einsehen.


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Leserbrief zu »Ratio contra Atlantik«, UZ vom 18. August 2017





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