Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 4. August 2017

Forschen ohne Daten
Mit Geschichte, Ursachen und Wirkung der Ausgrenzung von Sinti und Roma in Deutschland und Europa befasst sich die neue Forschungsstelle „Antiziganismus“ an der Universität Heidelberg. Es ist das bundesweit erste Wissenschaftszentrum mit diesem Schwerpunkt. Wenn man der Begründung der CDU/Grünen-Landesregierung folgen mag, dann wolle man ein Zeichen gegen das Schweigen und für die Aufklärung setzen. Baden-Württemberg finanziert die Forschungsstelle mit jährlich 220 000 Euro. Das Zentrum leitet der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum, der sich bisher in diesem Forschungsgebiet noch nicht hervorgetan hat. Der Zentralrat der Sinti und Roma hat sich noch nicht geäußert, Skepsis scheint also angebracht, denn immer noch gibt es Vorschläge wie den der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union, statistische Erhebungen zur Frage etwa der sozialen Lage der Roma oder des Antiziganismus auf ethnischer Grundlage durchzuführen. Dies lehnt die Bundesregierung ab, was bitte soll eine solch neue Forschungsstelle, wenn sie nicht mit konkreten Daten arbeiten kann?
Das nächste Desaster
Angesichts der immer teurer werdenden Sanierung der städtischen Bühnen debattiert man in Köln auch einen kompletten Neubau von Oper und Schauspielhaus. Es müssten Alternativen zum bisherigen Plan geprüft werden, es wird befürchtet, dass die Sanierung weiter ein Fass ohne Boden bleibt. Die zuletzt prognostizierte Summe von bis zu 570 Millionen Euro ist wohl nicht mehr haltbar. Es drohen Kosten wie bei der Elbphilharmonie – ohne dass Köln eine neue Elbphilharmonie bekommt. Öffnen sollen die Bühnen erst wieder Ende 2022. Kölns parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker nennt das ein „Desaster“. Was ein kompletter Neubau kosten würde, könne sie nicht sagen, hatte die Politikerin Anfang Juli erklärt. Diese Alternative sei nie geplant worden. In jedem Fall hätte man dann Hunderte Millionen in den Sand gesetzt und eine Bauruine in der Innenstadt. Das Bau-Ensemble wurde 1957 gebaut, dann wurde nicht mehr saniert, Max Adenauer, damals Oberstadtdirektor, stoppte alle Maßnahmen. 2012 dann der Ratsbeschluss und seitdem die immer gleiche Geschichte von unvorhergesehenen Untergründen, Änderungen durch Wünsche der Verwaltung, Kostenexplosionen. In Köln werden Wetten abgeschlossen über Termine und Kosten, leider keine über politisch Verantwortliche und ob sie die Folgen tragen.
Immer im Blick
Nachdem der unsägliche Beschluss realisiert wurde, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen, die preußisch-wilhelminische Kultur zu reaktivieren und zuletzt die Debatte, ob ein goldenes Kreuz auf die Kuppel gesetzt wird, der nächste Streit: Betreibt das Berliner Humboldt-Forum unzureichende Provenienzforschung? Das meint die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.
Nach ihrem Austritt aus dem Expertenbeirat geht der Streit ums Humboldt-Forum weiter. Den Vorwurf, im Humboldt-Forum würden Objekte ausgestellt, deren Herkunft nicht ausreichend geklärt sei, hält die Ethnologin Anna Schmid im Prinzip für berechtigt. Das habe allerdings nichts damit zu tun, dass man diese Herkunft nicht erforschen wolle, betont die Direktorin des Museums der Kulturen in Basel. „… sondern dass es oft die Möglichkeit nicht gibt – beziehungsweise dass Provenienzforschung eine relativ neue Forderung ist. Eine völlig berechtigte, die aber Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.“ Damit werden die Sammlungen Berliner Museen, die im Humboldt-Forum zusammengefasst werden sollen, auch auf lange Zeit Ausstellungsstücke präsentieren, die eine völlig ungeklärte Herkunft haben, die aus Raub, Diebstahl und Unterschlagung herrühren können und die dem Anspruch, die deutsche Kolonialgeschichte ungeschönt zu erforschen, nicht gerecht werden.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu »Kultursplitter«, UZ vom 4. August 2017





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.