Wo Uli recht hat

Über Sportdirektoren, Synchronschwimmer und Glühwürmchen
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 21. Juli 2017
„Ich habe davon so viel Schimmer wie … ein Kaiserschnurrbarttamarin im Sauerland“ (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tamarin_portrait_edit.jpg]Brocken Inaglory / wikimedia[/url])
„Ich habe davon so viel Schimmer wie … ein Kaiserschnurrbarttamarin im Sauerland“ (Foto: Brocken Inaglory / wikimedia / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Donnerstag. Kurz vor Feierabend. Redakteur „Der Lange“ übermittelt den Auftrag: Schreib mal was über Sportdirektoren im Fußball! Das bevorstehende Wochenende verdunkelt sich rapide. Sportdirektoren? Warum in aller Welt gerade über Sportdirektoren? Ich habe davon so viel Schimmer wie ein Glühwürmchen im Winter, ein Kreisligaspieler beim Synchronschwimmen oder ein Kaiserschnurrbarttamarin im Sauerland.Schnell Allzeithilfe Google einschalten (wie war das eigentlich noch mal im Leben davor?):
Aha: Aufgaben eines Sportdirektors
H Die Kaderplanung und das Scouting für den Lizenzbereich und die Verantwortung für den Nachwuchs
H Bindeglied zwischen Vereinsführung und Trainer
H Arbeit mit den Medien
H Organisation von PR-Terminen sowie Trainingslagern und Freundschaftsspielen
Während meine Augen Richtung Dämmerschlaf tendieren, überlege ich selber: Synchronschwimmer, ach Quatsch: Sportdirektoren… Matthias Sammer fällt mir ein. Ein Ex-DDR-Spieler, der bei uns, Entschuldigung, beim BVB, ein „Leader“ auf dem Platz war und später auch Trainer, bevor er bei den Unaussprechlichen aus München „Sportdirektor“ wurde. Seine Interpretation des Jobs: 48 Stunden am Tag, 11 Tage die Woche auf potenzielle Gegner verbal eindreschen. Er selber erklärte das so: „Wenn man sich der Sache Sportdirektor richtig verschreibt, dann arbeitet man geräuschlos“. Vielleicht ein bisschen sehr Pinocchio, aber gut, wer Herrn Sammer und die Bayern kennt, der wundert sich nicht mehr wirklich: „Ich bin ein Verfechter des Miteinanders. Das ist der wahre Wert – und der geht leider bei manchen etwas verloren“. Kollege Breitbart lässt grüßen.
Michael Zorc, BVB. Eher der verhaltene Typ, lässt lieber den Immer-Redner Präsident Watzke („Wir spielen nicht gegen ‚Barfuß Kairo’, sondern gegen Bayern München.“) sprechen. Er selber macht dann die Reihe zwei und lässt verlauten (nach der Entlassung von Tofu Tuchel); „Beim BVB gibt es im sportlichen Bereich keine Entscheidung, die nicht von mir getroffen und/oder inhaltlich komplett mitgetragen worden wäre“. Was jetzt doch eher wieder auf Synchronschwimmen hindeutet.
Max Eberl (Mönchengladbach), zur Zeit wohl einer der besten Sportdirektoren in der Liga, ist ein akribischer Informationssammler. Warum? „Das ist sehr wichtig, um abschätzen zu können, ob ein Spieler wirklich zum Verein passt oder nicht. Dafür braucht man vor allem ein funktionierendes Netzwerk mit Menschen, von denen man gute, vertrauliche Informationen bekommen kann.“
Was man skurrilerweise nicht braucht, so überhaupt nicht: eine fachlichbezogene Ausbildung. Matthias Sammer ist z. B. gelernter Maschinen- und Anlagenmonteur. Michael Zorc: abgebrochenes BWL-Studium. Rudi Völler: gelernter Bürokaufmann (!). Das bin ich auch, merke ich gerade und frage mich, warum ich hier noch für drei Euro einundzwanzig brutto die Stunde sitze und nicht für zig Millionen bei Bayern München, wo doch der Job des Sportdirektors gerade vakant ist. Obwohl: „Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein.“ (Uli Hoeneß). Recht hat er, der Uli. Und bei so viel Ehrlichkeit bleibe ich dann doch lieber hier im Pott. Vielleicht versuche ich es mal bei der SpVg. Schwarz-Weiss Breckerfeld 1928 oder dem TuS GW Assinghausen 1907 e. V., die haben immerhin ehrliche Tradition. Und bestimmt abends auch Glühwürmchen.


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Leserbrief zu »Wo Uli recht hat«, UZ vom 21. Juli 2017





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